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Materialdienst 10/2018

Missbrauchsfälle in religiösen Mileus

In der öffentlichen Meinung haben Religionen oft keinen guten Ruf. Häufig werden damit bedürfnisfeindliche Moralvorstellungen, fanatische Überzeugungen und Scheinheiligkeit verbunden. Mehrere Skandale in ganz unterschiedlichen religiös-weltanschaulichen Milieus haben in den letzten Monaten dem öffentlichen Ansehen der Religionen weiter geschadet. Übergreifend ging es dabei um den Missbrauch von Macht. Auch spirituelle Leiter scheinen entgegen ihren moralischen Ansprüchen und Lehren nicht davor gefeit zu sein. Häufiger wurde auf die Gefahren narzisstischer Größenfantasien und fehlender kollegialer Korrektur hingewiesen. Um den Versuchungen des Machtmissbrauchs nicht zu erliegen, müssen Leitungspersonen über ein hohes Maß an persönlicher Integrität und Charakterstärke verfügen. Auch wenn sich die Organisationsformen und Glaubensinhalte von religiösen Milieus und Szenen sehr unterscheiden, können soziale Strukturen und Beziehungssysteme vergleichbar sein.

Papst Franziskus hat im August in einem vierseitigen Schreiben Fehlverhalten von Amtsbrüdern eingestanden und die Opfer um Vergebung für das Versagen der katholischen Kirche im Umgang mit Missbrauch an Kindern und anderen Schutzbefohlenen gebeten. Dieses deutliche öffentliche Zeichen geht vielen aber nicht weit genug. Aufschreie der Empörung in Australien, den USA, Chile und Irland erschüttern die lokalen Kirchen und erwarten weitergehendes Handeln vom Oberhaupt der Weltkirche. Zudem wird Franziskus vorgeworfen, er selbst habe Missbrauchsfälle eines amerikanischen Erzbischofs vertuscht. Der ehemalige apostolische Nuntius in den USA, Erzbischof Carlo Maria Viganò, hat deshalb Papst Franziskus kürzlich in einem öffentlichen Brief sogar zum Rücktritt aufgefordert. Wie aktuell aus dem Vatikan verlautet, will der Papst die Spitzen aller nationalen Bischofskonferenzen im Februar 2019 zu einem Gipfeltreffen nach Rom laden, um über das Thema Missbrauch in der katholischen Kirche zu beraten.

Vor gut einem Jahr haben acht langjährige und einflussreiche Schüler von Sogyal Rinpoche, dem Begründer und Leiter des tibetisch-buddhistischen Rigpa-Netzwerkes, konkrete Vorwürfe und Anklagen gegen ihren Lehrer im Internet veröffentlicht. Sie werfen ihm körperliche Gewalt und sexuellen Missbrauch in einer Vielzahl von Fällen über Jahrzehnte hinweg vor. Sogyal Rinpoche hat sich seitdem zurückgezogen, aber zu den Vorwürfen bis jetzt geschwiegen. Der Dalai Lama ermutigt in einer Reaktion auf die Vorwürfe zu einer kritischen Haltung gegenüber Leitern. Schüler sollten dem Guru nie blind folgen. Jeder Schüler müsse die Unterweisung des Lehrers auf ihre Übereinstimmung mit dem Dharma, der wahren buddhistischen Lehre, prüfen. Bei massivem Abweichen des Lehrers von der buddhistischen Ethik solle dies öffentlich gemacht werden. In einem weiteren Missbrauchsskandal ist das auch beherzigt worden. Der Leiter von Shambhala International, Sakyong Mipham Rinpoche, ist im Juli nach den Vorwürfen sexuellen Missbrauchs mehrerer Schülerinnen zurücktreten. Shambhala unterhält weltweit mehr als 200 Meditationszentren und ist wie Rigpa eine der größten buddhistischen Organisationen des Westens. Anders als bei dem Rigpa-Skandal informierte die Gruppe die Öffentlichkeit zeitnah über die Vorwürfe und gab bekannt, dass auch der Leitungskreis zurücktreten werde und sich die Gemeinschaft neu orientieren müsse.

Im Zusammenhang mit Vorwürfen gegen den Gründer der Willow-Creek-Gemeinde in der Nähe von Chicago, Bill Hybels, sind im August das Leitungsgremium und die beiden Hauptpastoren der Megakirche zurückgetreten. Nachdem im Frühjahr von zu langen Umarmungen und einem unangemessenen Kuss die Rede gewesen war, hatte Hybels die Leitungsposition geräumt. Die Situation spitzte sich zu, als im Sommer eine frühere Mitarbeiterin ihrem ehemaligen Chef öffentlich sexuellen Missbrauch vorwarf. Die evangelikale Freikirche ist im deutschsprachigen Raum durch ihre Gemeindeaufbauprogramme und Leiterschulungen bekannt. Ein jährlich stattfindender Willow-Creek-Leitungskongress („Global Leadership Summit“) wird in 59 Sprachen übersetzt und in 125 Länder übertragen. Im Frühjahr ließen sich in Dortmund 10000 Teilnehmer aus Landes- und Freikirchen schulen – auch vom Gründer. Hybels selbst hat sich zu den neuerlichen Vorwürfen bis jetzt nicht geäußert.

Die Gründe für das (vermutliche) Fehlverhalten der Leiter in den genannten Milieus sind komplex und individuell unterschiedlich gelagert. Vorwürfe religiösen Missbrauchs bedürfen zudem einer sorgfältigen Prüfung, weil in Zeiten von „#MeToo“-Kampagnen die Wahrheitsfindung nicht einfach ist. Außerdem kann die katholische Weltkirche nicht mit anderen Gruppen gleichgesetzt werden, zu unterschiedlich sind die Organisationsstrukturen der römischen Kurie, buddhistischer Meditationsgruppen oder einer evangelikalen Mega-Church. Dennoch machen die aktuellen Skandale deutlich, wie schwierig religionsübergreifend der Umgang mit Sexualität und Macht ist. Die gefährliche Tendenz von Mitgliedern religiöser Gruppen, den Leiter maßlos zu idealisieren, kann durch das Eingestehen eigener Schwächen seitens der Leiter eingedämmt werden. Bei Versäumnissen und Fehlern von Leitern sollten die Organisationen und Verbände sich um größtmögliche Transparenz bemühen, um weiteren Schaden zu vermeiden. Häufig mangelt es den Leitern an einer Fehlerkultur und einer realistischen Selbsteinschätzung. Mehr Teamarbeit, fachliche Supervision, geistliche Begleitung und Coaching können ihnen helfen, sich nicht zu überschätzen und ehrlich zu bleiben.
 
Michael Utsch
  

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