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Lexikon

Menschenbilder

Die rasanten wissenschaftlichen und technischen Fortschritte der letzten Jahrhunderte haben das Selbstverständnis des Menschen gravierend geändert. Kopernikus und Darwin haben mit ihren wissenschaftlichen Revolutionen das Bild vom Menschen verändert („Die Erde ist nicht der Mittelpunkt der Welt“, „Der Mensch ist auch nur ein Tier“). Heute sind vor allem die Biogenetik (menschliches Erbgut ist kopier- und veränderbar), die Medizinethik (assistierter Suizid, Präimplantationsdiagnostik), die Hirnforschung (Wie frei ist der menschliche Wille?) und die Künstliche Intelligenz (Der Geist ist computertechnisch nachzubilden) Bereiche, in denen intensiv Menschenbildfragen und die Notwendigkeit ethischer Grenzen diskutiert werden.

Die Frage nach dem Wesen des Menschen – seiner Besonderheit, seinen Entwicklungsmöglichkeiten und seinem Gestaltungspotenzial – wird kontrovers beantwortet. Einige betrachten den Menschen mit Goethe als „edel, hilfreich und gut“. Andere folgen eher Darwin und sehen ihn als eine Bestie, die ihren Artgenossen zum Wolf werden kann. In der Pädagogik existiert seit Jahrzehnten ein Richtungsstreit zwischen Strenge und Laissez-faire: Ist ein Kind eher ein zu zähmender Tyrann oder eher ein kleiner Gott? Ist der Mensch von Natur aus gut oder böse?

Betrachtet man den Menschen unter theologischen Vorzeichen als Ebenbild Gottes, dessen Körper durch Gottes Geist Leben eingehaucht wurde, der eingeladen ist zu einer Partnerschaft mit seinem Schöpfer? In den Worten von Psalm 8,6 wurde er sogar nur „wenig geringer als Gott gemacht“ und mit Verwaltungskompetenzen über die Erde betraut. Oder werden aus psychologischer Sicht die Umwelteinflüsse betont, die Sozialisation? Oder wird die genetische Ausstattung als prägend angesehen und die Seele als ein „Triebschicksal“ verstanden, die ihren Bedürfnissen ausgeliefert ist? Diese überzeichnete Gegenüberstellung verdeutlicht, wie unterschiedliche Perspektiven die Entwürfe des Menschseins prägen.

Was den Kern des Menschseins ausmacht und wo Unterschiede im Vergleich zu anderen Lebewesen zu finden sind, lässt sich nicht allgemein und eindeutig beantworten. In einer wissenschaftlichen Teildisziplin, der Philosophischen Anthropologie, werden die existenziellen Grundfragen „Was kann ich wissen? Was soll ich tun? Was darf ich hoffen? Was ist der Mensch?“ systematisch reflektiert. In den letzten Jahren haben die kritischen Impulse dieser Denkrichtung wieder mehr Aufmerksamkeit erlangt, weil sich durch die populär gewordenen „Life Sciences“ mit ihren Selbstoptimierungstendenzen, durch die Kontroversen in der Medizinethik in Bezug auf Lebensbeginn und -ende sowie durch die gesellschaftlichen Herausforderungen der Digitalisierung die Frage „Was ist der Mensch?“ verschärft stellt (vgl. Ebke/Hoth 2019). Außerdem stellt der enorme Wissenszuwachs unserer Zeit, der durch die digitale Revolution nochmals gesteigert wurde, feste Strukturen und Grenzen eines Wertesystems infrage. Das immer umfangreicher werdende Spezialwissen – die Menge an produzierten wissenschaftlichen Daten verdoppelt sich jährlich – stellt eine große Herausforderung für den Entwurf eines umfassenden Menschenbilds dar, das alle Details zu integrieren vermag.

Immerhin liegen heute psychologische Anthropologien vor, die aufgrund empirischer Befunde erarbeitet wurden (z. B. Frick 2013). Sie versuchen differenziert, Kernmerkmale des Menschen zu bestimmen, ohne die individuelle Vielfalt zu reduzieren. Dennoch ist die weltanschauliche Perspektive entscheidend: Was der Mensch ist oder werden kann, hängt unter anderem von den subjektiven Voraus-Setzungen und Werten ab, die das eigene Leben bestimmen.

Verfügungs- und Orientierungswissen

Ein Großteil des verfügbaren Wissens der Menschheit wird seit der digitalen Revolution sekundenschnell zugänglich. Was aber nützt detailliertes Faktenwissen, wenn es an Weisheit zum richtigen Umgang damit mangelt? In der heutigen Informationsgesellschaft sind nicht nur Fakten, sondern ist Orientierungswissen gefragt. Dieses intuitive Wissen liefert „Kriterien, die Menschen erlauben, ihr Leben als gelungen zu betrachten“ (Baatz 2017, 21). Während die Fakten des Verfügungswissens immer und überall im Internet abgerufen werden können, mangelt es an Kriterien, nach denen die Informationsflut bewertet und gedeutet werden kann. Eine funktionierende Gesellschaft benötigt wissende Menschen, die gefundene Informationen mit Weisheit auswerten und anwenden. Der verantwortliche Umgang mit den Fakten erfordert eine weltanschauliche Orientierung, die jeweils auf einem bestimmten Menschenbild gründet. Orientierungswissen ermöglicht es dem Einzelnen, sich in einer bestimmten Situation persönlich stimmig zu entscheiden. Nicht allumfassende Erklärungen und widerspruchsfreie Theorien sind gefragt, sondern handlungsbezogene Kriterien. Orientierungswissen ist darum immer perspektivisch. Die persönlichen Entscheidungen tragen zur Identitätsbildung bei und formen einen unverwechselbaren Charakter.

In der Erarbeitung einer eigenen Weltanschauung und eines persönlichen Menschenbildes sieht der Psychologe Hellmuth Benesch das wichtigste Merkmal menschlicher Geistestätigkeit. Dies sei heute nötiger als zu früheren Zeiten, weil „das selbstverständliche Vertrauen in die geistige Geborgenheit eines allgemein anerkannten Weltanschauungssystems verloren“ gegangen sei (Benesch 1990, 21). Benesch unterscheidet fünf Dimensionen einer Weltanschauung: 1. Weltbild: Wie erklärt man sich die Welt, und was passiert nach dem Tod? 2. Menschenbild: Was sind Besonderheiten, was die Grenzen des Menschen? 3. Sinngebung: Was macht den Alltag bedeutungsvoll? 4. Wertekanon: Welche Ideale werden verfolgt? 5. Moral/Ethik: Welche Regeln und Normen sind verpflichtend?

Die neue Herausforderung Digitalisierung

Durch die digitale Revolution stellen sich beim Thema Menschenbild ganz neue Fragen. Die zunehmenden Anwendungen von maschinellem Lernen und Künstlicher Intelligenz haben zwar unbestreitbaren Nutzen, rufen aber auch Schreckensbilder einer Unterwerfung des Menschen durch klügere Maschinen oder einer umfassenden Kontrolle und Überwachung der Privatsphäre („big data“) hervor.

Damit werden die Ideale Freiheit und Selbstbestimmung berührt, die in unserer Gesellschaft das Menschenbild prägen. Um diese zu sichern, haben Wissenschaftler ein „Digital-Manifest“ formuliert (vgl. Könneker 2017, 3-22). Darin warnen neun internationale Experten vor der Aushöhlung der Demokratie und der Bürgerrechte als Folge der digitalen Technikrevolution. Sie warnen vor einer Automatisierung der Gesellschaft, vor einer Entwicklung totalitärer Züge. Durch immer weiter verbesserte Gehirn-Computer-Schnittstellen entsteht das Phänomen einer „virtuellen Verkörperung“ durch Avatare und Roboter (Thomas Metzinger in Könneker 2017, 261-277). Allerdings sind viele Fragen offen – zum Beispiel, wer im Streitfall für Schäden verantwortlich ist, die Roboter angerichtet haben: der Hersteller, der Software-Ingenieur oder der Besitzer der Maschine. Welche Folgen die Ausbreitung virtueller Verkörperungen und die Digitalisierung allgemein für das Menschenbild haben, ist derzeit nicht abzusehen.

Mehr als ein materialistisches Menschenbild?

Wissenschaftliche Erkenntnisse genießen in einer hochtechnisierten Gesellschaft eine hohe Priorität. Das anthropologische Alleinstellungsmerkmal Selbstbewusstsein hat aber dazu geführt, dass die Erste-Person-Perspektive der Subjektivität in den letzten Jahren auch in den Gesundheitswissenschaften an Bedeutung gewinnt. Im „Galileo Commission Report“, der im Herbst 2018 veröffentlicht wurde, schlussfolgern mehr als 90 internationale Wissenschaftler, dass trotz der unbestreitbaren Errungenschaften der Naturwissenschaften wichtige Erkenntnisse bisher nicht beachtet worden seien. Ein strikt materialistisches Welt- und Menschenbild könne Phänomene wie Nahtoderfahrungen oder Berichte über nicht-lokale Wahrnehmungen nicht erklären. Dieses Netzwerk von Wissenschaftlern will Brücken zwischen Naturwissenschaften, Spiritualität und Bewusstseinsforschung bauen und plädiert für eine Erweiterung der Wissenschaften über die selbst auferlegten Grenzen hinaus, indem das Bewusstsein als grundlegend für die Materie und nicht umgekehrt betrachtet und anerkannt wird (vgl. Walach 2018). Die subjektive innere Erfahrung wird damit aufgewertet und als wichtige Erkenntnisquelle für Orientierungswissen gewürdigt. Im Bericht wird ein Modell mit zwei komplementären Perspektiven vorgestellt, in dem Materie und Geist, Bewusstsein und die damit einhergehende neuronale Aktivität zwei Aspekte der menschlichen Realität sind. Bewusstsein wird als ein eigenständiger Bereich verstanden, der den inneren Aspekt einer materiellen Struktur bildet. Hier bietet sich auch die Gelegenheit, theologische Einsichten über den Menschen in das interdisziplinäre Gespräch einzubringen, ohne esoterischen Spekulationen zu folgen.

Menschenbilder im Gespräch

Straub (2016) ruft in einer kulturpsychologischen Studie zu einem Dialog der tief verfeindeten Geschwister Wissen und Glauben auf. Als Brückenkopf dient ihm eine Säule der Identität, von der aus nach seiner Überzeugung ein sachgemäßer Dialog mit Andersglaubenden geführt werden kann. Nach Straub bietet gerade ein säkulares Zeitalter eine vorzügliche Plattform, auf der religiöse und nichtreligiöse Lebensformen friedlich miteinander zusammenleben könnten. Nach seiner Überzeugung verläuft heute die politisch bedeutsame Trennlinie keineswegs zwischen religiösen und nichtreligiösen Menschen, sondern zwischen Menschen, die ihren Glauben in ihr Selbstverständnis integriert haben und solchen, die mit Feindbildern das Fremde pauschal abwerten. Straub bezeichnet letztere als „totalitär strukturiert – gleichgültig ob sie nun gläubig sind oder nicht“ (ebd., 112). Ein religiöser Glaube, der in der personalen Identität eines Menschen gründet, ist nach Straub für die Erfahrung von Zweifeln und von neuen, alternativen Sinndeutungsmodellen offen. Derart personalisierter religiöser Glaube könne in einen offenen Dialog mit säkularen Lebensformen treten. Anstatt zu rivalisieren und sich gegenseitig abzuwerten, könnte gemeinsam nach dem Sinn im Tragischen und potenziell Absurden der menschlichen Existenz gefragt werden. Die atheistische Position Straubs ähnelt an dieser Stelle der christlichen Glaubenshaltung, die den Charakter lebenslang formt, Phasen des Zweifelns aushalten muss und offen ist für Neues.

Welt- und Menschenbilder sind für die persönliche Sinn- und Lebensdeutung unverzichtbar. Früher boten religiöse Milieus ein weit verbreitetes Rahmenmodell zur Bestimmung der persönlichen Weltanschauung (vgl. Gabriel 2018). Aus Statistiken und Prognosen zur Kirchenmitgliedschaft geht hervor, dass die Bedeutung des christlichen Menschenbildes weiter abnehmen wird. Deshalb ist das Gespräch mit anderen Wirklichkeitskonstruktionen wichtiger als früher. Für offene Gespräche in einer multikulturellen Gesellschaft, in der man vielen fremden Weltanschauungen begegnet, ist das Wissen um die eigene weltanschauliche „Brille“, die eigene Standortbestimmung wichtig.

Weltweit ist eine beängstigende Zunahme von unversöhnlichen Standpunkten, Feindbildern und fundamentalistischen Gesinnungen im politischen und religiösen Gewand zu beobachten. Angesichts dessen ist eine interkulturelle und interreligiöse Verständigung auf Augenhöhe heute nötiger denn je. Die Offenlegung der eigenen Menschenbild-Annahmen verbessert die Verständigung. Der gesellschaftliche Zusammenhalt erfordert heute Toleranz gegenüber fremden Menschenbildern und Religionen, weil sich in einer weltanschaulich pluralen Gemeinschaft traditionelle und neue Lebensformen sowie religiöse und säkulare Ideale berühren. Die Abschottung in geschlossenen weltanschaulichen Milieus, die hauptsächlich auf Vorurteilen beruht, kann durch die Reflexion und Transparenz der eigenen Menschenbild-Annahmen aufgebrochen werden. Hier können Christen hoffnungsvolle Zuversicht in die aktuellen gesellschaftlichen Konflikte hereintragen und das Beste für die Stadt suchen und für sie beten (vgl. Jer 29,7).

Über das eigene Menschenbild wird bisher zu selten nachgedacht oder gesprochen, weil es sich eher intuitiv bildet. Die tief verwurzelten Werthaltungen und Weltbilder werden meistens zur Privatsache erklärt. Im Zeitalter der Menschenbild-Vielfalt ist hier ein Umdenken nötig und eine Dialogkultur einzuüben, in der die persönliche Sichtweise ins Gespräch mit anderen Perspektiven gebracht wird. Wenn die Menschenbild-Annahmen reflektiert und kommuniziert werden, können unterschiedliche Wertesysteme und Sinngebungen in den Dialog gebracht werden. Trotz unterschiedlicher Menschenbilder, Werte und Ideale kann zusammen am Gemeinwohl gearbeitet werden.


Literatur

Baatz, Ursula (2017): Spiritualität, Religion, Weltanschauung. Landkarten für systemisches Arbeiten, Göttingen
Benesch, Hellmuth (1990): Warum Weltanschauung. Eine psychologische Bestandsaufnahme, Frankfurt a. M.
Ebke, Thomas / Hoth, Sabina (Hg., 2019): Die Philosophische Anthropologie und ihr Verhältnis zu den Wissenschaften der Psyche, Berlin
Frick, Eckhard (2013): Psychosomatische Anthropologie, Stuttgart
Gabriel, Karl (2018): Religiöses Milieu, in: Pollack, Detlef u. a. (Hg.): Handbuch Religionssoziologie, Wiesbaden, 611-630
Könneker, Carsten (Hg., 2017): Unsere digitale Zukunft. In welcher Welt wollen wir leben?, Heidelberg
Straub, Jürgen (2016): Religiöser Glaube und säkulare Lebensformen im Dialog. Personale Identität und Kontingenz in pluralistischen Gesellschaften, Gießen
Walach, Harald (2018): Science beyond a materialistic world view. Towards a post-materialistic science, London
www.galileocommission.org/wp-content/uploads/2018/11/Galileo-Report-Final.pdf (Abruf: 5.3.2019)

Prof. Dr. Michael Utsch, April 2019