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Zeitschrift für Religion und Weltanschauung 5/2021
Thorsten Dietz

"Game of Thrones" - ein Spiegel aktueller Religionsentwicklung

„Game of Thrones“ war das Serienereignis der 2010er Jahre. Nichts war so erfolgreich wie die HBO-Verfilmung einer Buchserie von George R. R. Martin.1 Der Stoff scheint zunächst einmal typisch für Fantasy-Geschichten zu sein. In einer fiktiven Welt kämpfen einige Herrscherhäuser um die Macht.2 Zugleich ist diese Welt von Untoten bedroht, die jegliche Zivilisation zerstören wollen. Natürlich fehlt es nicht an den Themen Liebe und Eifersucht, Krieg und Frieden – und das in einer Welt voller Drachen und Magie.

Aus religionsinteressierter Sicht ist vor allem ein Umstand reizvoll.3 Der Autor George R. R. Martin war unzufrieden damit, wie Religion in vielen klassischen Fantasy-Werken dargestellt wurde. In seinem Universum haben verschiedene Stämme bzw. Länder jeweils unterschiedliche Religionen. Kennt man von Tolkien oder C. S. Lewis eine christlich geprägte Grundstimmung der Handlung, so ist das bei Game of Thrones anders. Die Beschreibungen der Religionen sind ausführlich, differenziert – und in ihrer Gesamttendenz kritisch. Game of Thrones bietet intelligente Religionskritik.

Nun hat man vielfach versucht, die historischen Hintergründe der Religionen in der Serie auszuleuchten.4 So interessant das ist: Noch spannender sind die Bezüge zu unserer Gegenwart. Die Welt von Westeros hält einen Spiegel vor, der gleichsam fern und nah ist. Vermeintlich werden weitgehend vormoderne Gestalten der Religion beschrieben, doch die Serie setzt den religiösen Kosmos ihrer Welt einem Druck beginnender Säkularisierung aus.5 Viele wichtige Figuren lösen sich aus allen Glaubensformen. Religionen verlieren ihre Selbstverständlichkeit. Sie verhärten sich und werden gewalttätig. Oder sie verändern ihre Gestalt radikal und werden eine Sache der Sinnsuche der Einzelnen. Game of Thrones zeigt uns vor allem unsere eigene Welt.

Im Rahmen dieser Darstellung ist es weder möglich noch nötig, auf den Verlauf der Handlung oder auch nur auf die Entwicklung wichtiger Personen einzugehen. Stattdessen möchte ich drei große Trends nachzeichnen, die in der Serie gespiegelt werden: 1. die Faszination für Naturreligionen, 2. Gefahren fundamentalistischer Verhärtungen und 3. Anzeichen religiöser Neuaufbrüche.

Faszination Naturreligion

Die meisten Begebenheiten der Serie spielen auf einem Kontinent namens Westeros. Für diesen ist das Gegenüber zweier großer Religionsformen typisch: der Glaube an die alten und der Glaube an die neuen Götter. Die alten Götter6 werden nur noch im Norden des Kontinents verehrt. Die dortige Bevölkerung stammt noch von den Ureinwohnern ab. Die Verehrung der alten Götter ist nicht durch Dogmen oder göttliche Vorschriften geprägt. Es gibt weder heilige Schriften noch so etwas wie eine Kirchenstruktur. Präsent sind die alten Götter in Flüssen, Bergen oder Bäumen, vor allem in Götterhainen, in denen man in ihre Gegenwart treten kann.7 An diesen heiligen Orten kommt man zur persönlichen Besinnung. Die alten Götter sind keine transzendenten Wesen. Vielmehr geht es um eine Art spirituelle Innenseite allen Seins, um das Bewusstsein tieferer Einheit und die Verbundenheit aller Kreaturen. Die Wahrheit liegt nicht in irgendeinem Jenseits, sondern in einem ganzheitlich erfahrenen Diesseits.

In der Darstellung von Game of Thrones schillert das Bild der alten Götter merkwürdig. Ihre Mythen enthalten Einsichten, die sich immer wieder als real erweisen, und doch ist dieser Glaube hilflos der Auflösung ausgesetzt. Wirkliche Verehrung der alten Götter findet sich in Game of Thrones kaum noch.

Was ist der Sinn der frühen Religion? Es geht um Verbundenheit. Diese Religion ist kein Set von Vorstellungen, Dogmen und Überzeugungen. Sie ist Praxis, Herstellung von Verbundenheit. Zunächst geht es um die Verbundenheit der Menschen untereinander, im gemeinsamen Hören, Singen, Tanzen, Feiern festigt sich die Gemeinschaft einer Gruppe. Darin findet diese zugleich eine Verbundenheit mit der Welt, einer Welt, die wie selbstverständlich als erfüllt gilt von guten wie auch von bedrohlichen Mächten, jedenfalls von Mächten, denen der Mensch nicht ausweichen kann.

Offenkundig schwingt bei der Darstellung dieser frühen Religion sowohl in den Romanen wie auch in der Serie eine gewisse Sympathie mit. Aber auch sonst scheint eine solche naturreligiöse Frömmigkeit moderne Sehnsüchte anzurühren. Die alten Götter verlangen nichts, ebenso wenig versprechen sie. Die Bilder naturreligiöser Frömmigkeit in Game of Thrones zeigen uns Einzelne auf der Suche nach seelischer Erhebung oder nach tieferer spiritueller Einsicht. Ein solches Bild ist denkbar modern. Der kanadische Philosoph Charles Taylor hat es einmal als bemerkenswertes Zeichen unserer Zeit bezeichnet, dass sie zur Idealisierung vormoderner Religiosität neige:

„Das vielleicht klarste Zeichen der Veränderung unserer Welt besteht darin, dass es heute viele Menschen gibt, die auf die Welt des porösen Ichs mit Wehmut zurückblicken, so als würde die Schaffung einer dichten emotionalen Grenze zwischen uns und dem Kosmos als Verlust erlebt.“8

Seit einigen Jahrzehnten ist es ein gewisser Trend in der westlichen Welt: die Faszination für naturreligiöse Anfänge bzw. frühe Religion insgesamt. Häufig wurde eine solche Welt als Gegenideal zur Moderne empfunden, die man als gewalttätig, geistlos und düster erlebte. Manche gehen davon aus, dass diese Welt Muttergottheiten verehrte, von weiblicher Weisheit und Intuition bestimmt war, in gewaltloser Solidargemeinschaft und in enger Verbundenheit mit der Natur lebte.

Im Kino wurde die Faszination für früheste Religion am eindrücklichsten sichtbar im inflationsbereinigt immer noch kommerziell erfolgreichsten Film aller Zeiten: Avatar. Auf dem Planeten Pandora leben die Na’vi in einer fast perfekten Synthese von Seele und Leib, dem Einzelnen und der Gemeinschaft bzw. der Gemeinschaft und der Natur und damit dem Göttlichen. Und so wird ihre Welt auch anziehend für Mitglieder der intergalaktisch-imperialistischen Menschheit, die in jeder Hinsicht einen Prozess der Exkarnation hinter sich haben. Mehr Einkehr in die Erfahrung von Ganzheit und Verbundenheit mit der Natur – eine solche Einstellung ist selbst recht modern.

Ohne von der Handlung (zu) viel zu verraten, sei so viel gesagt: In den beiden großen Auseinandersetzungen in Game of Thrones (dem Kampf der Menschen untereinander um die Macht über Westeros und der Herausforderung durch eine böse Macht aus dem Norden) spielen am Ende Figuren eine Schlüsselrolle, deren Lebensweg vom Glauben an die alten Götter geprägt ist. Dieser Glaube schwindet dahin, aber wer sich auf ihn einlässt, erfährt seine ungeheure Kraft.

Fundamentalismus als Krisenphänomen

Weitaus häufiger als die alten Götter kommen andere, aggressive Religionsformen in den Blick. Nicht zuletzt darin dürfte Game of Thrones ein Spiegel unserer Welt sein, zumindest im Blick auf das religiöse Leben, das heute intensiv wahrgenommen und diskutiert wird. Man kann das ungerecht nennen und auf die übergroße Mehrheit religiöser Menschen verweisen, die ihren Glauben still und friedlich praktizieren und ihn dabei als Lebenshilfe erfahren. Aber zugleich ist der Einfluss radikaler Religion auf die Weltpolitik nicht zu leugnen. Der moderne Trend zur radikalen Vereinfachung von Religion ist unübersehbar.9  Eine immer komplexere Welt weckt die Sehnsucht nach einfachen Antworten und klaren Lösungen. In Sachen Religion heißt dies nicht selten: nach einer Frömmigkeit, die nicht mit der Komplexität der Welt mitwächst, sondern als eine tragende Gegenmacht in einer unbegreiflichen Welt erscheint. Die meisten stark wachsenden Religionsphänomene bieten genau das. Diese Erscheinungen des religiösen Fundamentalismus gehören zur prekären Situation des Glaubens in der Moderne.10

Gleich in doppelter Ausführung gibt Game of Thrones fundamentalistischen Religionsformen breiten Raum: als totale Religion (die Reformbewegung der Spatzen innerhalb des Glaubens an die neuen Götter) und als dualistische Religion (der Glaube an den Roten Gott bzw. an den Herrn des Lichts).


Totale Religion

Die neuen Götter unterscheiden sich grundlegend von den alten.11  Sie sind nicht nur irgendwie anwesend in Bäumen, Träumen und Visionen. Sie entsprechen menschheitsgeschichtlich den „Big Gods“12, Gotteskonzepten, die in größeren Gesellschaftsformationen auftreten, wo Menschen nicht mehr in überschaubaren und auf der Ebene persönlicher Loyalitäten gestaltbaren Sozialverbänden wohnen. Sie offenbaren ihren Willen durch eine heilige Schrift, für deren Auslegung es ausgebildete Experten gibt. Dieser Glaube wird sichtbar in großen Tempeln, Bildern und Statuen, diese Religion kennt Glaubensgrundsätze, die man anerkennen muss, und sie bietet moralische Gebote für alle Lebensfragen. Eine solche Religion kann als Volksfrömmigkeit bzw. Staatskult sehr selbstverständlich sein, aber Game of Thrones zeigt uns diese Religionsform im Modus der Krise.

In der Hauptstadt Königsmund wächst die Spannung zwischen der etablierten Priesterschaft und einer radikalen Reformbewegung, den Spatzen. Diese Gruppe erfreut sich im Volk zunehmender Beliebtheit. Sie gewinnt Zustimmung vor allem über ihren Dienst an den Armen. Konsequent betreibt sie Hilfsprojekte für die Hungernden, die Ideale der Religion werden praktisch umgesetzt. Anhänger laufen barfuß, weil sie ihre Schuhe Armen gegeben haben. Einheit von Wort und Tat, konkrete Hilfe für andere – offensichtlich kann eine Glaubensgemeinschaft so an Ausstrahlung und Überzeugungskraft gewinnen.

Worum geht es in dieser Bewegung? Mit einem Wort: Es geht um Ganzheit. Die Frömmigkeit besteht nicht nur aus Worten, sie ist zutiefst geistlich und sozial. Den Mitgliedern der Spatzen geht es nicht um Privilegien und Wohlstand, ihr ganzes Leben steht im Dienst der Werte, die sie predigen. Sie wollen die ganze Wahrheit ihres Glaubens umsetzen, die Gesetze der Götter sollen für alle Schichten gelten. Aus ihrer Sicht haben sich viele hohe Würdenträger der Welt angepasst, sie haben Wasser gepredigt und Wein getrunken. Aber die moralischen Normen müssen für alle gelten. An dieser Stelle wollen die Spatzen konsequent sein, und so beginnen sie ihre Revolution.

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Anmerkungen

1 Von der Buchreihe sind bislang fünf Bände erschienen (bzw. zehn Bände in der deutschen Übersetzung). Diese Bücher sind Grundlage der ersten fünf Staffeln der HBO-Fernsehserie, die im Frühjahr 2019 mit der achten Staffel an ein Ende gekommen ist. Die Fortsetzung des Romans ist seit Jahren angekündigt und mehrfach verschoben worden.
2 Die Serie macht dabei eine Reihe von Anleihen an das europäische Mittelalter. Die Grundidee lässt sich auf die englischen Rosenkriege des 15. Jahrhunderts zurückführen, vgl. Larrington 2016, 14. Zu kulturwissenschaftlichen Studien siehe vor allem auch Servos 2014 und May 2016.
3 Vgl. die ausführliche Deutung der wichtigsten Handlungsstränge und ihre religiösen Implikationen bei Dietz 2020. Eine erste Skizze zu den Religionen und ihren realgeschichtlichen Hintergründen findet sich bei Dietz 2019. Diese Studie sieht von der Handlungsebene und den geschichtlichen Hintergründen weitgehend ab und konzentriert sich auf die Deutung gegenwärtiger Religionsphänomene.
4 Vgl. vor allem Hubbard / Le Donne 2018 und 2019. Siehe auch Jacoby 2014.
5 In meiner Darstellung (Dietz 2020) stelle ich zu Beginn die einflussreichen Deutungen der Säkularisierungshypothese bei Yuval Noah Harari (Harari 2015, 2017, 2018) und Charles Taylor (2012) einander gegenüber und diskutiere diese beiden Paradigmen aus einer von Taylor bestimmten Sichtweise.
6 Vgl. Dietz 2020, 34 – 55.
7 Vgl. die reich bebilderten kurzen Einführungen zu frühen Religionsformen bei MacGregor 2018. Siehe auch die umfassende Gesamtschau bei Bellah 2011.
8 Taylor 2012, 73.
9 Vgl. vor allem Roy 2010.
10 Vgl. Riesebrodt 2000; Pfürtner 1991.
11 Vgl. für das Folgende Dietz 2020, 56 – 91.
12 Norenzayan 2013.

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