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Materialdienst 3/2020
Helmut Zander

Die Gesamtausgabe der Werke Rudolf Steiners und die Veränderungen in der Anthroposophie

Damals, vor 2012, war das Rudolf-Steiner-Archiv eine Gralsburg und Steiners Erbe weitgehend nur Eingeweihten zugänglich. Zugang eröffnete die „Rudolf Steiner Nachlassverwaltung“ nur nach einer ernsten Prüfung – wobei unklar blieb, was sich hinter den Archivmauern verbarg. Steiners Nachlass war damit für die wissenschaftliche Forschung kaum brauchbar. Bei Steiners Werken, die seit den 1950er Jahren in der Gesamtausgabe (GA) erschienen, kumulierten die Probleme: Die editorischen Eingriffe waren bekannt, aber nicht nachvollziehbar, Auswahlentscheidungen der Herausgeber blieben im Dunkeln, Steiners Bibliothek war dem Arkanzirkel vorbehalten. Der Umgang mit Steiners Werk bestätigte alle Vorurteile gegenüber einer abgeschotteten Weltanschauungsgemeinschaft, die ein Interpretationsmonopol rigide durchzusetzen versuchte und von beklemmender Angst vor der offenen Debatte geprägt war. Fairerweise muss man aber auch sagen, dass die Herausgabe der GA zugleich eine schier unglaubliche Arbeitsleistung war: Die Entzifferung der Stenogramme und die Entscheidung über Klartexte ist ein entsagungsvolles Geschäft von Spezialisten, die Sichtung des riesigen Nachlasses eine Ameisenarbeit, die Publikation teuer. All das war nicht geheim, aber opak. Doch das war damals.

2011 ertönte der Paukenschlag mit anschließender Revolution. Walter Kugler, der Leiter der Nachlassverwaltung, musste gehen. Die Welt, in der die GA erschien, hatte sich gewandelt, ohne dass die Nachlassverwaltung eine angemessene Antwort fand: Zum einen liefen die Rechte an Steiners Werken aus, das Publikationsmonopol und damit eine starke Interpretationsmacht brachen weg. Zum anderen wurden historisch-kritische Arbeiten zu Steiners Werk publiziert, die Debatten in bislang unbekannter Intensität auslösten. 2012 kam David Marc Hoffmann, Leiter des renommierten Schweizer Wissenschaftsverlages Schwabe, der eine akademisch satisfaktionsfähige Dissertation über Steiner und Nietzsche geschrieben hatte. Er wagte mit Rückendeckung von ähnlich denkenden Anthroposophen den Umsturz, mit dem ich zu meinen Lebzeiten nicht mehr gerechnet hatte: Die Nachlassverwaltung machte ihre Bestände zugänglich, richtete einen Lesesaal ein und verbesserte, manchmal radikalisierte die kritische Editionsarbeit. Natürlich bin ich dieser Öffnung als das fleischgewordene Misstrauen begegnet, aber alles deutet darauf hin, dass man es mit der geöffneten Tür ernst meint. Damit steht einer der bedeutendsten Nachlässe einer alternativkulturellen Bewegung der Jahrzehnte um 1900, die inzwischen gesamtgesellschaftliche Bedeutung besitzt, der Öffentlichkeit zur Verfügung – und dafür darf man dankbar sein. Bis 2025, wenn sich Steiners Todestag zum 100. Mal jährt, soll die GA vollendet sein – eine schwindelerregende Aufgabe. Um die Konsequenzen dieser Neuorientierung geht es im Folgenden.

Probleme ohne Ende

Die Schwierigkeiten beginnen mit der Übertragung von Steiners Vorträgen in einen gedruckten Text. Hier reden wir nicht von Petitessen, sondern von schätzungsweise 80 bis 90 Prozent der Texte in der GA. Konkret: Wie kompetent war ein Stenograf? Wie verhält sich der Klartext zum Vortrag? Was macht man mit unterschiedlichen Vortragsnachschriften? Wie dokumentiert man nachträgliche Redaktionen Steiners? Und wie Bearbeitungen früherer Redaktoren? Derartige Probleme wurden im Rahmen der Edition der GA immer schon diskutiert, aber jetzt erhält man auch Einblick in damit verbundene Editionsentscheidungen.

Diese werden seit 2012 nicht nur in der GA, sondern auch in einer Buchreihe diskutiert, dem „Archivmagazin – Beiträge aus dem Rudolf Steiner Archiv“ (im Folgenden: AM), welches die verdienstvollen „Beiträge zur Rudolf Steiner Gesamtausgabe“ mit etwas flotterer Gestaltung beerbt. Hier finden sich ein finaler Editionsplan (AM 5, 61-117), vor allem aber viel Material: Fotografien von Manuskripten, Druckfahnen, Stenogrammen oder zeitgenössischen Dokumenten. Beispielsweise hat man minutiös die Probleme der Stenogramme aufgeblättert (AM 6) und konkret mehrere Überlieferungsstränge von Mitschriften dokumentiert, die so unterschiedlich sind, dass sie sich nicht harmonisieren lassen (AM 5, 37-152). Eine Interpretation vieler Texte Steiners muss deshalb die Stenografen interpretieren, die Steiners Vorstellungen interpretiert haben.

Viele Fundstücke im AM werfen spannende Fragen auf. Immer wieder werden Seiten aus Steiners Notizbüchern (die der Öffentlichkeit komplett zugänglich gemacht werden sollen) abgedruckt, die Einblicke in den Denkprozess Steiners geben. So findet sich Steiners Übertragung der Seligpreisungen aus dem Matthäusevangelium (Mt 5,3-9) mit dem wohl von Steiner parallel notierten griechischen Text (AM 5, 74). Was sagt das über Steiners Griechischkenntnisse aus? Welche Hilfsmittel hat er benutzt, welche Hilfe hat er erhalten? Steiners Übertragungen aus dem Alten und Neuen Testament sollen jedenfalls in einem eigenen Band der GA publiziert werden.

Oder: Man erfährt, dass Steiner sehr viel mehr und intensiver theosophische Literatur rezipiert hat als bislang bekannt. So hat er auch Helena Petrovna Blavatskys „Schlüssel zur Theosophie“ und ihr „Theosophisches Glossarium“, lexikalische Grundlagenwerke der Theosophie, übersetzt (AM 5, 75-77); auch diese sollen in der GA veröffentlicht werden. Das wird die Debatte, in welchem Ausmaß die Anthroposophie von Steiners philosophischem Frühwerk respektive von seinen theosophischen Werken geprägt ist, mit neuen Informationen versorgen. Dabei wird Steiners spätere Distanzierung von der Theosophie wieder sichtbar gemacht. In den älteren GA-Ausgaben war, Steiners Anweisungen folgend, Theosophie/theosophisch durch Anthroposophie/Geisteswissenschaft respektive anthroposophisch/geisteswissenschaftlich ersetzt worden. In Zukunft soll konsequent das gesprochene Wort dokumentiert werden (AM 5, 137), wir werden viel häufiger als heute von der Theosophie lesen. Gespannt darf man auch auf die Publikation von Äußerungen Steiners sein, die er als eine Art spiritistisches Medium an die Witwe des deutschen Generalstabschefs Helmuth von Moltke übermittelt hat (AM 5, 89f). Sie sind aufgrund von Steiners antispiritistischen Aussagen ausgesprochen irritierend und werfen deshalb die Frage nach ihrer Authentizität auf.

Kontexte

Steiners Vorträge beinhalten ein weiteres Problem, das bislang nur homöopathisch angegangen wurde. Man muss die Kontexte kennen, in denen ein Vortrag entstand, insbesondere: Wer waren die Zuhörerinnen und Zuhörer, wer war die Zielgruppe? Bislang hat man Steiner meist kontextfrei gelesen, ihm „objektive“, zeitlose Aussagen zugeschrieben.

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