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Lexikon

Jugendreligionen (die sog.)

„Jugendreligionen“ ist ein in den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts entstandener Begriff, mit dem neue und bis dahin unbekannte religiöse Phänomene bezeichnet wurden. Als Jugendreligionen galten damals: Ananda Marga, die Divine Light Mission, die Bhagwan-Bewegung, die Kinder Gottes, die Hare Krischna-Bewegung (ISKCON), die Scientology-Organisation, die Transzendentale Meditation sowie die Vereinigungsbewegung des Koreaners San Myung Moon.

Mit dem Begriff „Jugendreligionen“ wollte man auf zwei charakteristische Merkmale solcher Bewegungen hinweisen: Sie sprachen in erster Linie Jugendliche im Alter zwischen 15 und 25 Jahren an. Und: Es handelt sich bei ihnen nicht um „Sekten“ im klassischen Sinne einer Abspaltung von einer christlichen „Mutterkirche“, sondern überwiegend um Organisationen, die ihre religiöse Heimat in asiatischen Religionen haben. Ihre Mission unter Jugendlichen und Studenten führte zu zahlreichen Konflikten und verlieh der Diskussion um die Jugendreligionen eine eigene öffentliche Dynamik. Auf dem Hintergrund dieser Kontroversen sind sog. „Eltern- und Betroffeneninitiativen gegen psychische Abhängigkeiten“ entstanden, in denen Betroffene ihre Erfahrungen mit den Jugendreligionen zu verarbeiten suchten.

Trotz aller Unterschiede zwischen den einzelnen Jugendreligionen kann man das wesentliche Konfliktpotential darauf zurückführen, dass im Zentrum der Gruppe zumeist ein spiritueller Meister (= „Guru“) stand bzw. steht, der mit gottähnlichen oder zumindest andere Menschen weit überragenden Fähigkeiten ausgestattet sein soll. Allein dieser „heilige Meister“ verfügt über das „rettende Konzept“ und konstituiert damit die heile Gemeinschaft, die „gerettete Familie“.

Seit Anfang der 90er Jahre wird der Begriff Jugendreligionen kaum mehr benutzt. Das liegt in erster Linie daran, dass sich das Milieu der Jugendreligionen ausdifferenziert hat: Während einige, wie z.B. Ananda Marga oder die Divine Light Mission, praktisch bedeutungslos geworden sind, haben andere – wie die Scientology-Organisation – ihren Einfluss erheblich ausbauen können und sind zum Gegenstand öffentlicher, auch politischer Diskussionen geworden. Gerade mit Blick auf Scientology zeigt sich, dass die traditionellen Kriterien für eine Jugendreligion – Jugendliche werden angesprochen und der religiöse Hintergrund ist geprägt von östlicher Religiosität – keinen Sinn mehr macht: Denn die Zielgruppen von Scientology sind Unternehmer und leistungsorientierte Personen im mittleren Lebensalter, ein religiöser Gehalt wird der Scientology-Organisation von vielen Beobachtern abgesprochen.

Von den genannten Jugendreligionen ist die Hare Krischna-Bewegung nach wie vor aktiv, auch wenn sie heute weit weniger konfliktträchtig erscheint. Dafür gibt es inzwischen neue Bewegungen asiatischen Ursprungs, deren Konfliktpotential dem der früheren Jugendreligionen vergleichbar ist. Das gilt z.B. für die Gruppen um Sathya Sai Baba, Sri Chinmoy und Sant Thakar Sing. Kaum wahrnehmbar ist inzwischen die Bhagwan-Bewegung – zumindest als institutionelle Größe. Das gilt jedoch nicht für viele Ideen des Bhagwan: Diese leben in der alternativen Therapie- bzw. Psychoszene weiter und spielen hier eine nicht zu unterschätzende Rolle.

Der Begriff Jugendreligionen hat sich innerhalb von nur zwei Jahrzehnten selbst überlebt; er beschreibt eine Gattung, die es nicht mehr gibt. Dass ein derart griffiger und in den Medien weit verbreiteter Begriff binnen weniger Jahre obsolet geworden ist, kann als Hinweis auf die Schnelllebigkeit der alternativ-religiösen Szene gewertet werden. Dennoch gibt es nach wie vor konfliktträchtige religiöse Bewegungen, vor denen aus kirchlicher Perspektive gewarnt werden muss. Das gilt besonders dann, wenn Menschen mit einem erhöhten Macht- und Autoritätsanspruch auftreten, die eigenen Botschaften als unkritisierbar hinstellen und glauben machen wollen, das persönliche Heil sei nur in dieser Bewegung und nirgendwo sonst zu finden.

Literatur

Andreas Fincke / Matthias Pöhlmann, Kompass Sekten und religiöse Weltanschauungen, Gütersloh 2004

Dr. Andreas Fincke, März 2005