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Materialdienst 7/2012
Johannes Kandel

Empirische Forschungen zu Islam und Muslimen

Anmerkungen zur Muslim-Studie des Bundesministeriums des Innern 2012

Der öffentliche Diskurs über Islam und Muslime ist in erster Linie ein politischer Diskurs. Erfahrungen, Meinungen, Einschätzungen und Bewertungen werden, oft medial sensationsheischend aufbereitet, heftig diskutiert, wobei sich in den letzten Jahren scharfe Polarisierungen zeigten. „Islamophile“ Verteidiger der vermeintlich gesellschaftlich und politisch diskriminierten muslimischen Minderheit stritten gegen „Islamkritiker“, die, selbst ein breites Spektrum an politischen Orientierungen repräsentierend, „den Islam“ und „die Muslime“ vielfältiger Kritik unterwarfen. Abgesehen von eigenen Beobachtungen und Recherchen konnten sich die Kontrahenten auf eine Reihe von qualitativen Studien zu Muslimen in Deutschland stützen. Repräsentatives Material war indes rar bzw. gab es noch nicht.1

Diese Forschungslücke versuchte das Bundesministerium des Innern (BMI) zu schließen, das in den Jahren 2007 und 2009 (hier auch im Auftrag der Deutschen Islamkonferenz) zwei Studien zu Muslimen in Deutschland veröffentlichte, die zum ersten Mal solide empirische Daten präsentierten und wichtige Einblicke in Sozialstruktur, Alltagsleben sowie gesellschaftliche und politische Orientierungen von Muslimen eröffneten: „Muslime in Deutschland“ (2007)2 und „Muslimisches Leben in Deutschland“ (2009)3.

In beiden Studien wird ein differenziertes Bild der ca. 4,3 Millionen Muslime in Deutschland gezeichnet, die sich in ethnischer, kultureller und religiöser Hinsicht unterscheiden, gleichwohl aber auch einige charakteristische Gemeinsamkeiten aufweisen: Die Religion besitzt im Vergleich zur Religiosität in der Mehrheitsgesellschaft eine erheblich größere Bedeutung für das Alltagsleben. Die religiöse Praxis und die Beachtung von religiösen Ge- und Verboten sind bemerkenswert hoch und stabil. Doch nur ein geringer Prozentsatz der Muslime beteiligt sich am muslimischen Vereins- und Verbandsleben. Bundesweit sind nur etwas über 20 Prozent in Vereinen bzw. Verbänden organisiert, die gleichwohl den Anspruch erheben, die „Mehrheit“ der Muslime in Deutschland zu vertreten. Die große Mehrheit der Muslime bejaht die Integration in die Aufnahmegesellschaft bei Beibehaltung ihrer Herkunftskultur und religiösen Identität, ohne dass dieses allgemeine Ziel näher operationalisiert und kritisch reflektiert wird. Gut belegt ist aber auch der Zusammenhang von mangelnder Integration, Empfänglichkeit für radikale und extremistische Ideologien, Gewaltbereitschaft und verstärkter Kriminalität für bestimmte Gruppen. Es gibt eine nicht unerhebliche Zahl an integrationsunwilligen Muslimen, von denen wiederum eine Minderheit radikalen ideologischen Positionen (Fundamentalismus, Islamismus) zuneigt. In diesem Segment muslimischer Bevölkerung finden wir jene „Risiko- oder Problemgruppen“ (wie die Autoren der Studie von 2007, Karin Brettfeld und Peter Wetzels, formulieren), die beunruhigen müssen.

Diese sehr aussagekräftigen und interessanten Studien wurden eher zurückhaltend diskutiert; es schien bisweilen so, dass sich das BMI vor den eigenen Ergebnissen fürchtete, stellte doch gerade die erste Studie u. a. fest, dass 14 Prozent der muslimischen Gesamtbevölkerung und 30 Prozent der jungen Muslime eine „Problemgruppe“ bilden, die durch hohe Distanz zu Demokratie und Rechtsstaatlichkeit und/oder eine hohe Akzeptanz religiös-politischer Gewalt charakterisiert ist. Das BMI sorgte jedenfalls nicht für eine weite Verbreitung der Studie und schien auch an einer kontroversen Debatte nicht richtig interessiert zu sein.

Forschungsstand, Grundkategorien, Methodik und Forschungspraxis

Im März 2012 erschien eine dritte Studie4, die, kaum dass die ersten Ergebnisse in der BILD-Zeitung veröffentlicht wurden, heftige Kontroversen auslöste. Kritik und Verteidigung der Studie konzentrierten sich auf die festgestellte Integrationsunwilligkeit einer nicht unbedeutenden Gruppe junger Muslime.

Das Forschungsprojekt, gestartet im Februar 2009, ist gemäß den Maßstäben empirischer Sozialforschung valide und repräsentativ. Beteiligt waren Psychologen, Soziologen und Kommunikationswissenschaftler der Friedrich-Schiller-Universität Jena, der Jacobs University Bremen, der Johannes Kepler Universität Linz und der „aproxima Gesellschaft für Markt- und Sozialforschung Weimar mbH“. Die zentrale Ausgangsfrage lautete: „Welche Kriterien lassen sich empirisch begründen, um junge Muslime in Deutschland auf der Grundlage ihrer Einstellungen und Verhaltensweisen als integriert beziehungsweise radikalisiert und unter Umständen extrem islamistisch beurteilen zu können?“ (BMI, 2012, 24). Die Autoren übernehmen die aus der Extremismusforschung bekannte Unterscheidung von „Radikalisierung“ und „Extremismus“.

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Anmerkungen

1 Zum Forschungsstand vgl. die Zusammenfassung in „Muslimisches Leben in NRW“, hg. vom Ministerium für Arbeit, Integration und Soziales, Düsseldorf 2011, 9ff.
2 Karin Brettfeld/Peter Wetzels, Muslime in Deutschland. Integration, Integrationsbarrieren, Religion und Einstellungen zu Demokratie, Rechtsstaat und politisch-religiös motivierter Gewalt. Ergebnisse von Befragungen einer multizentrischen Studie in städtischen Lebensräumen, Hamburg 2007.
3 Sonja Haug/Stephanie Müssig/Anja Stichs, Muslimisches Leben in Deutschland, Nürnberg 2009.
4 Bundesministerium des Innern (Hg.), Lebenswelten junger Muslime in Deutschland. Ein sozial- und medienwissenschaftliches System zur Analyse, Bewertung und Prävention islamistischer Radikalisierungsprozesse in Deutschland. Abschlussbericht von W. Frindte, K. Boehnke, H. Kreikenbom, W. Wagner, Berlin 2012.

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