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Materialdienst 4/2011
Linus Hauser

Die Giordano Bruno Stiftung im kulturgeschichtlichen Kontext

Die „Giordano Bruno Stiftung – Stiftung zur Förderung des evolutionären Humanismus“ sammelt „neuste Erkenntnisse der Geistes-, Sozial- und Naturwissenschaften, um ihre Bedeutung für das humanistische Anliegen eines ‚friedlichen und gleichberechtigten Zusammenlebens der Menschen im Diesseits’ herauszuarbeiten. Ziel der Stiftung ist es, die Grundzüge eines naturalistischen Weltbildes sowie einer säkularen, evolutionär-humanistischen Ethik / Politik zu entwickeln und einer interessierten Öffentlichkeit zugänglich zu machen“1. Eine durch die Stiftung in Auftrag gegebene „pointierte Zusammenfassung der zentralen Positionen“2 der Stiftung findet man im „Manifest des evolutionären Humanismus“, das Michael Schmidt-Salomon verfasst hat.3

Michael Schmidt-Salomon (geb. 1967) ist ein deutscher Publizist, der in der Organisation von Atheismus- und Konfessionslosenbewegungen eine wichtige Rolle spielt. Er ist Vorstandssprecher der Giordano Bruno Stiftung. Im Beirat sitzen zum Teil namhafte Philosophen wie etwa der bekannte kritisch-rationalistische Wissenschaftstheoretiker Hans Albert (geb. 1921), der Rechtsphilosoph Norbert Hoerster (geb. 1937), der Naturphilosoph Bernulf Kanitscheider (geb. 1939), der Physiker und Philosoph Gerhard Vollmer (geb. 1943), der Soziobiologe und Biophilosoph Eckart Voland (geb. 1949) und Evolutionstheoretiker wie Ulrich Kutschera (geb. 1955) und Franz Wuketits (geb. 1955) sowie der berühmte Hirnforscher Wolf Singer (geb. 1943), Direktor der Abteilung für Neurophysiologie am Max-Planck-Institut für Hirnforschung in Frankfurt am Main. 2007 verlieh die Giordano Bruno Stiftung den von ihr eingerichteten Deschner-Preis4 an Richard Dawkins.

Prolog in der Antike

Als die „Gottlosigkeit schlechthin“5 galt im Altertum der Euhemerismus. Begründet wurde dieser Denkstil durch Euhemeros von Messene (um 300 v. Chr.). Hatte schon Hekataios von Abdera (ca. 350-290) von den Göttern Ägyptens geschrieben, dass sie vorzeitliche Könige waren, so radikalisiert Euhemeros – kritisch gegen die Herrscherverehrung gerichtet – diese Position. Er schreibt in „Hiera Anagraphe“ auf der Basis einer romanartigen Rahmenerzählung in der Rolle des Weltreisenden von der am damaligen Ende der Welt im Indischen Ozean gelegenen Insel Panchaia. Dort habe er an einer Säule des Zeustempels eine Inschrift gefunden, die Zeus selbst zitiere. Der Mensch Zeus habe – in Anspielung auf Alexander den Großen – fünfmal den Erdkreis umrundet und sei ein großer Kulturstifter unter den Menschen gewesen. Durch Inthronisation von Freunden und Verwandten habe er den archaischen Menschen die Gesetze geschenkt.6 Er sei gerühmt worden und habe ewige Kultdenkmale zum eigenen Ruhme hinterlassen. Als er alt geworden sei, habe er sich nach Kreta begeben, sei dort gestorben und unter die Götter aufgenommen worden. Derartige ätiologische Geschichten bietet Euhemeros auch für andere griechische Göttinnen und Götter an, deren Großtaten in den Mythen u. a. Erinnerungen an Hofintrigen und Nachfolgekämpfe in Herrscherfamilien spiegelten.7

Wichtig ist, dass Euhemeros nicht als Atheist gelten kann. Er unterscheidet zwei Arten von Göttern8, die ewigen und unsterblichen Götter (etwa Sonne, Mond und andere Gestirne) und die irdischen Götter, mit denen er sich auseinandersetzt. Seine Dekonstruktion des Götterglaubens geschieht in religionskritischer, aber nicht in atheistischer Absicht. Seine Religionskritik bewegt sich eher auf der Ebene der Religionskritik eines Deuterojesaja9. Euhemeros und der Euhemerismus sind also zweierlei.

Unter Euhemerismus soll hier – in den Bahnen der populären Begriffsgeschichte fahrend – verstanden werden: eine Interpretation von Phänomenen einer/der Religion gemäß 1. der Form der Reduktion derselben auf eine „Nichts-anderes-als...-Argumentation“, die 2. den Maßstab – „Nichts anderes als“ – aus dem Bezug auf vermeintlich empirische Informationen über (genetische, neuronale, evolutive, soziale, psychische etc.) naturkausale Ursachen von Religion bezieht. Diese Reduktion geschieht 3. unter Ausklammerung erkenntnistheoretischer Fragestellungen zur Metaphysik des transzendenten Absoluten.

Das „Manifest des evolutionären Humanismus“

Das „Manifest des evolutionären Humanismus“ von Michael Schmidt-Salomon setzt mit einer Bemerkung ein, in der schon viele Voraussetzungen stecken: Wir würden in einer „Zeit der Ungleichzeitigkeit“10 leben. Während wir „technologisch im 21. Jahrhundert“ stünden, seien unsere „Weltbilder noch von jahrtausende alten Legenden geprägt“ (7). Mit dieser Voraussetzung klingt schon ein monistisches Erkenntnis- und Wirklichkeitsverständnis an. Religion gehe in ihrer „Theorie und Praxis ... von imaginären Göttern oder Heilserzählungen“ (14) aus und nicht von den „real existierenden Menschen“ (14). Daher beruhe religiöses Denken auf einem „Etikettenschwindel, da es menschliche Wirklichkeitskonstruktionen mit anderen als menschlichen Gütekriterien (‚Gebot Gottes / der Götter oder Göttinnen’, ‚Schicksal / Karma’, ,Vorsehung’) versieht“ (53). Aufgrund seiner jenseitigen Orientierung könne religiöses Denken sich gegen jede „rationale, menschliche Argumentation“ (53) immunisieren. Darüber hinaus sei es „gekoppelt an eine zutiefst autoritäre Denkstruktur“ (54).

Der evolutionäre Humanismus verzichte hingegen, wie jeder Humanismus, auf jenseitige Begründungen. Sein Ziel sei eine „freie Persönlichkeitsentfaltung aller Menschen“ (14). Darüber hinaus verarbeite er die „zahlreichen neuen wissenschaftlichen Erkenntnisse ... produktiv“ (14). Er verstehe sich als „offenes System“ (35) und wisse um die „Relativität menschlicher Erkenntnis“ (35), wiewohl er trotzdem davon ausgehe, dass sich im Verlauf der „kulturellen Evolution sehr wohl brauchbare Maßstäbe entwickelt [haben], die uns in die Lage versetzen, hilfreiche von schädlichen kulturellen Entwürfen zu unterscheiden“ (35).

Gott wird psychologisiert – in spiegelverkehrter Entsprechung zum kreationistischen Slogan vom „intelligenten Designer“. Aus dem abgründigen Geheimnis hinter aller Wirklichkeit wird eine zwar allmächtige, aber doch ganz nach unserem Schnittmuster denkende Person.

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Anmerkungen

1 www.giordano-bruno-stiftung.de.
2 Ebd.
3 Michael Schmidt-Salomon, Manifest des evolutionären Humanismus. Plädoyer für eine zeitgemäße Leitkultur, Aschaffenburg 22006.
4 Karlheinz Deschner (geb. 1924) ist einer der prominentesten deutschsprachigen Christentumskritiker. Er wurde durch seine auf zehn Bände angelegte „Kriminalgeschichte des Christentums“ (ab 1986) bekannt.
5 Helmut Köster, Einführung in des Neue Testament, Berlin 1980, 159; vgl. auch Jan Dochhorn, Zur Entstehungsgeschichte der Religion bei Euhemeros – mit einem Ausblick auf Philo von Byblos, in: Zeitschrift für Religions- und Geistesgeschichte 53 (2001), 290, und das grundlegende Buch von Marek Winiarczyk, Euhemeros von Messene. Leben, Werk und Wirkung, Leipzig 2002, bes.12 und 107f.
6 Vgl. ebd., 99.
7 Vgl. Helmut Köster, Einführung in das Neue Testament, a.a.O., 160.
8 Vgl. Marek Winiarczyk, Euhemeros von Messene, a.a.O., 107f.
9 Vgl. Jes 44,14-19.
10 Michael Schmidt-Salomon, Manifest, a.a.O., 7. Die Zitate aus diesem Buch stehen im Folgenden in Klammern im Text. Zum philosophisch adäquaten Fortschrittsbegriff vgl. Friedrich Rapp, Fortschritt. Entwicklung und Sinngehalt einer philosophischen Idee, Darmstadt 1992, 20.

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