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Zeitschrift für Religion und Weltanschauung 6/2021
Heinrich Bedford-Strohm

Nach hundert Jahren: Apologetik heute

Festvortrag zum Jubiläum der EZW

1 Zum Verständnis des Begriffs „Apologetik“


Es ist ein sehr besonderes Jubiläum, das wir heute feiern. Dass die Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen schon 100 Jahre alt ist, ist erstaunlich. Mich jedenfalls hat das überrascht, als ich erstmals darauf gestoßen bin. Denn die Fragestellung, der sie sich widmet, ist so hochmodern! Es geht ja nicht um das, was Außenstehende vielleicht zuerst damit assoziieren, wenn sie den Begriff „Apologetik“ hören, der für die Arbeit der EZW so wichtig ist und dessen Bedeutung zu erläutern mir heute aufgegeben ist. Wenn wir das Wort „apologetisch“ in der Alltagssprache gebrauchen, dann hat das oft einen defensiven Charakter. „Jetzt werde aber nicht apologetisch!“ Diese Mahnung richtet sich an einen Menschen, der in einem bestimmten Konflikt seine Sache mit Tunnelblick verteidigt, ohne die Argumente seiner Kontrahenten wirklich zu hören und in sein eigenes Denken einzubeziehen. In einem solchen Verständnis müsste man Apologetik und Diskurs in ein Gegensatzverhältnis setzen.

Der Begriff Apologetik war deswegen auch in der Theologie lange Zeit eher negativ konnotiert. Insbesondere Karl Barth kritisierte sie als Versuch einer Begründung und Rechtfertigung des Glaubens mithilfe von sachfremden, nichttheologischen und daher illegitimen Methoden.1 Und wenn man unter Apologetik ein unbelehrbares Festhalten an überlieferten Inhalten verstehen müsste, deren Plausibilität schlicht verdampft ist und weder erneuert werden kann noch sollte, dann kann man das ja nur unterstreichen. Genau besehen, heißt Apologetik aber etwas anderes. Der Begriff kommt in zwei Verweisungszusammenhängen vor: zum einen als Darstellung der Inhalte des christlichen Glaubens, als konsistente, zusammenhängende Beschreibung des Wesens des Christentums; zum anderen als begrifflich argumentierende, intersubjektiv nachvollziehbare Plausibilisierung dieser Inhalte des Glaubens.3  Beide Bemühungen sind dadurch bestimmt, dass sie jeweils vor einem externen Forum erfolgen. 

Das christliche Verständnis der Wirklichkeit hat wesentlich auch Auswirkungen für das Handeln des Menschen in der Welt und seine praktische Lebensgestaltung. Neben theoretischen Gründen ist daher auch die praktisch-ethische Orientierungskraft des Glaubens für die Apologetik relevant. Apologetik kann sich deshalb nicht auf die Pflege der Tradition beschränken, sondern muss sich der Aufgabe stellen, die vorfindliche Wirklichkeit in der je eigenen Gegenwart im Licht der biblisch-christlichen Tradition eigenständig zu deuten und zu verstehen sowie angesichts von konkreten Herausforderungen zu selbstverantworteten Entscheidungen zu helfen. 

Weil Gott die Wahrheit seines Evangeliums in jeder Gegenwart immer wieder neu zur Sprache und Wirkung bringt, hat Apologetik die Aufgabe, den Glauben im Kontext der Gegenwart für die Gegenwart zu plausibilisieren, das heißt, sowohl für das Herz als auch für den Verstand nachvollziehbar zu machen. Die Apologetik erfüllt deswegen heute noch viel mehr als vor 100 Jahren keine randständige, optionale Funktion, sondern ist eine wesentliche, unverzichtbare Aufgabe von Theologie und Kirche, will sie ihre Inhalte über die eigenen Blasen hinaus zugänglich machen. 

2 Apologetik als wesentliche Aufgabe von Theologie und Kirche 

Die Notwendigkeit der Apologetik für Theologie und Kirche ergibt sich zum einen aus der Tatsache, dass der christliche Glaube einen inhaltlich bestimmten Gehalt hat, aus dem sich „Daseinsgewissheit“ (Michael Roth) begründen lässt. Das Evangelium erhebt einen Wahrheitsanspruch. Das Wirklichkeitsverständnis des Glaubens kann aus den praktischen Vollzügen des Glaubens nicht ausgeklammert werden, sondern muss expliziert werden, wenn der Glaube sich artikuliert. Zur Apologetik gehört deshalb nicht nur die Aufgabe darzustellen, in welchen Punkten die christliche Sicht mit anderen Religionen und Weltanschauungen Berührungspunkte findet, sondern auch, wodurch und in welchen Punkten sie sich von diesen unverwechselbar unterscheidet.

Dabei geht es nicht darum, das eigene Profil durch die Abwertung und dann häufig auch Verzerrung der anderen zu stärken. Ein solcher Weg ist immer ein Zeichen von innerer Schwäche. Denn er traut der eigenen Weltdeutung ja nicht wirklich zu, aus sich selbst heraus überzeugen zu können. Deswegen gehört zur Apologetik immer eine faire und kompetente Darstellung anderer weltanschaulicher Ansätze. Eine solche Darstellung ist auf Dialog angewiesen. Denn niemand kann das Verstehen einer Weltdeutung besser unterstützen als diejenigen, die sie selbst vertreten. Das schließt eine kritische Auseinandersetzung damit nicht aus, sondern ermöglicht sie überhaupt erst – jedenfalls in ihrer substanziellen Variante. Ich bin deswegen dankbar für die verschiedenen Dialoge, in denen die EZW steht, und freue mich, dass einige ihrer Dialogpartnerinnen und -partner heute anwesend sind.

Dass wir in unseren unterschiedlichen Weltdeutungen voneinander Notiz nehmen und – mehr als das – eben auch miteinander im Gespräch sind, ist wichtig. Denn der Glaube steht in der offenen, pluralistischen Gesellschaft faktisch in einer Kommunikationssituation, in der die Fähigkeit, das eigene Wirklichkeitsverständnis im Gespräch mit anderen zu erläutern, von zentraler Bedeutung ist. Will der Glaube keine Sondersemantik, Hermetik und Nischenexistenz pflegen, muss er sich dieser Kommunikation stellen. In einer religiös und weltanschaulich pluralistischen Gesellschaft ist diese Aufgabe wichtiger denn je. Denn der gemeinsame Horizont christlicher Weltdeutung, der bei der Gründung der damaligen „Apologetischen Centrale“ und heutigen EZW noch weitgehend vorausgesetzt werden konnte, ist seitdem zunehmend diffundiert. Heute müssen wir Inhalte plausibel machen, die für viele Menschen entweder als geradezu absurd, in jedem Fall aber als weitgehend unverständlich erscheinen.

Dabei ist mit Blick auf die besonderen Herausforderungen in unserer Gegenwart bzw. der Moderne zu bedenken, dass nicht nur einzelne Aussagen in Zweifel gezogen werden, die dem empirischen Bewusstsein und dem naturwissenschaftlichen Denken anstößig sind (z. B. Erschaffung der Welt, das leere Grab, Jungfrauengeburt), sondern das Gesamtverständnis von Wirklichkeit in der Perspektive des Glaubens überhaupt. Häufig steht dahinter eine Perspektive, die sich aufgeklärt gibt, die aber, ohne es zu merken, ihre eigene Perspektive totalisiert. Besonders häufig ist das der Fall, wenn naturwissenschaftliche Weltwahrnehmung und die empirischen Messinstrumente, auf denen sie basiert, zum entscheidenden Maßstab der Wirklichkeitswahrnehmung werden. Die Devise lautet dann: „Ich glaube nur, was ich sehe.“

Gegen solche naturwissenschaftlichen Totalitätsansprüche hat der amerikanische Theologe H. Richard Niebuhr – sehr zu Unrecht weniger bekannt als sein Bruder Reinhold Niebuhr – in seinem Buch „The Meaning of Revelation“4  eine wichtige Unterscheidung eingeführt – die Unterscheidung zwischen „internal“ und „external history“. „Internal history“ ist von ihrem Charakter her persönlich5  und betrachtet das, was mit uns geschieht, durch unsere eigenen Augen. „External history“ betrachtet dagegen die Geschichte von Menschen aus der Perspektive eines externen Beobachters. Von einem Blinden, der sehend wird, könnten zwei Geschichten geschrieben werden: Die „external history“ würde beschreiben, was mit seinem Sehnerv geschehen ist, welche Technik der Operateur benutzte oder durch welches Medikament der Patient geheilt wurde. Die „internal history“ dagegen würde diese Dinge vielleicht überhaupt nicht erwähnen, sondern erzählen, was einem Menschen, der bisher in Dunkelheit gelebt hat, widerfährt, wenn er erstmals wieder Bäume und den Sonnenaufgang, die Gesichter von Kindern und die Augen eines Freundes sieht.6 

Lesen Sie weiter in der Zeitschrift für Religion und Weltanschauung 6/2021.

 

Anmerkungen

1 Vgl. KD I/2, 365; KD II/2, 577ff; KD III/3, 467; KD IV/3, 1002.
2 Vgl. Friedrich Schleiermacher: Kurze Darstellung des theologischen Studiums, §§ 43-53, und Der christliche Glaube, §§ 11-14.
3 Hier wäre etwa Wolfhart Pannenbergs Versuch zu nennen, den christlichen Glauben im Rahmen einer Theologie der Religionen zu plausibilisieren.
4 H. Richard Niebuhr: The Meaning of Revelation, New York 1941.
5 Vgl. ebd., 47.
6 Vgl. ebd., 44.

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