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Materialdienst 1/2004
Liane Wobbe

Hindus und Hinduismus in der deutschen Diaspora

1. Muruganprozession in Berlin

Jedes Jahr im August feiert der Hindutempel Mayurapathy Sri Murugan in Berlin-Kreuzberg ein Wagenfest für den tamilischen Gott Murugan. Es ist der einzige Tag im Jahr, an dem sich eine südindische bzw. sri-lankische Hindutradition1 der Öffentlichkeit präsentiert, dafür aber in vollen Zügen. So sind schon am Vormittag mehrere Straßen um den Tempel herum gesperrt und mit Polizeiwache versehen, damit die notwendigen Vorbereitungen getroffen werden können. 13.30 Uhr drängen sich tamilische Hindus barfuß und in traditioneller Kleidung zum Tempeleingang. Unter lautem Rufen wird das geschmückte Götterbild Murugans von mehreren Männern aus der Tür heraus balanciert und in einen mit einem bunten Baldachin überdachten Wagen gesetzt. Während der Priester eine kleine Puja2 im Götterwagen zelebriert, beginnen die Kotankis (Gottestänzer) auf der Straße ihren Opfer-Tanz zu Trommeln und südindischen Blasinstrumenten. Auf den Schultern tragen sie Kavadis, schwere Holzbögen, geschmückt mit Pfauenfedern und Blumen. Durch ihre Wangen haben sie Pfeile gespießt. An ihren Rücken sind kleine Haken mit Seilen befestigt. Neben dem Wagen singen Frauen Lieder für Murugan. Auf der Straßenmitte schlagen einige Männer Kokosnüsse auf einen Stein, so dass sie aufspringen. Damit wird das Ego des Menschen symbolisch geopfert: Die dunkle Schale verschwindet und das innere Göttliche, wofür das weiße Fleisch der Kokosnuss steht, kommt zum Vorschein.

Dann ziehen Frauen und Männer den Wagen an zwei Seilen durch die Straßen. An jeder Straßenecke zelebriert der Priester eine kleine Zeremonie für Murugan. Die Tänzer führen erneut, nun fast im Trancezustand, ihren Tanz auf. Dazu wird Essen ausgeteilt. Nach drei Stunden wieder am Tempel angekommen, findet auf der Straße für alle Hindus eine große Puja statt.

2. Hinduismus in Berlin

Die Zahl der in Berlin lebenden Hindus wird auf 6000 geschätzt, die Mehrheit von ihnen sind Tamilen aus Sri Lanka. So haben auch tamilische Hindus 1991 den Mayurapathy Sri Murugantempel in Kreuzberg gegründet. Er ist der einzige Ort, an dem sich hauptsächlich sri-lankische Hindus zu Gebeten und regelmäßigen Pujas zusammenfinden. Andere öffentliche Einrichtungen, in denen traditionelle hinduistische Feste wie Shivaratri, Pongal, Diwali und Durga-Puja von indischen Hindus gefeiert werden, beschränken sich hauptsächlich auf Kulturinstitutionen oder gemietete Säle in der Stadt.

3. Hindus in der deutschen Diaspora

Bei Hindus in der deutschen Diaspora  handelt es sich vorrangig um Einwanderer aus Indien, Sri Lanka und Afghanistan, welche in der Mehrheitsgesellschaft Deutschland die hinduistische Religiosität pflegen. Insgesamt zählt man in Deutschland ca. 90 000 Hindus. Davon sind etwa 40 000 aus Indien, 45 000 aus Sri Lanka und 5000 aus Afghanistan.

Tamilische Hindus aus Sri Lanka kamen vor allem in den 80er und 90er Jahren, um vor dem dort herrschenden Bürgerkrieg zu fliehen. Die meisten Hindutempel in Deutschland sind von ihnen gegründet worden. Die ersten gab es Anfang der 80er Jahre in Hattingen, Hamm und Essen. Heute existieren über 20 sri-lankisch-tamilische Tempel in Deutschland, wobei eine auffallende Konzentration in Nordrhein Westfalen besteht.3 Hier sei besonders der Sri Kamadchi Ampal-Tempel in Hamm genannt, der als größter in Europa gilt (vgl. MD 9/2002, 279f). Der Grund für das schnelle Wachstum tamilischer Andachtsstätten ist im Migrationsgrund zu suchen. Es handelt sich hier hauptsächlich um Kriegsflüchtlinge verschiedener Generationen, die ihre gesamte Familie mitgebracht haben. Da sie ihre gewohnte Religionspraxis mit der Migration nach Deutschland abbrechen mussten, sind sie darum bemüht, dieselbe so gut es geht auch in der Fremde fortzuführen.
 
Indische Hindus, in deren Herkunftsland der Hinduismus zu Hause ist, verfügen in Deutschland im Vergleich zu Hindus aus Sri Lanka kaum über eigene religiöse Gebäude. Vermutlich steht in Frankfurt am Main der einzige Tempel, der von ihnen getragen wird. Für religiöse Feste werden hauptsächlich staatliche Einrichtungen genutzt. Ein Grund für die mangelnde Existenz gemeinschaftlicher Andachtsstätten indischer Hindus ist sicher darin zu suchen, dass sich unter ihnen hauptsächlich Studenten und Arbeitsmigranten der gebildeten Mittelschicht Indiens befinden, die sich seit den 50er Jahren freiwillig in Deutschland niedergelassen haben. Der Wunsch nach einer gemeinschaftlichen Ritualpraxis spielt für sie kaum eine Rolle. Deshalb praktizieren indische Hindus ihre Religion überwiegend im privaten Raum.

Bei Afghanischen Hindus handelt es sich um Flüchtlingsmigranten, die seit Beginn des Krieges in Afghanistan 1980 in Deutschland Asyl suchen. Sie unterhalten in Köln und in Hamburg einen Tempel. Im Frankfurter Hindutempel stellen sie fast die Hälfte aller Mitglieder.

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Anmerkungen

1 Hier handelt es sich hauptsächlich um Tamilen aus Sri Lanka. Nur wenige Hindus, die aus dem südindischen Staat Tamil Nadu stammen, gehören zu diesem Tempel. Die Religionspraxis (Götter, Feste, Rituale) südindischer und sri-lankischer Tamilen ist überwiegend identisch.
2 Puja leitet sich ab von dem Verb puj (sanskrit: verehren) und bezeichnet den Dienst an den Göttern nach hinduistischer Vorschrift.
3 Martin Baumann, Migration, Religion, Integration. Marburg 2000, 130ff.

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