lexikon_keyvisual.jpg
Lexikon

Transhumanismus

Der Transhumanismus ist eine Sammelbezeichnung für weltanschauliche Strömungen, die die natürlichen Grenzen des Menschseins technisch erweitern möchten und auf die Vervollkommnung des Menschen abzielen. Manche überzeugten Transhumanisten streben sogar die Unsterblichkeit an. Kritiker wie Jürgen Habermas vergleichen diese Bewegung mit der „Weltanschauung einer Sekte“ (Habermas 2014, 36). Was sind ihre ethischen und weltanschaulichen Herausforderungen?

In ungeahnter Schnelligkeit hat der technische Fortschritt unseren Alltag verändert. Vor 50 Jahren wurde in Deutschland die erste Fernsehsendung in Farbe ausgestrahlt. Heute umfasst das Budget von Streaming-Diensten wie Netflix und Amazon Prime jährlich jeweils mehrere Milliarden US-Dollar, um eigene Serien wie „Game of Thrones“ im Internet zum beliebigen Gebrauch bereitzustellen. Laut der ARD/ZDF-Online-Studie 2016 verbringen die Deutschen fast drei Stunden täglich online. 1995 startete der Online-Händler Amazon, 1997 die Internet-Dienstleistungsfirma Google. Zusammen mit Apple, Facebook und Microsoft zählen sie heute zu den wertvollsten Marken der Welt. Kritiker prangern einen „digitalen Kapitalismus“ an, der den „gläsernen Menschen“ im Visier habe, um ihn besser ausbeuten zu können. Die digitale Revolution hat einen enormen Wandel eingeleitet, im Zuge dessen sich die sozialen Beziehungen, die Arbeitswelt und das Freizeitverhalten nachhaltig verändern.

Riesige Fortschritte gab es auch in der Bio- und Medizintechnik. Krankheiten können heute viel besser diagnostiziert und behandelt werden, was eine längere Lebensdauer und eine höhere Lebensqualität mit sich bringt. Allerdings werfen die technischen Errungenschaften auch neue, schwerwiegende ethische Fragen auf, zum Beispiel in der Pränataldiagnostik.

Zukunftsvisionen

Die Schriftstellerin Juli Zeh beschreibt in ihrem Roman „Corpus Delicti“ (2009) den Staat als eine Gesundheitsdiktatur, in der ein totaler Gesundheitsbegriff zur Grundlage für eine totalitäre Gesellschaft wird. Eine junge Frau hat dem Amtsgericht ihren „Schlafbericht“ nicht eingereicht, ihren Blutdruck nicht gemessen und ihre sportliche Leistungskurve absacken lassen. Wegen dieser Pflichtvergessenheit gegenüber sich selbst und der Gemeinschaft wird die Delinquentin verwarnt. Leider ist das im Roman Beschriebene nicht rein fiktiv: An einer amerikanischen Privatuniversität in Oklahoma muss jeder Student seit 2016 ein elektronisches Armband zum „Fitness-Tracking“ tragen. Seine Gesundheitsdaten werden verschlüsselt an den Uni-Rechner übertragen. Die Studierenden verpflichten sich, täglich mindestens 10 000 Schritte zu laufen und wöchentlich mindestens 150 Minuten sportlich aktiv zu sein. Das Tracking-Ergebnis soll 20 Prozent der Gesamtnote ausmachen. Die Grenze zwischen „big data“ und „big brother“ (Orwell) wird damit immer fließender.

Der israelische Historiker Yuval Noah Harari, ein praktizierender Buddhist (er widmete sein aktuelles Buch seinem Lehrer S. N. Goenka) und überzeugter Transhumanist, skizziert in dem Bestseller „Homo Deus“ (München 2017) die nächste Evolutionsstufe des Menschen: Durch verbesserte Mensch-Maschinen-Schnittstellen kann der Mensch Fähigkeiten erlangen, die früher den Göttern zugesprochen wurden. Homo sapiens ist gottgleich geworden. Mithilfe von Wissenschaft und Technik hat er die Fähigkeit erworben, sein Schicksal selbst zu lenken. Kriege und Krankheiten werden dadurch zurückgehen, weltweit steigt die Lebensqualität. Harari sieht den Transhumanismus als die Religion der Postmoderne, weil Sinn ganz nach Belieben hergestellt werden könne. Mensch-Maschine-Hybride und intelligente Computer werden demonstrieren, dass Intelligenz nicht an ein individuelles Bewusstsein gekoppelt sein muss, davon ist Harari überzeugt.

Anliegen

Die Bezeichnung „Transhumanismus“ wurde erstmals 1957 von dem Biologen Julian Huxley, dem Bruder Aldous Huxleys, geprägt. Er definierte den Transhumanisten als einen Menschen, der „Mensch bleibt, aber sich selbst, durch Verwirklichung neuer Möglichkeiten von seiner und für seine menschliche Natur, überwindet.“ Die natürlichen Grenzen des Menschseins, alle Schwächen, Fehler, der Alterungsprozess bis hin zum Sterben, sollen im Transhumanismus beseitigt werden. Die Anwendung der neuesten technischen Möglichkeiten soll in beständiger „Selbstüberwindung“ zu einer immer höheren Lebensqualität führen.

Transhumanisten haben die kühne Vision eines Menschen, der mittels neuer Technologien in seine eigene Evolution aktiv steuernd eingreift. Das „Mängelwesen“ Mensch soll biologisch und technisch weiter „verbessert” werden, bis es die nächste evolutionäre Stufe erreicht – eine perfekte Maschine wird, die ohne Pausen, Nahrung oder Schlaf auskommt. Damit könne auch die letzte Grenze des Menschseins überwunden werden – seine Sterblichkeit.

Die wichtigsten für den Transhumanismus relevanten Technologien, die heute schon eingesetzt werden, sind Prothesen und neurologische Implantate, genetische und pharmakologische Veränderungen, die künstliche Intelligenz sowie die Kryonik, das heißt die Frostkonservierung von Organismen oder einzelnen Organen, meistens des Gehirns, um sie – sofern möglich – in der Zukunft „wiederzubeleben“. Mithilfe dieser Technologien werden nach Einschätzung ihrer Vertreter transhumane Wesen entstehen, die dem normalen Menschen an Lebenserwartung, Gesundheit, körperlicher und geistiger Fitness überlegen sein werden. Manche Philosophen skizzieren einen „Posthumanismus“ als ein Entwicklungszeitalter nach der Menschheit, in dem eine künstliche, computergestützte „Superintelligenz“ ein konflikt- und leidensfreies Leben ermögliche.

Ethische Fragen

Der rasante technische Fortschritt wirft neue ethische Fragen auf, zum Beispiel im Sport. Mit einem sagenhaften Sprung von 8,24 Metern wurde Markus Rehm im Jahr 2014 Deutscher Meister im Weitsprung. Trotzdem hat ihn der Deutsche Leichtathletik-Verband nicht zur Europameisterschaft zugelassen. Den Unterschenkel, den Rehm bei einem Unfall verloren hat, ersetzt er beim Sport durch eine hochentwickelte Karbonprothese. Die Leistungen mit und ohne Prothese seien nicht vergleichbar, argumentierte der Verband. Rehm ziehe beim Absprung seine größte Energie aus einem künstlichen Sprunggelenk, das nicht ermüden könne. Der beidseitig unterschenkelamputierte südafrikanische Sprinter Oscar Pistorius dagegen durfte 2012 bei den Olympischen Spielen in London über 400 Meter mit federnden Stelzen aus Karbon antreten. Ab wann ein Mensch ein Cyborg ist, ein Mensch-Maschine-Mischwesen, darüber wird heftig gestritten.

Ein weiteres Thema sind die zahlreichen Pharmaka, die nicht nur Krankheiten heilen oder lindern, sondern auch das Leben erträglicher machen und optimieren sollen. Noch nie wurden in Deutschland so viele Arzneimittel verschrieben wie heute. Nach einer AOK-Studie hat im Jahr 2013 jeder Versicherte pro Tag 1,5 Arzneimittel eingenommen. Das sind fast 50 Prozent mehr als im Jahr 2004. Durch sogenanntes „Neuro-Enhancement“ wollen Studierende ihre Gedächtnisleistungen steigern – Studien zufolge werden solche Stimulanzien zu „nicht therapeutischen Zwecken“ heute bereits von 10 Prozent gelegentlich verwendet.

In Deutschland wird intensiv über die Eingriffe in die Natur debattiert, etwa über die Grenzen der Präimplantationsdiagnostik oder einer genetischen Modifikation. Nachdem im Jahr 2015 chinesische Forscher frisch gezeugte Embryos im Labor genetisch verändert hatten, zeigten die folgenden bioethischen Diskussionen vor allem, wie schwierig es ist, eine saubere Trennlinie zwischen medizinischer Therapie und eugenischer Optimierung zu ziehen.

Im Frühjahr 2017 gewann Googles DeepMind-Rechner gegen den aktuellen chinesischen Weltmeister des Go-Spiels. Das Resultat überraschte die Fachwelt, weil es in diesem Strategiespiel vor allem um Kreativität und Lernfähigkeit geht, die man einem Computerprogramm nicht zugetraut hatte. Computerfirmen wurden dadurch angespornt, die menschlichen Gehirnleistungen in allen Bereichen zu übertreffen.

Ray Kurzweil, ein Pionier der transhumanen Bewegung und „Director of Engineering“ beim Google-Konzern, setzt gezielt auf die Veränderung und Überwindung des alternden und ermüdenden menschlichen Körpers. Nach seiner Vision sollen schon bald sehr kleine Roboter in der Blutbahn Viren, Bakterien, und Krebszellen bekämpfen. Wenn man voraussetzt, dass Bewusstsein, Geist und Identität auf physikalischen Prozessen beruhen, könnte ein sogenanntes „mind uploading“ angewendet werden. Ein menschlicher Bewusstseinszustand wird digital auf ein neues, künstliches System übertragen – damit soll der sterbliche Körper überflüssig werden. Als bekanntester Vertreter des Transhumanismus beschwört Kurzweil die Vision einer postbiologischen Neo-Menschheit.

Diese Entwicklungen werfen weitreichende ethische Fragen auf, zumal in vielen Ländern transhumanistische Parteien gegründet wurden, auch in Deutschland (www.transhumanismus.eu). In den USA haben die genannten großen Internetfirmen vor einem Jahr gemeinsam eine Ethikkommission zur Künstlichen Intelligenz gegründet. Sie geht allerdings von der Prämisse aus, dass die Künstliche Intelligenz Menschen und Gesellschaft nur großen Nutzen bringt. Aber sollte man die Klärung ethischer Fragen der Wirtschaft überlassen? Es wird spannend sein zu beobachten, ob die Kommission eingreift, wenn eine Geschäftsidee im Widerspruch zu einem ethischen Grundprinzip oder Menschenrecht steht.

Einschätzung

Der Transhumanismus gründet auf einem materialistischen Idealismus, für den eine perfekte Maschine das Maß aller Dinge ist. Konzepte wie Seele, Ich oder Selbst halten die Vertreter des Transhumanismus für eine Idee vergangener Epochen, weil sie empirisch nicht nachzuweisen seien. Damit wollen Post- und Transhumanisten entschieden alle dualistischen Anthropologien des Humanismus überwinden. Gleichgültig, ob es sich um einen antiken oder einen Renaissance-Humanismus, einen christlichen, kantischen oder säkularen Humanismus handelt – immer stehen sich in einer dualistischen Ontologie Natur und Kultur, Geist und Materie, Seele und Welt, Mensch und Gott gegenüber. Die Mehrheit der Transhumanisten ist monistisch orientiert und vertritt ein materialistisch-naturalistisches Weltbild, dem es darum geht, „welche Techniken am vielversprechendsten sind, um die Wahrscheinlichkeit der Entstehung des Posthumanen zu erhöhen“ (Sorgner 2016, 72). Kritiker hingegen halten die Maxime der Selbstoptimierung für eine gefährliche Utopie (Franck 2017).

Der technische Fortschritt an sich ist weder gut noch böse, sondern eine Chance, seine Errungenschaften verantwortlich zu nutzen. Eine angstbesetzte Verteufelung ist ebenso fehl am Platz wie eine unkritische Übernahme der euphorischen Heilsversprechen.

Was die Prognosen zur Umsetzung der digitalen Revolution betrifft, ist Zurückhaltung angezeigt, weil Visionäre das Tempo überschätzen: „Im Jahr 2019 sind Computer weitgehend unsichtbar … Die Menschen benutzen dreidimensionale Displays, die in ihren Brillen oder Kontaktlinsen eingebaut sind“ (Kurzweil 2000, 314).
Die technophile Weltanschauung des Transhumanismus übersieht die Erste-Person-Perspektive der Ich-Erfahrung, die sich nicht digital abbilden lässt. Die Ich-Erfahrung umfasst neben Gehirnprozessen auch das Körpererleben. Die Gesamtheit der Körper-Seele-Geist-Einheit im Selbstbewusstsein ist computertechnisch nicht zu erfassen. Zwar können bestimmte Aspekte menschlichen Wahrnehmens, Denkens und Handelns als Informationsverarbeitungsprozesse modelliert werden. Komplexe menschliche Fähigkeiten wie emotionale Intelligenz, Weisheit oder Mitgefühl übersteigen aber die Möglichkeiten einer Software. Ein Roboter träumt und weint nicht, er kann nicht über sich lachen. Eine Maschine arbeitet elektrisch-digital, das Gehirn neurobiologisch-psychosomatisch. Das menschliche Selbstbewusstsein lässt sich nicht in einen Algorithmus pressen.

Als Geschöpf und gleichzeitig Ebenbild Gottes ist der Mensch beauftragt, selbst schöpferisch tätig zu werden und die Welt zu gestalten und zu bewahren (Gen 1,28). Dafür alle technischen Möglichkeiten zu nutzen, entspricht dem Auftrag. Gleichzeitig gilt es, die Grenzen des Menschseins zu akzeptieren und nicht transhuman zu übersteigern. Der Transhumanismus wird zu einem Götzendienst, wenn als einziges Lebensziel die Perfektionierung übrigbleibt. Als soziales Wesen ist der Mensch auf die Beziehung zu einem Gegenüber angewiesen, das sich von ihm unterscheidet. Zwei ähnlich optimierte Festplatten werden keine Liebesbeziehung miteinander eingehen.


Literatur

Becker, Philipp von: Der neue Glaube an die Unsterblichkeit. Transhumanismus, Biotechnik und digitaler Kapitalismus, Wien 2015
Franck, Georg et al.: Die gefährliche Utopie der Selbstoptimierung. Wider den Transhumanismus, in: Neue Züricher Zeitung vom 19.6.2017 (www.nzz.ch/meinung/kommentare/die-gefaehrliche-utopie-der-selbstoptimierung-wider-den-transhumanismus-ld.1301315)
Habermas, Jürgen et al.: Biologie und Biotechnologie. Diskurse über die Optimierung des Menschen, Wien 2014
Harari, Yuval Noah: Homo Deus. Eine Geschichte von Morgen, München 2017
Kurzweil, Ray: Homo s@piens. Leben im 21. Jahrhundert – was bleibt vom Menschen?, München 2000
Kurzweil, Ray: Menschheit 2.0. Die Singularität naht, Berlin 2014
Sorgner, Stefan: Transhumanismus. „Die gefährlichste Idee der Welt“!?, Freiburg i. Br. 2016
Vogelsang, Frank / Hoppe, Christian (Hg.): Sollen wir den Menschen verbessern?, Bonn 2012
Zeh, Juli: Corpus Delicti, Frankfurt a. M. 2009

Prof. Dr. Michael Utsch, Oktober 2017