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Materialdienst 9/2010
Annette Kick

Was ist anders bei "Wort+Geist"

Ein Erklärungsversuch

Die Wort+Geist-Bewegung mit ihrem Zentrum in Röhrnbach im Bayerischen Wald, die inzwischen mit 30 Tochtergemeinden in Deutschland, Österreich und der Schweiz präsent ist, begegnet uns in der Beratungsarbeit seit Jahren als eine Gruppierung mit radikalen Lehren und Praktiken und hohem Konfliktpotenzial. Die Radikalisierungen, die seit 2008 eingetreten sind, bedeuten nur eine weitere Steigerung. In den letzten Monaten häuften sich allerdings kritische Berichte und Stellungnahmen in einer breiteren Öffentlichkeit. So titelte „idea Spektrum“ am 9. Dezember 2009: „Im Bann des Heilers. Wie aus einer Freikirche eine Sekte wurde.“ Der Abdruck verschiedener Distanzierungen wurde mit der Einschätzung eingeleitet: „Man kann nur warnen. Bei der Beurteilung der Bewegung ‚Wort und Geist‘ sind sich die Volkskirche, die Charismatiker und die Pfingstkirchen einig.“1 Doch sind sich wirklich alle einig in der Analyse?

Es gibt trotz der Extreme bei Wort+Geist viele Gemeinsamkeiten mit anderen neupfingstlichen Gemeinden. Nicht ohne Grund wurde von dem, was in Röhrnbach geschah, bis 2006 in der Zeitschrift „Charisma“ begeistert berichtet. Die Distanzierungen im neupfingstlichen Spektrum begannen erst, als Wort+Geist rücksichtslos Gemeinden spaltete und kritische Medienberichte über die radikale „Sekte“ erschienen.2 Mit der These, hier sei eine (harmlose) Freikirche zur Sekte geworden, lenkt man von Gemeinsamkeiten ab. Ein „Pastor“ beklagt sich in seinem Blog, dass durch Wort+Geist die „gute Theologie“ Hagins und die von ihm geprägte „Glaubensbewegung sehr in Verruf kommt“.3 Meines Erachtens ist es aber umgekehrt: Gerade durch die Radikalität der Wort+Geist-Bewegung wird die Gefährlichkeit der Glaubensbewegung, des Wohlstandevangeliums nach Kenneth Hagin (1917-2003) mit seinen unbiblischen Lehren zur Kenntlichkeit gesteigert. Eine ehrliche Auseinandersetzung mit den Gemeinsamkeiten und Unterschieden wäre hilfreicher, als Wort+Geist einfach in die Sektenecke zu stellen und von allen „Freikirchen“ abzugrenzen.

Dennoch ist festzustellen, dass Wort+Geist sich anders entwickelt als andere Gemeinden, die vor 20 bis 30 Jahren ähnlich gestartet waren: mit einem starken charismatischen Leiter, einem großen Enthusiasmus und einer Wohlstandstheologie. Inspiriert von Max Webers Ausführungen über die „charismatische Herrschaft“4 als einem von drei „Typen der Herrschaft“ soll hier ein Erklärungsversuch für die besondere Entwicklung von Wort+Geist unternommen werden.

Am Anfang war die Kraft

Wie bei vielen neupfingstlich-charismatischen Gemeinden steht das Berufungserlebnis des Leiters am Anfang. Eine starke Kraft habe sich 1990 auf Helmut Bauer gelegt, so heißt es über den Ursprung von Wort+Geist. Sofort seien Wunder um ihn herum geschehen. 20 Jahre später wird die Berechtigung des Aposteltitels, der Bauer von seinen Anhängern zugesprochen worden ist, immer noch mit den von ihm bewirkten Machttaten und großen Wundern begründet.

Bauer verkörpert so auch 20 Jahre nach seiner „Berufung“ und zehn Jahre nach der Gründung einer eigenen Bewegung den von Max Weber beschriebenen Typ „charismatischer Herrschaft“. Dieser Typus tritt im religiösen Bereich, im politischen und in anderen Bereichen auf. Er zeichnet sich durch die unmittelbare Hingabe der Gefolgschaft an einen Führer aus, dem übernatürliche Eigenschaften zugeschrieben werden. „... die charismatische Herrschaft, die sozusagen nur in statu nascendi in idealtypischer Reinheit bestand“, muss nach Weber ihren Charakter ändern, wenn eine „Dauerbeziehung“, eine „Gemeinde“ entsteht.5 Tatsächlich kann man diese von Weber beschriebenen Prozesse der Institutionalisierung bei fast allen anderen neupfingstlichen Gemeinden feststellen. Das Besondere an Wort+Geist ist nun meines Erachtens, dass sich diese Bewegung bewusst oder unbewusst gegen die Verkirchlichung sträubt und die Ursprungsform der charismatischen Führer-Gefolgschafts-Beziehung aufrechterhält. Das zeigt sich schon strukturell.

Strukturelle Besonderheiten

• Die Verfestigung von „Dauerbeziehungen“ wird vermieden. In dem im September 2009 herausgegebenen Heft „Profil und Lehrsätze der Wort+Geist-Stiftung“ wird betont: „Organisatorisch gibt es bei Wort+Geist keine Strukturen, die Menschen an die Stiftung binden könnten. Außerdem existieren bei uns keine Mitgliedschaften oder Mitgliedssteuern bzw. -beiträge. Unsere Veranstaltungen sind offen für alle und kostenlos. Jeder nimmt freiwillig und unverbindlich an den Veranstaltungen teil.“6 In der Stellungnahme, die bereits am 30. Juli 2009 versandt worden war, wird dies so konkretisiert: „Es gibt keine Gebetstreffen, Gesprächsgruppen, Seelsorge- und Mentoring-Beziehungen und somit keine Rechenschaftspflicht, die die Persönlichkeitsentwicklung des Einzelnen beeinflussen und letztlich manipulieren könnte.“7 Dass Beeinflussung und Manipulation nicht stattfinden, muss bezweifelt werden. Aber sie finden tatsächlich nicht durch die sich üblicherweise herausbildenden Gemeinschaftsformen statt. Jeder „ist frei, diese [die Veranstaltungen] jederzeit zu verlassen oder ihnen fern zu bleiben“8. Wenn also die ursprüngliche Beziehung, gekennzeichnet durch „Anerkennung [des Führercharismas] durch die Beherrschten“ in „ganz persönlicher Hingabe“9 nicht mehr gegeben ist, gibt es nur die Möglichkeit, eigentlich die Pflicht, die Bewegung zu verlassen. Distanziertere und kritische Formen einer „Mitgliedschaft“ sind nicht vorgesehen.

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Anmerkungen

1 Idea Spektrum Nr. 50, 9.12.2009, 22.
2 Ein Beitrag in ZDF Frontal21 am 13.10.2009 erlangte besonders viel Aufmerksamkeit.
3 www.pastor-storch.de/2009/07/18/wug-die-glaubensbewegung.
4 Vgl. Max Weber, Wirtschaft und Gesellschaft – Grundriss der verstehenden Soziologie, Tübingen, 51972. Max Weber, einer der wesentlichen Begründer der Religionssoziologie, entwickelte diese Typologie maßgeblich durch das Studium erwecklicher Aufbrüche in den USA vor dem Ersten Weltkrieg.
5 Ebd., 142.
6 Profil und Lehrsätze der Wort+Geist Stiftung, Nürnberg, September 2009, 3; auch unter www.wortundgeist.de.
7 Stellungnahme zur Kritik an der WORT+GEIST-Bewegung, die am 30.7.2009 u. a. an Weltanschauungsbeauftragte versandt wurde, 1.
8 Profil und Lehrsätze der Wort+Geist Stiftung, a.a.O., 3.
9 Max Weber, Wirtschaft und Gesellschaft, a.a.O., 140.

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