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Materialdienst 4/2020
Alexander Benatar

Religionsunterricht in Deutschland

Eine Bestandsaufnahme

„Jede Religionsgemeinschaft will und soll ihren Glauben an die nächste Generation weitergeben. Doch heute kann und darf dabei nicht mehr die Auffassung vermittelt werden, nur die eigene Religion besitze die Wahrheit und sei anderen überlegen.“

Mit diesen Worten werden der an der evangelisch-theologischen Fakultät in Münster unterrichtende Religionswissenschaftler Perry Schmidt-Leukel und sein muslimischer Kollege Mouhanad Khorchide in einer Pressemitteilung (19.2.2020) des Exzellenzclusters „Religion & Politik“ der Universität Münster zitiert. Es sei Teil des schulischen Bildungsauftrags, Schülerinnen und Schülern beizubringen, mit anderen Weltanschauungen respektvoll umzugehen. „Die Praxis zeigt, wie Religionen gerade aus exklusivistischer Haltung zu Machtinstrumenten gemacht werden und Gesellschaften spalten.“1 Ausgehend von dieser Hypothese erarbeitete eine Gruppe von Theologinnen und Theologen mit religionspädagogischer Expertise kürzlich ein Diskussionspapier mit dem Titel „Dialog und Transformation. Auf dem Weg zu einer pluralistischen Religionspädagogik“.2

Das universitäre Diskussionspapier knüpft an eine breitere akademische und gesellschaftliche Debatte über Möglichkeiten und Grenzen einer Pluralisierung des schulischen Religionsunterrichts an, deren verfassungsrechtliche Dimension bereits im Materialdienst aufgegriffen wurde.3 Zuletzt sprach sich auch die stellvertretende EKD-Ratsvorsitzende Annette Kurschus öffentlich für einen gemeinsamen Religionsunterricht von Christen und Muslimen aus.4 Zum Unterrichtsfach Religion heißt es in Art. 7 Abs. 3 GG:

„Der Religionsunterricht ist in den öffentlichen Schulen mit Ausnahme der bekenntnisfreien Schulen ordentliches Lehrfach. Unbeschadet des staatlichen Aufsichtsrechtes wird der Religionsunterricht in Übereinstimmung mit den Grundsätzen der Religionsgemeinschaften erteilt.“

Der Religionsunterricht ist damit das einzige grundgesetzlich normierte Schulfach. Voraussetzung der Erteilung von Religionsunterricht ist, dass die mit ihm betraute Religionsgemeinschaft über klare Mitgliedschaftsregeln verfügt sowie über Autoritäten, die zentrale Lehrinhalte verbindlich festlegen können.5

Abgesehen von diesen generelleren Anforderungen aber gilt in der föderalen Bundesrepublik Deutschland der Grundsatz: Die schulische Ausbildung ist Ländersache. Wie und mit wem bei der Erteilung des Religionsunterrichts kooperiert wird, obliegt also den Kultusministerien der jeweiligen Bundesländer. Entsprechend vielfältig sind daher auch die Gegebenheiten vor Ort, auf die die genannten akademischen bzw. kirchlichen Vorstöße zu einer größeren Pluralisierung des schulischen Religionsunterrichts treffen. Um diesen theoretischen Überlegungen zu seiner Reform eine praktische Grundlage zu geben, wird im Folgenden ein Überblick über den aktuellen Stand der Ausgestaltung des schulischen Religionsunterrichts in den einzelnen Bundesländern gegeben.

1. Baden-Württemberg: Derzeit wird in Baden-Württemberg evangelischer, römisch-katholischer, alt-katholischer, jüdischer, syrisch-orthodoxer, alevitischer, orthodoxer sowie – im Rahmen eines Modellprojekts – islamischer Religionsunterricht in sunnitischer Prägung erteilt. Zu letzterem Zweck hat das Land zum 1. August 2019 eine Stiftung „Sunnitischer Schulrat“ eingerichtet.6 Mit dieser Stiftung des öffentlichen Rechts wird die Erteilung islamischen Religionsunterrichts näher an den Staat gebunden. Dies führte teilweise zu Irritationen mit Blick auf dessen religiös-weltanschauliche Neutralität. An dem vorerst auf sechs Jahre (bis 2025) befristeten Projekt sind der Landesverband der Islamischen Kulturzentren Baden-Württemberg (LVIKZ) und die Islamische Glaubensgemeinschaft der Bosniaken (IGBD) beteiligt, nicht aber die Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion (DİTİB) sowie die Islamische Gemeinschaft Baden-Württemberg (IGBW). Im laufenden Schuljahr erhalten etwa 6000 Schüler an rund 90 Schulen Baden-Württembergs islamischen Religionsunterricht. Dies entspricht ca. vier Prozent aller muslimischen Schüler in dem Bundesland.7

2. Bayern: In Bayern wird katholischer, evangelischer, orthodoxer, jüdischer und muslimischer Religionsunterricht angeboten. Nach Auskunft des bayrischen Kultusministeriums handelt es sich bei letzterem allerdings nicht um einen konfessionellen Religionsunterricht nach Art. 7 Abs. 3 GG, sondern um eine „weltanschaulich-religiös neutrale Islamkunde kombiniert mit Werteerziehung“. Im vergangenen Schuljahr nahmen daran rund 1000 Schülerinnen und Schüler teil.8 Mit Beginn des nächsten Schuljahrs 2020/21 startet in Bayern zudem der zweijährige Modellversuch eines „Konfessionellen Religionsunterrichts mit erweiterter Kooperation“ von evangelischen und katholischen Lehrkräften – eine Antwort auf das Problem, dass der Religionsunterricht der jeweiligen Minderheitskonfession aufgrund einer zu geringen Schülerzahl bislang häufig entfallen muss.9

3. Berlin: Keine Regel ohne Ausnahme. Dies gilt auch für die grundgesetzlichen Bestimmungen des Art. 7 Abs. 3 GG zum Religionsunterricht in Deutschland. Und so heißt es in Art. 141 GG: „Art 7 Absatz 3 Satz 1 findet keine Anwendung in einem Lande, in dem am 1. Januar 1949 eine andere landesrechtliche Regelung bestand.“ Die Einführung dieser Ausnahmeregelung hatte ursprünglich Bremen (s. u.) zur Bedingung für seinen Betritt zum Geltungsbereich des Grundgesetzes gemacht, sie findet jedoch auch auf die Bundesländer Berlin und Brandenburg Anwendung.10 Der Religionsunterricht ist in Berlin also nicht ordentliches, sondern zusätzliches, freiwilliges Lehrfach. An all jenen öffentlichen Schulen, an denen ein entsprechendes Interesse der Eltern bzw. Schüler besteht, bieten die folgenden neun Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften einen entsprechenden Unterricht an: die evangelische Kirche, die katholische Kirche, die Jüdische Gemeinde in Berlin, die Griechisch-Orthodoxe Metropolie von Deutschland, der Humanistische Verband Deutschlands, die Islamische Föderation (islamischer Religionsunterricht), das Kulturzentrum Anatolischer Aleviten (islamischer Religionsunterricht), die Buddhistische Gesellschaft in Berlin und die Christengemeinschaft.11

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Anmerkungen
1 www.uni-muenster.de/Religion-und-Politik/aktuelles/2020/aktuell/Auf_dem_Weg_zu_einer_pluralistischen_Religionspaedagogik.html (Abruf der Internetseiten: Februar 2020, wenn nicht anders angegeben).
2 www.bibor.uni-bonn.de/diskussionspapier-dialog-und-transformation.-auf-dem-weg-zu-einer-pluralistischen-religionspaedagogik.
3 Vgl. Hanna Fülling: Der Hamburger Religionsunterricht für alle. Ein zukunftsweisendes Konzept für den Religionsunterricht?, in: MdEZW 1/2020, 40-44.
4 Vgl. www.evangelisch.de/inhalte/166524/28-02-2020/ekd-vize-kurschus-befuerwortet-gemeinsamen-religionsunterricht.
5 Vgl. Ulrich Willems: Stiefkind Religionspolitik, in: Aus Politik und Zeitgeschichte – Religionspolitik 28-29/2018, hg. von der Bundeszentrale für politische Bildung, 9-15, hier 9.
6 Vgl. https://km-bw.de/,Lde_DE/Startseite/Ministerium/Kultus+-+Religionsangelegenheiten+und+Staatskirchenrecht?QUERYSTRING=religionsunterricht.
7 Vgl. www.domradio.de/themen/islam-und-kirche/2019-07-16/baden-wuerttemberg-regelt-islamischen-religionsunterricht-neu.
8 Vgl. www.nordbayern.de/politik/bayern-immer-weniger-schuler-erhalten-religionsunterricht-1.9214473.
9 Vgl. www.keg-bayern.de/home/artikel-details/konfessioneller-religionsunterricht-mit-erweiterter-kooperation-in-bayern.html.
10 Vgl. www.bibelwissenschaft.de/stichwort/100109.
11 Vgl. www.berlin.de/sen/bildung/unterricht/faecher-rahmenlehrplaene/religion.

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