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Materialdienst 1/2006
Reinhard Hempelmann

Sind Evangelikalismus und Fundamentalismus identisch?

Helmut Obst zum 65. Geburtstag am 9. Dezember 2005

Wenn deutsche Medien über Evangelikale in den USA berichten, wird in der Regel vorausgesetzt, dass Evangelikalismus und christlicher Fundamentalismus im Wesentlichen identisch sind. Verwiesen wird dafür auf die seit den 1980er Jahren zu beobachtende politische Wirksamkeit der Bewegung. Viele Evangelikale sind treue Anhänger von George W. Bush. Sie unterstützten die Republikaner nachweislich im Wahlkampf 2004. Sie üben Einfluss auf die amerikanische Außenpolitik aus. Viele von ihnen waren und sind Befürworter des Irak-Krieges. Ihre endzeitlichen Erwartungen machten sie zu engagierten Unterstützern der Siedlerbewegung und eines Groß-Israel-Konzeptes. Sie kämpfen gegen Feminismus, gegen die Evolutionslehre an öffentlichen Schulen, gegen die historisch-kritische Bibelforschung, kurz gegen die Moderne. Das Erlebnis der Wiedergeburt als persönliche Heilserfahrung und die Überzeugung der unbedingten Geltung der Heiligen Schrift hat für viele nicht nur Folgen für ihre individuelle Lebensführung, sondern beinhaltet politische Optionen. Dies entspricht einer allgemein verbreiteten Charakteristik fundamentalistischer Bewegungen: Sie antworten auf die Krise der Moderne mit dem Bemühen, „auf der Grundlage der heiligen Texte eine neue Gesellschaft aufzubauen“.1

Der Hang von Teilen des amerikanischen Evangelikalismus zur Verwischung der Grenze zwischen Religion und Politik kann im Blick auf Europa und Deutschland nicht bestätigt werden. Evangelikale Strömungen gewinnen zwar auch hier zunehmend an Bedeutung, allerdings vorrangig im gemeindlichen und kirchlichen Kontext, nicht im politischen. Dabei wird auch deutlich, dass sich die Evangelikale Bewegung in Deutschland – zu ihr gehören nach Angaben der Deutschen Evangelischen Allianz ca. 1,3 Millionen Christinnen und Christen hauptsächlich aus evangelischen Landeskirchen und Freikirchen – keineswegs einheitlich darstellt. Sie umfasst verschiedene Richtungen und reicht vom in den evangelischen Landeskirchen verwurzelten pietistischen Gemeinschaftschristentum bis zu enthusiastischen und separatistischen Gruppen, die in landeskirchlichen Gemeinden „unbiblische Systeme“ sehen.
 
Im Jahr 2004 erschien das Buch „Gott ist nicht pragmatisch. Wie Zweckmäßigkeitsdenken die Gemeinde zerstört“2. Verfasser ist Wilfried Plock, der als „Evangelist und Gemeindeberater“ tätig und seit 1995 Vorsitzender der Konferenz für Gemeindegründung ist, einer Initiative, in der sich in den letzten Jahren zahlreiche neue Gemeinden (freie Brüdergemeinden, freie Baptisten, Biblische Missionsgemeinden etc.) netzwerkartig zusammengeschlossen haben. Plocks Buch setzt sich kritisch mit in Deutschland populären evangelikalen Initiativen und Trends auseinander. Thematisiert werden u.a. die Gemeindewachstumsbewegung, Alpha-Glaubenskurse für Erwachsene, die evangelistische Aktion ProChrist mit Satellitenübertragung in zahlreiche europäische Länder, das Konzept von besucherzentrierten Gottesdiensten (Willow Creek), die Bücher des Gründers der Saddleback Community Church, Rick Warren, „Kirche mit Vision“ und „Leben mit Vision“, die auch in Deutschland intensiv gelesen und als Therapie für kleiner werdende und missionsmüde Gemeinden empfohlen werden. Plock hat den Eindruck, dass in manchen evangelikal geprägten Gemeinden Marketingmethoden mehr Gewicht haben „als die Briefe des Apostels Paulus“.3 Er kritisiert das Zahlen- und Wachstumsfieber, spricht von „verhängnisvollen Veränderungen“, von Prozessen problematischer kultureller Anpassung und dem Verzicht evangelikaler Gemeinschaftsbildungen darauf, Kontrastgesellschaft zu sein. „Der Pragmatismus verändert zuerst die ‚Verpackung‘ des Evangeliums, dann die Botschaft selbst und schließlich die Identität von Gemeinden.“4

Solche Anfragen sollten sich alle, die Konzepte und Strategien des Gemeindewachstums aufgreifen, gefallen lassen. Plocks Empfehlungen offenbaren allerdings seine eigene „evangelikal-fundamentalistische“ Position. Dem modernen Evangelikalismus rät er zum „neutestamentlichen Gemeindemodell“ zurückzukehren. Er versteht darunter die unveränderliche Predigt von Gottes Heiligkeit. Praktisch bedeutet dies u.a. den Ausschluss von Frauen aus dem Leitungs- und Lehramt für die Gemeinde. Dass in evangelikalen Initiativen Frauen Leitungs- und Lehrverantwortung innehaben, sieht er als zentrales Problem und Defizit an. Ihm geht es um die Aufrechterhaltung patriarchalischer Autorität in der Gemeinde. Wofür Plock plädiert, ist eine Liaison mit dem Zeitgeist von gestern.

In der Außenperspektive lassen sich sowohl Plocks Position wie auch die von ihm kritisch beleuchteten evangelikalen Initiativen unter dem Stichwort Evangelikalismus zusammenfassen. Das Beispiel zeigt, wie schwer es ist, von den Evangelikalen zu sprechen. Welche Evangelikalen sind gemeint? Die Bekenntnisbewegung „Kein anderes Evangelium“, die sich ähnlich wie Plock äußert, oder die Deutsche Evangelische Allianz, die ProChrist und Willow Creek mit Nachdruck unterstützt? Stellungnahmen zur evangelikalen Bewegung und zum christlichen Fundamentalismus erfordern differenzierende Wahrnehmungen und Urteilsbildungen, insbesondere eine Klärung dessen, was gemeint ist, wenn von Fundamentalismus bzw. Evangelikalismus geredet wird.

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Anmerkungen

1 Gilles Kepel, Die Rache Gottes, München 1991, 271.
2 Wilfried Plock, Gott ist nicht pragmatisch, Oerlinghausen 2004.
3 A.a.O., 56.
4 A.a.O., 128.

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