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Materialdienst 2/2019

Gott - der ganz andere. Zum Karl-Barth-Jahr 2019

Nach dem Reformationsjubiläum 2017 und einer Ruhepause im Jahr 2018, in dem das Reformationsgedenken in der Schweiz stattfand, folgt 2019 das Karl-Barth-Jahr. Es wurde am 10.12.2018, dem 50. Todestag des großen protestantischen Theologen, in Basel eröffnet. Die Erinnerung richtet sich auch auf das Jahr 1919 bzw. Ende 1918, als die erste Auflage seiner Auslegung des Römerbriefs erschien. Mit einem provokativen und expressionistischen Paukenschlag gegen eine an den Zeitgeist angepasste, neuprotestantische Theologie, die die Kriegspolitik des deutschen Kaisers Wilhelm II. unterstützte, begann Karl Barths (1886 – 1968) Suche nach neuen Wegen, Theologie zu treiben. Von seinen einstigen Lehrern Adolf von Harnack (1851 – 1930) und Wilhelm Herrmann (1846 – 1922) wandte er sich ab, ebenso von Friedrich Schleiermacher (1768 – 1834). Ohne Promotion und ohne Habilitation wurde der Safenwiler Pfarrer aus dem Schweizer Kanton Aargau 1921 Professor für reformierte Theologie an der Universität Göttingen. Die weiteren Stationen waren Münster und Bonn. Als Gegner des Nazi-Regimes verlor er 1935 in Bonn seine Professur und ging nach Basel, von wo aus er seine Auseinandersetzung mit dem Hitler-Faschismus fortsetzte. Hier lebte und wirkte er bis 1968.

Ein auf Modernitätsverträglichkeit bedachtes Christentum verfehlt nach Barth seinen Auftrag, führt zu einer Sowohl-als-auch-Haltung, in der die notwendige Distanz zu totalitären Zeitströmungen nicht gewahrt bleibt. Die christliche Theologie muss etwas unverwechselbar Eigenes zu sagen haben. Nicht der Mensch, sondern das Wort Gottes muss im Zentrum der christlichen Theologie stehen. Am Anfang seines monumentalen Hauptwerkes, der unvollendet gebliebenen „Kirchlichen Dogmatik“, steht das Bemühen im Vordergrund, eine neue Theologie zu entfalten. Sie soll sich gleichermaßen absetzen von der damaligen römisch-katholischen Theologie wie auch vom Neuprotestantismus. Der Streit der Reformatoren mit den „Papisten“ und den „Schwärmern“ soll neu aufgenommen werden. Einer Ablösung der Geistesgewissheit von der Gottesoffenbarung soll entgegengetreten werden.

Nach Barth hat das Zeugnis der Schrift für kirchliches Handeln und Lehren eine zentrale und fundamentale Bedeutung. Orientierung, Korrektur und Kritik für das Reden und Handeln der christlichen Kirche kommen aus dem grundlegenden biblischen Zeugnis und nicht aus den jeweils sich wandelnden „Bewusstseinszuständen unserer historisch determinierten Selbstreflexion“ (Michael Weinrich). Weil die Schrift die „Ur-Kunde“ der göttlichen Offenbarung in der Geschichte des jüdischen Volkes und in Jesus Christus ist, stehen Kirche und Theologie nicht über, sondern unter ihr. Christliche Theologie ist nach Barth vor allem Schriftauslegung und Vergegenwärtigung der christlichen Tradition, die auf die Aufgabe der Predigt ausgerichtet bleibt. Barths Theologie war gerade dort öffentlichkeitswirksam, wo sie gewissermaßen ganz bei der Sache der Theologie blieb und sich nicht als politische Rede verstand, was sie zweifellos indirekt auch war.

Barth betont die grundlegende Differenz zwischen Gott und Mensch. Der Gottesglaube entzieht sich menschlicher Verfügbarkeit. Gott ist der ganz andere, der fremde, der nicht einzuordnende, andernfalls wäre er nicht Gott. Als Geheimnis kann Gott sich nur selbst verifizieren. Barth hat Kirche und Theologie zugleich daran erinnert, dass Christus das Zentrum der Kirche ist. Mit der Christuszentriertheit seiner Theologie unterstreicht er den Ärgernischarakter des Evangeliums.

Durch Karl Barths Mitwirkung an der Barmer Theologischen Erklärung (1934), in der pointiert der Vereinnahmung der Kirche durch den Nationalsozialismus widersprochen wurde, erfuhren Anliegen seiner Theologie eine breite kirchliche Rezeption. Kein deutschsprachiger Theologe des 20. Jahrhunderts hat solche Resonanz erfahren. Von Anfang an war das Echo auf seine Theologie geteilt. Es gab Streit über die angemessene Rezeption der theologischen Anliegen Barths. War er antiliberal und orthodox? Wie nahm er Anliegen neuzeitlicher Theologie auf? In seiner Deutung der klassischen reformierten Erwählungslehre und seiner Interpretation des Bösen als des Nichtigen wird deutlich, dass er die reformatorische Tradition nicht nur wiederholt, sondern neu interpretiert. Die Renaissance neuprotestantischer Theologien in der Gegenwart führt zu einer eher kritischen und skeptischen Betrachtung der Theologie Karl Barths.

Seit ihren Anfängen entfaltet die Theologie Barths ihre Wirkungen in ökumenischen und internationalen Kontexten, übrigens auch im konservativen Protestantismus, der heute weltweit durch pentekostale und evangelikale Bewegungen an Bedeutung gewinnt. Die Wirkungen seiner Theologie entfalten sich nicht einheitlich. Eberhard Jüngel dürfte Recht haben, wenn er beides konstatiert: dass Barth Schleiermacher überwinden wollte und dass er auf ihn bezogen blieb. Was beide Theologen wohl auch verbindet, ist ihre Bezogenheit auf einen vorpluralistischen Kontext. Heute sind Kirche und Theologie jedoch mit der Anwesenheit pluraler Religions- und Weltanschauungskulturen konfrontiert. Insofern nähert sich unsere Situation der des vorkonstantinischen Christentums an, womit neue Herausforderungen und neue theologische Fragen verbunden sind, zu denen sowohl bei Barth als auch bei Schleiermacher einzelne Impulse durchaus zu entdecken sind.

Das Karl-Barth-Jahr 2019 (vgl. www.karl-barth-jahr.eu/19437-387-388-65.html) wird mit vielen Veranstaltungen, einer Ausstellung, Fachtagungen etc. gefeiert. Zahlreiche Publikationen sind bereits erschienen oder werden erscheinen. Sie laden ein zum theologischen Gespräch und zum Nachdenken über Aufgaben heutiger Theologie, zu dem Interessierte eingeladen sind. Kirchenentwicklung und Gemeindeaufbau sind jedenfalls ohne Theologie nicht denkbar. Die Erschließung von Deutungspotenzialen der Theologie Karl Barths ist eine lohnende Aufgabe.

Reinhard Hempelmann

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