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Materialdienst 4/2004
Andreas Fincke

Freie Theologen, freie Redner, freie Ritendesigner

Der neue Markt kirchenferner Riten

Im Internet bietet eine Diplom-Theologin alternative Hochzeiten an. "Christlich, aber nicht in der Amtskirche", "weltlich, aber mit feierlicher Zeremonie" und "irgendwie anders, (aber) ganz persönlich und unkonventionell".1 Besser kann man die Befindlichkeit vieler Zeitgenossen kaum erfassen: Man wünscht sich (zumindest in Deutschland-West) ein wenig von der christlichen Tradition - und geht schnell auf Distanz zur Institution, man möchte es ohne Kirche, aber doch feierlich. Also: In der Kirche ohne Kirche und schließlich "anders", was immer das ist, und doch - ganz persönlich. 

Bestattungskultur im Wandel

Je nach Art des gewünschten Rituals ist der Bedarf an kirchlichem Bezug unterschiedlich. Alternative Taufen oder "Begrüßungsfeiern" für ein neugeborenes Kind sind relativ selten anzutreffen, bei Eheschließungen wird die Distanz vieler Menschen zur Kirche schon sichtbarer. Bestattungen finden zwar überwiegend noch mit kirchlicher Begleitung statt, gravierende Veränderungen zeichnen sich jedoch auch ab. So ist in Berlin der Anteil der Beerdigungen, die mit kirchlichem Geleit erfolgen, allein in den letzten drei Jahren nochmals deutlich gesunken und hat einen historischen Tiefststand erreicht. Mit anderen Worten: Die Bestattungskultur ist wie noch nie in Bewegung geraten - und das ist ein Indiz für weitgehende Veränderungen auf dem Markt der (kirchenfernen) Riten.

Wenn in Berlin in den letzten drei Jahren Beerdigungen mit kirchlichem Geleit von knapp 40  Prozent auf 35 Prozent zurückgegangen sind,2 so heißt das konkret, dass heute in Berlin prozentual weniger Menschen mit kirchlichem Geleit beerdigt werden als selbst 1980 in der DDR.3 In einigen ostdeutschen Städten ist die Lage jedoch noch bedrückender als in der Hauptstadt: In Neustrelitz, einer Kleinstadt in Mecklenburg-Vorpommern, werden nur noch 20 Prozent der Beerdigungen kirchlich verantwortet, in Halle/S. liegt die Quote kirchlicher Bestattungen schon seit einigen Jahren bei lediglich 12 Prozent.4 Eigenartig ist, dass in Händels Geburtsstadt der Anteil kirchlicher Bestattungen 1990 noch bei immerhin 20 Prozent lag; der zu konstatierende Rückgang in den Jahren nach der Wiedervereinigung wäre erklärungsbedürftig.5 Bundesweit wurden im Jahre 2001 39 Prozent der Verstorbenen evangelisch bestattet, etwa 32 Prozent katholisch.6

Inzwischen werden auch immer mehr Kirchenmitglieder nicht mehr kirchlich bestattet: in den alten Bundesländern mittlerweile ca. 10 Prozent, in den neuen Bundesländern ist der Anteil noch etwas größer. Bundesweit werden nur mehr 88 Prozent der evangelischen Kirchenglieder auch evangelisch bestattet.7
 
Mit dem Rückgang kirchlicher Bestattungen geht offenbar auch ein Anstieg anonymer Bestattungen einher - wenngleich letztere auch kirchlich begleitet sein können. In Berlin erfolgen derzeit knapp 40 Prozent der Bestattungen anonym.8 Zum anderen gibt es immer mehr Trauerfeiern und Bestattungen unter Mitwirkung eines sogenannten "weltlichen Redners" bzw. eines "freien Trauerredners". Hier lassen sich gravierende Unterschiede zwischen Deutschland West und Ost feststellen. Während in den alten Bundesländern die Mitwirkung eines freien Redners gegenwärtig noch als Sonderfall gilt, ist in Ostdeutschland die "weltliche" Trauerfeier zum sozialen Normalfall geworden.9 Zur Illustration sei erneut auf Halle/S. verwiesen: Hier werden derzeit 48 Prozent aller Bestattungen von einem weltlichen Redner begleitet.10

Bevor wir uns diesem Thema genauer zuwenden, einige Anmerkungen zum Sprachgebrauch. Traditionell bezeichnet man die nichtkirchlichen Beerdigungsredner als "Redner" bzw. als "freie (Trauer-)Redner". Sie selbst bezeichnen sich als "freie Sprecher" und grenzen sich damit von kirchlichen Amtspersonen ab, die eben nicht "frei", sondern an ihr Amt gebunden sind. Weit verbreitet ist auch die Formel "weltliche Trauer- (bzw. Beerdigungs)redner". Diese Formel ist insofern schwierig, als das Pendant fehlt: Es gibt keine "kirchlichen (Beerdigungs-) Redner". In der DDR wurde sogar die Rede von "sozialistischen Trauerrednern" bzw. "sozialistischen Trauerfeiern" eingeführt, umgangssprachlich blieb man jedoch bei der Formel "weltliche Redner".11 Dieser Ausdruck ist nach wie vor in den neuen Bundesländern weit verbreitet, in den alten Ländern spricht man eher von "freien Rednern", wobei es auch hier regionale Unterschiede gibt. Da einige dieser Redner nicht nur bei der eigentlichen Trauerfeier reden, sondern auch Trauerbegleitung und weitere Lebensbegleitung offerieren (wollen), werden sich die Anbieter vermutlich früher oder später selbst um eine andere Sprachregelung bemühen. Vorerst erscheint der Sprachgebrauch "freie Redner" sachgemäß und genügt für unseren Kontext.
 
Bundesweit dürfte es etwa 500 freie Redner/innen geben. Deren Zahl steigt, weil einerseits die Quote kirchlicher Bestattungen rückläufig ist und andererseits immer mehr Sozialpädagogen, Psychologen und Theologen - aus unterschiedlichen Gründen - für sich berufliche Alternativen suchen. In den letzten Jahren haben einige der freien Redner Berufsverbände gegründet, um die Qualität der Arbeit zu sichern und die eigenen Interessen in der Öffentlichkeit besser wahrnehmen zu können.

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Anmerkungen

1 Vgl. im Internet unter www.alternativhochzeit.de/index2.html.
2 Statistisches Landesamt Berlin: Pressemitteilung vom 18.9.2003, zu finden unter www.statistik-berlin.de/pms2000/sg02/2003/03-09-18a.html.
3  Wobei man berücksichtigen muss, dass in Berlin etwa 13 Prozent der Einwohner Ausländer sind und somit häufig anderen religiösen Traditionen zuzurechnen sind. 1980 wurden noch 40 Prozent aller DDR-Bürger kirchlich bestattet. Vgl. Jan Hermelink, Die weltliche Bestattung und ihre kirchliche Konkurrenz, in: JLH 39/2000, 65.
4  Vgl. Schreiben des Grünflächenamtes der Stadt Halle/S. vom 23. Oktober 2003.
5 Vgl. Jan Hermelink, Die weltliche Bestattung und ihre kirchliche Konkurrenz, a.a.O., 66.
6 Vgl.www.ekd.de/statistik/3217_amtshandlungen.html. Die Zahl für die Katholische Kirche konnte nur errechnet werden (in 2001 = 265 307 Bestattungen von etwa 830 000 Todesfällen).
7 Vgl. Jan Hermelink, Die weltliche Bestattung und ihre kirchliche Konkurrenz, a.a.O., 66 und www.ekd.de/statistik/3217_amtshandlungen.html.
8 Statistisches Landesamt Berlin: Pressemitteilung vom 18.9.2003, zu finden unter www.statistik-berlin.de.
9 Vgl. Jan Hermelink, Die weltliche Bestattung und ihre kirchliche Konkurrenz, a.a.O., 66.
10 Vgl. Schreiben des Grünflächenamtes der Stadt Halle/S. vom 23. Oktober 2003.
11 Vgl. zur Problematik dieses Begriffs nochmals den bereits erwähnten und überaus instruktiven Beitrag: Jan Hermelink, Die weltliche Bestattung und ihre kirchliche Konkurrenz,
a.a.O., 66f.
 

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