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Zeitschrift für Religion und Weltanschauung 6/2021
Mormonen

Jenseits des konservativen Konsenses: Wie die Polarisierung der amerikanischen Gesellschaft die Einheit der Mormonen schädigt

(Letzter Bericht: 3/2021, 190 – 192) Die tiefe Spaltung der amerikanischen Gesellschaft macht auch vor der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage (The Church of Jesus Christ of Latter-day Saints; LDS)1  nicht halt. Bisher wehrte die traditionell konservative und hierarchisch organisierte Religionsgemeinschaft moderne Liberalisierungstendenzen größtenteils ab. Zusammen mit anderen religiös-konservativen Gruppen bildete sie daher auch die treue Basis der Republikanischen Partei. Aktuelle Äußerungen seitens eines Mitgliedes des Quorums zu Gender- und Diversitätsfragen sowie die heftigen Reaktionen darauf zeigen indessen, dass von einem allseits geteilten Wertekonsens innerhalb der Gemeinschaft mittlerweile keine Rede mehr sein kann.

Wie viele evangelikale Gruppen lehnt die LDS die gleichgeschlechtliche Ehe aus theologischen Gründen ab. Auch wenn die Leitung betont, dass man Mitgliedern der LGBTQ+-Community mit Liebe und Verständnis begegnen solle, stellte sie in der Vergangenheit wiederholt klar, dass das biblische Evangelium ausschließlich eine Partnerschaft zwischen Mann und Frau zulasse.2 Gerade unter den jüngeren Mitgliedern der Gemeinschaft stößt diese unnachgiebige Haltung jedoch zunehmend auf Unverständnis.

So lösten jüngst Äußerungen Jeffrey Hollands, eines Mitglieds des Kollegiums der Zwölf Apostel3, zu queeren StudentInnen, welche im Rahmen eines längeren Vortrags zur Zukunft der mormonischen Brigham Young University (BYU) fielen, eine Welle der Empörung aus. Gerade an einer Privatuniversität wie der BYU, die zu großen Teilen aus Mitgliederspenden finanziert werde, sei es wichtig, so Jeffrey Holland, die Lehrsätze der LDS hundertprozentig zu leben und zu verteidigen. Dabei zitierte Holland aus einem Brief besorgter Eltern, die sich über die zunehmende Liberalisierung der BYU und ihrer Mitarbeiterschaft beklagten. Er mahnte an, dass das Königreich Gottes nicht zuletzt an der BYU, einem „Tempel des Lernens“, manchmal mit „Musketen“ verteidigt werden müsse. Die Herausforderung für alle Gläubigen sei es, einen Weg zu finden, „allen mit Mitgefühl und Verständnis“ zu begegnen, „während man gleichzeitig der prophetischen Führung und den offenbarten Lehren treu bleibt“.4

Eine Flut an emotionalen Stellungnahmen, die daraufhin durch die sozialen Medien gingen, offenbarte die große Enttäuschung vieler aktueller und ehemaliger BYU-StudentInnen. Neben zahlreichen Ankündigungen von Austritten äußerten sich auch ehemalige Mitarbeitende kritisch, vor allem hinsichtlich Hollands Kriegsrhetorik, welche viele in einer polarisierten Zeit wie heute als „unverantwortlich ... und unvertretbar“ ansehen.5

Doch nicht nur unter liberalen Mormonen finden sich immer häufiger kritische Stimmen, die die hierarchische Struktur herausfordern. Auf der anderen Seite des Spektrums sieht sich die Leitung im Zuge der zunehmenden Verschmelzung von religiösem und politischem Konservatismus mit dem Problem konfrontiert, wie sie ihre eigenen Forderungen durchsetzen kann, auch wenn diese nicht dem derzeitigen republikanischen Mainstream entsprechen. So zeigte der neuerliche dringliche Aufruf der „Ersten Präsidentschaft“ an alle Mitglieder, Masken zu tragen und sich möglichst gegen das Corona-Virus impfen zu lassen,6 wie schwer es der LDS-Leitung mitunter fällt, sich mit Positionen Gehör zu verschaffen, die nicht vom republikanischen Mainstream geteilt werden.7 Die dabei zu vollführende Gratwanderung wird in einem aktuellen Artikel des Religionshistorikers und Mormonen Benjamin Park in der Washington Post skizziert. Die Pandemie stelle einen „ultimativen Test“ dar, inwieweit es der mormonischen Leitung gelinge, ihre Mitglieder von konservativ-libertären Positionen wegzuführen und zur Impfung zu motivieren.8 Weil die „Erste Präsidentschaft“ für die medizinischen Maßnahmen im Kampf gegen das Virus plädiere, die meisten republikanischen Politiker aber nach wie vor dagegenhielten, müssten viele Mormonen nun die Entscheidung fällen, ob sie ihren religiösen oder ihren politischen Überzeugungen folgen.

Beide Lager – die liberalen StudentInnen wie die staatsskeptischen Impfverweigerer – untergraben die Autorität der LDS-Führung. Im Vergleich mit anderen Religionsgemeinschaften wiegt Kritik in der LDS schwerer, da die Gemeinschaft streng hierarchisch organisiert ist und der Präsident als Prophet und Sprachrohr Gottes angesehen wird. Kritik an ihm und Mitgliedern der führenden Leitungsgremien ist somit auch immer eine subtile Infragestellung der institutionellen Hierarchie überhaupt. Wie die Leitung ihre Autorität trotz der zunehmenden Pluralisierung der Gemeinschaft künftig untermauern wird, bleibt abzuwarten. Die Abkehr von einem von allen akzeptierten Werte-Konservatismus wird sich jedoch kaum aufhalten lassen.

Claudia Jetter


Anmerkungen

1 Mitglieder der Gemeinschaft bezeichnen sich selbst als Heilige der letzten Tage (HLT), sind aber für Nicht-Mitglieder unter dem Namen Mormonen bekannt.
2 Zu den biblischen Argumenten kommt bei Mitgliedern der LDS noch eine Offenbarung des ersten Propheten und Gründers Joseph Smith Jr. aus dem Jahr 1843 hinzu, welche die „celestiale Ehe“ und die Fortsetzung der Familie als heilsnotwendig bestimmt, um den „neuen und immerwährenden Bund“ mit Gott eingehen zu können und die höchste Herrlichkeit zu erlangen (Lehre & Bündnisse 132,15 – 20).
3 Das Kollegium der Zwölf Apostel ist nach der Ersten Präsidentschaft das zweithöchste leitende Gremium der Gemeinschaft.
4 Vortrag von Jeffrey Holland am 23.8.2021 an der BYU, https://tinyurl.com/j5jezts (Abruf der in diesem Beitrag angegebenen Internetseiten: 12.10.2021).
5 Benjamin Park auf Twitter, 23.8.2021, https://twitter.com/BenjaminEPark/status/1429868665768353792 (Abruf: 12.10.2021).
6 Siehe dazu die Pressemitteilung vom 23.8.2021: https://presse-de.kirchejesuchristi.org/artikel/erste-praesidentschaft-ruft-die-mitglieder-der-kirche-dringend-auf-wo-noetig-eine-gesichtsmaske-zu-tragen-und-sich-gegen-covid-19-impfen-zu-lassen.
7 Einer Studie aus dem Frühjahr nach stehen circa 50 % der Mormonen einer Impfung skeptisch gegenüber oder würden diese verweigern, obwohl sich die Leitung der LDS bereits seit Januar klar für eine Impfung ausspricht. Vgl. https://religionnews.com/2021/05/06/half-of-us-mormons-are-covid-19-vaccine-hesitant-or-vaccine-resistant-study-shows; www.thechurchnews.com/leaders-and-ministry/2021-01-19/church-leaders-vaccinated-president-nelson-first-presidency-202151.
8 Vgl. Benjamin Park: Even LDS leaders are struggling to get Mormons vaccinated against the coronavirus, 24.8.2021, www.washingtonpost.com/outlook/2021/08/24/even-lds-leaders-are-struggling-get-mormons-vaccinated-against-covid.

 

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