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Lexikon

Naturalismus

Der Begriff Naturalismus kommt in verschiedenen Kontexten, zum Beispiel in denen von Literatur, Kunst und Wissenschaft vor. Im Bereich der Literatur ist er vor allem literaturhistorisch bestimmt und bezeichnet eine europaweite Strömung am Ende des 19. Jahrhunderts. Kunstgeschichtlich wird das Wort parallel zu den Bezeichnungen Realismus und Impressionismus verwandt.

Weltanschauliche Strömungen, die ebenso unter dem Begriff Naturalismus zusammengefasst werden, bestimmen öffentliche Diskurse um die Entstehung des Universums und seiner Ordnungen, sie beziehen sich heute vor allem auf das Verständnis des Menschen, sein Selbstbewusstsein, seine Erlebnisfähigkeit, seine Willensfreiheit, seine personale Identität. Eine naturalistische Deutung von Welt und Mensch ist verbreitet. Sie orientiert sich an Naturkategorien und geht davon aus, dass für das Verständnis des Kosmos und des Menschen religiöser Glaube und die Annahme eines transzendenten Gottes nicht erforderlich seien. Vielmehr lasse sich alles besser durch natürliche Ursachen erklären. Dabei wird unter anderem darauf hingewiesen, dass naturwissenschaftliche Forschungen zahlreiche Phänomene, die lange Zeit als Werk Gottes vorgestellt wurden, erklären konnten. Angesichts der stabilen Funktionsfähigkeit von Naturgesetzen seien auch religiöse Menschen in der Regel nicht länger darauf angewiesen, ein Eingreifen Gottes anzunehmen.

In historischer Perspektive widerspricht der Naturalismus einem religiösen Offenbarungsglauben und kann als Fortsetzung und Radikalisierung des Rationalismus verstanden werden. An die Stelle der Offenbarung bzw. der Religion sollen natürliche Erklärungen bzw. eine natürliche Religion treten, deren Evidenz sich aus der Vernunftbegabung des Menschen ergibt.

In modernen neurowissenschaftlichen Diskursen scheinen Begriffe wie Gehirn und Geist sich im „Verdrängungswettbewerb“ (Ulrich Lüke) zu befinden. Von neuen Methoden der Hirnforschung wird erwartet, dass sie Licht in die bisher ungelösten Rätsel des menschlichen Bewusstseins, Freiheits- und Verantwortungsgefühls bringen, des Lebens in der ersten Person. Die Frage der naturwissenschaftlichen Erklärbarkeit des Menschen ist Hintergrund der Leib-Seele- wie auch der Gehirn-Geist-Debatte.

Ausprägungen

Zu unterscheiden sind reduktionistische und offenere bzw. weichere Varianten des Naturalismus. Außerdem gibt es wissenschaftsmethodische Varianten des Naturalismus, die im Folgenden unberücksichtigt bleiben.

Unter reduktionistischen Varianten werden solche verstanden, die alle geistigen, personalen und erlebnisbezogenen Phänomene auf Materielles zurückführen. Der sogenannte neue Atheismus ist in vielen seiner Ausprägungen naturalistisch und szientistisch geprägt. Richard Dawkins geht davon aus, dass seine Erklärung von Welt und Mensch eine zwingende Folge naturwissenschaftlicher Welterkenntnis sei. Der Philosoph Daniel Dennett möchte Religion als natürliches Phänomen durchschauen und dadurch entzaubern. Er versucht aufzuzeigen, dass Naturwissenschaft geeignet ist, Anorganisches, Organisches und zuletzt auch Geistiges vollständig zu erklären. Mit einzelnen anderen Naturwissenschaftlern geht er davon aus, dass naturwissenschaftliche und religiöse Weltdeutungen unvereinbar sind. In atheistischen Rezeptionen Charles Darwins (1809 – 1882), die implizit auch an den materialistischen Monismus Ernst Haeckels (1834 – 1919) anknüpfen, werden seine Entdeckungen zum „Darwin-Code“ (Thomas Junker), der beansprucht, das Geheimnis des Lebens umfassend und vollständig erklären zu können. Seine Einsichten werden in den Rang einer naturalistischen Weltanschauung erhoben, was dieser selbst ausdrücklich ablehnte. Einzelne Vertreterinnen und Vertreter dieses reduktionistischen Naturalismus bezeichnen sich als „Brights“ und wähnen sich im Status des Aufgeklärtseins. Ein Bright (bright: hell, klar, aufgeweckt) ist eine Person, die ein naturalistisches Weltverständnis vertritt und darum bemüht ist, diesem gesellschaftliche Anerkennung zu verschaffen. Das „Manifest des evolutionären Humanismus“ versteht sich als Orientierungsdokument für ein naturalistisches Weltverständnis. Es wurde von Michael Schmidt-Salomon im Auftrag der „Giordano Bruno Stiftung“ geschrieben. Die darin skizzierte naturalistische Weltauffassung versteht das menschliche Ich als „Produkt neuronaler Prozesse“, die menschliche Freiheit als eine Illusion und geht davon aus, dass Geistiges auf Körperlichem beruht. Auch religiöses Bewusstsein wird in dieser Perspektive eingeordnet in eine hirnphysiologische Theorie zur Entstehung der Religion.

Eine weichere Variante des Naturalismus findet sich bei Joachim Kahl. Er versteht unter Naturalismus das Zusammenkommen von Materie und Geist, von Körper und Bewusstsein „als gleichermaßen natürliche Wesenheiten auf qualitativ unterschiedlichen Entwicklungsebenen“ (39f). Der Geist entstand in der Evolution erst „ganz spät, als eine möglicherweise singuläre Ausnahmeerscheinung im All“ (40). Kahl unterscheidet zwischen einer ersten Natur, die außer- und vormenschlich ist, und einer zweiten, die vom Menschen bearbeitet, angeeignet und verwandelt wird. „Die Natur hat uns hervorgebracht. Für kurze Zeit stellt sie Bühne und Kulissen bereit für das Schauspiel unserer Selbstinszenierung, die ohne Textvorlage, ohne Regisseur, ohne Souffleur erfolgt: Einmal und nie wieder. Anschließend kehren wir – unserer Individualität entkleidet – in den endlosen Kreislauf der Atome und Moleküle zurück“ (40). Im Blick auf den Menschen betont Kahl seine Sonderstellung und widerspricht der These von einer neurobiologischen Kränkung des Menschen durch die Bestreitung menschlicher Willensfreiheit.

Sam Harris entfaltet in seinem Buch „Das Ende des Glaubens“ eine polemische Religionskritik. Seine Perspektiven werden im Anschluss an neurowissenschaftliche Studien präsentiert. Religiöser Glaube befindet sich nach Harris „außerhalb der Grenzen eines rationalen Diskurses“ (9). In seinen Darlegungen setzt er sich unter anderem mit dem religiösen Fundamentalismus und dem politischen Islam auseinander. Im Nachwort seines Buches setzt er sich mit dem Vorwurf auseinander, seine Publikation sei kein wirklich atheistisches Buch, weil er die Themen Meditation und Spiritualität aufgreife und damit versteckt für „Buddhismus, New-Age-Mystik oder andere Formen von Irrationalität“ plädiere (244f). Vor allem im Blick auf die Frage, ob Bewusstsein „in vollem Umfang auf der Tätigkeit des Gehirns beruht (und sich darauf reduzieren lässt)“, bestehen zwischen Harris und anderen Atheisten grundlegende Meinungsverschiedenheiten. Nach Harris gibt es für die These, dass Bewusstsein ein Epiphänomen physiologischer Vorgänge sei, keine Gründe. „Tatsache ist, dass Wissenschaftler noch immer nicht wissen, wie es um die Beziehung zwischen Bewusstsein und Materie tatsächlich bestellt ist.“ Harris thematisiert mit solchen Sätzen die Grenzen eines reduktionistischen Naturalismus, ohne freilich seine grundsätzliche Kritik der Religion infrage zu stellen.

Naturalismus und Spiritualismus

Naturalistische Weltanschauungen verstehen sich als materialistisch-evolutiv und melden sich u. a. in atheistischen Weltdeutungen zu Wort. Sie knüpfen an die empirischen Theorien einer Evolutionsentwicklung von Weltall, Leben und Mensch an und interpretieren wissenschaftliche Forschungsergebnisse im Sinne einer umfassenden materialistischen Weltanschauung. Die gesamte Wirklichkeit wird verstanden als „pure Selbstentfaltung der physikalisch, biologisch, biochemisch oder biogenetisch zu erfassenden Materie“ (Medard Kehl, 26). Während die grundlegende weltanschauliche Orientierung moderner Esoterik lautet, dass der Geist die Materie bestimmt, wird dieses Motto in materialistischen Weltdeutungen gewissermaßen umgedreht: Die Materie bestimmt alle geisthaften Prozesse. In weltanschaulichen Diskursen stehen sich heute spiritualistische und naturalistische Wirklichkeitsauffassungen gegenüber. Beide können als monistische Weltanschauungen betrachtet werden. Beide sehen sich selbst im Einklang mit den Erkenntnissen der Wissenschaft. Sie stehen keineswegs nur nebeneinander. Sie bedingen einander und fordern Kirche und Theologie zur Auseinandersetzung heraus. In beiden Beispielen werden empirisch begründete Theorien zur evolutiven Entwicklung von Welt und Mensch zu einer umfassenden, alles erklärenden Weltanschauung erhoben. Die alten und neuen Fragen der Menschen nach Orientierung, Wahrheit und Sinn scheinen durch die skizzierten Wirklichkeitsdeutungen umfassend beantwortet werden zu können.

Einschätzungen

Die Resonanz naturalistischer Weltdeutungen hat unterschiedliche Ursachen. Parallel zum Vorgang kultureller Säkularisierung vollzog sich seit Mitte des 19. Jahrhunderts ein rasanter wissenschaftlich-technischer Fortschritt, vor allem im Bereich der Naturwissenschaften, der mit vielen Erwartungen und Hoffnungen verbunden war. Im Dialog zwischen Theologie, Philosophie und Naturwissenschaft gibt es zahlreiche unerledigte Aufgaben. Mit Recht wird heute im Dialog zwischen Naturwissenschaft und Religion kein Konfrontations- oder Integrations-, sondern ein Komplementaritätsmodell gesucht. Grenzüberschreitungen können von beiden Seiten erfolgen. Naturalistische Wirklichkeitsdeutungen, sofern sie beanspruchen, über die ganze Wirklichkeit aufklären zu wollen, haben einen letztlich metaphysischen Charakter. Sie können weder bewiesen noch widerlegt werden. Die beanspruchte Rationalität ist keine überzeugende Beweisführung, sondern eine Missachtung der Grenzen menschlicher Vernunft. In naturalistischen Wirklichkeitsdeutungen wird der methodische Atheismus, der wissenschaftliches Forschen bestimmt, zum ontologischen Atheismus. Ein solcher Überschritt ist eine weltanschauliche Setzung. Aus der Perspektive des Naturalismus konnte das ungelöste Rätsel menschlichen Bewusstseins nicht gelöst werden. Und die Aussage von Daniel Dennett, das menschliche Bewusstsein sei eine vom Gehirn erzeugte Benutzer-Illusion, entfernt vergleichbar einer optischen Täuschung bzw. der Bedienoberfläche eines PCs, ist spekulativ. Eine Ontologisierung naturwissenschaftlicher Welterkenntnis „ zu einem naturalistischen Weltbild … ist nicht Wissenschaft, sondern schlechte Metaphysik“ (Jürgen Habermas).

Naturalistische Weltdeutungen fordern dazu heraus, die Frage nach dem Menschen zu stellen. Das christliche Verständnis des Menschen ist im Kontext heutiger wissenschaftlicher Diskurse immer wieder neu zu artikulieren. Aus der komplexen Struktur menschlichen Lebens lässt sich die göttliche Wirklichkeit nicht beweisen. Eberhard Jüngel formulierte treffend, dass Gott weltlich nicht notwendig sei, er sei „mehr als notwendig“. Er brachte mit diesem Satz zum Ausdruck, dass eine ungebrochene und unmittelbare Anknüpfung an die Tradition der Gottesbeweise auch um der Sache des christlichen Glaubens willen verfehlt wäre. Der christliche Glaube weiß um die Verborgenheit Gottes in der Welt. Die naturwissenschaftlich ausgerichtete Erforschung des Menschen enthält keine eindeutige religiöse Botschaft. Sie überschreitet jedoch ihre Grenzen, wenn sie Gott von vornherein und grundsätzlich ausschließt und eine „trostlose Metaphysik“ (Holm Tetens) an seine Stelle setzt. Die christliche Theologie hat fraglos vieles zu lernen in der interdisziplinären Zusammenarbeit mit denjenigen Wissenschaftsbereichen, die darum bemüht sind, die natürlichen Daseinsbedingungen der menschlichen Existenz aufzuklären.


Literatur

Hans Blumenberg, Art. Naturalismus, in: RGG3, 109-114
Philip Clayton, Emergenz und Bewusstsein. Evolutionärer Prozess und die Grenzen des Naturalismus, Göttingen 2008
Daniel C. Dennett, Den Bann brechen. Religion als natürliches Phänomen, Frankfurt a. M. /Leipzig 2008
Jürgen Habermas, Zwischen Naturalismus und Religion. Philosophische Aufsätze, Frankfurt a. M. 2005
Wilfried Härle, Dogmatik, Berlin/New York 1995
Sam Harris, Das Ende des Glaubens. Religion, Terror und das Licht der Vernunft, Winterthur 2007
Medard Kehl, Und Gott sah, dass es gut war. Eine Theologie der Schöpfung, Freiburg i. Br. u. a. 2006
Hans Küng, Der Anfang aller Dinge. Naturwissenschaft und Religion, München 2005
Thomas Nagel, Geist und Kosmos. Warum die materialistische neodarwinistische Konzeption der Natur so gut wie sicher falsch ist, Berlin 2016
Peter Neuner (Hg.), Naturalisierung des Geistes – Sprachlosigkeit der Theologie. Die Mind-Brain-Debatte und das christliche Menschenbild, QD 205, Freiburg i. Br. u. a. 2003
Michael Pauen, Was ist der Mensch? Die Entdeckung der Natur des Geistes, München 2007
Matthias Petzoldt, Gehirn – Geist – Heiliger Geist. Muss der Glaube die Willensfreiheit verteidigen?, Hamburg 2008
Josef Quitterer/Edmund Runggaldier, Der neue Naturalismus – eine Herausforderung an das christliche Menschenbild, Stuttgart 1999
Michael Schmidt-Salomon, Manifest des evolutionären Humanismus. Plädoyer für eine zeitgemäße Leitkultur, Aschaffenburg 22006
Holm Tetens, Gott denken. Ein Versuch über rationale Theologie, Stuttgart 32015


Dr. Reinhard Hempelmann, Mai 2016