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Lexikon

Psychoszene

Darstellung

Die Psychoszene umfasst weltanschaulich begründete Angebote zur Lebenshilfe, Persönlichkeitsentwicklung und Sinnorientierung außerhalb der wissenschaftlichen Psychologie und des kassenfinanzierten Gesundheitswesens. Über ein konkretes Veränderungsziel hinaus, wie z.B. die Bewältigung von Prüfungsangst oder Partnerschaftskonflikten, werden hier ganz allgemein (und kaum überprüfbar) Sinnfindung, Selbstverwirklichung oder Bewusstseinserweiterung versprochen.

Diese Angebote bedienen einen florierenden Markt. Besonders gefragt sind Seminarangebote, mit deren Hilfe man die berufliche Karriere zu fördern hofft oder sich eine Intensivierung und Steigerung des eigenen Lebens verspricht. Dazu gehören Coaching-Workshops, die sich psychologisch geben und mit utopischen Erfolgversprechen werben. Die Aussicht auf individuelle Wunschverwirklichung mit Hilfe psychologischer „Tricks“ hat sich zu einem lukrativen Geschäft entwickelt. Zahlreiche Varianten des Positiven Denkens verheißen das Erreichen kindlicher Träume und Sehnsüchte.

Bestmögliche Selbstbestimmung und Kontrolle über das unberechenbare Seelenleben sind Zielvorstellungen der Psychoszene. Neben evolutionistischen Modellen boomen auf dem freien Markt der Lebenshilfe asiatische Bewusstseinskonzepte, buddhistische Meditationstechniken sowie schamanistische und esoterische Praktiken. Gemeinsam ist den spirituellen Lebenshilfe-Angeboten, dass sie mit Hilfe eines klar definierten Weltbildes, spezifischen Glaubensüberzeugungen und davon abgeleiteten Techniken und Ritualen arbeiten und als Sinngeber fungieren.

Eine wissenschaftlich begründete Psychotherapie ist von der ideologisch geprägten Psychoszene abzugrenzen: Während es auf der einen Seite um eine präzise eingegrenzte Störungsbehandlung unter den wissenschaftlich gebräuchlichen Bedingungen geht (Gesundheits- bzw. Krankheitslehre, Diagnose, Behandlungsplan, Prognose), versprechen Seminaranbieter der Psychoszene schnelle und umfassende Persönlichkeitsänderungen durch angeblich universell wirksame Heilkräfte.

Es waren allerdings anmaßende psychotherapeutische Behandlungsziele, die dazu beigetragen haben, die Illusion einer Verwirklichung des „ganzen“ Menschen zu nähren und sein selbstsüchtiges Ego zu bedienen. Besonders die Humanistische Psychologie mit ihrem Credo der sich vollständig zu entfaltenden Persönlichkeit begründete ein Menschenbild, das es für viele erstrebenswert machte, sich auf den Weg der experimentellen Selbsterforschung zu begeben und hier neuen Kontakt zu ihrem inneren Erleben zu suchen.

Einschätzung

Seit Beginn des Psychobooms wurde auf den Abweg einer „Vergötzung des Selbst“ hingewiesen und auf Gefahren utopischer Versprechungen mittels riskanter Gruppentechniken aufmerksam gemacht. Außerdem werden bei den Seminaren der Psychoszene fachliche Standards häufig nicht eingehalten. Die Einbindung in einen definierten Berufsstand mit berufsethischen Verpflichtungen liegt in der Regel nicht vor. Das Manipulationspotential ist in den Gruppenveranstaltungen hoch. Für seelisch labile Menschen kann die Teilnahme an einem Wochenend-Kurs mit konfrontativen oder bewusstseinserweiternden Techniken schädliche Folgen haben.

Problematisch wird es, wenn Anbieter die psychologische Machbarkeit aller Änderungswünsche in Aussicht stellen. Hier gibt es gegenwärtig Tendenzen, die menschlichen Eigenschaften und Anlagen als einen formbaren Rohstoff anzusehen. Keine Psychologie ist jedoch imstande, ersehnte persönliche Eigenschaften wie Schlagfertigkeit, Selbstsicherheit, Kontaktfähigkeit oder Humor anzutrainieren. Die erschreckende Vorstellung eines kommerziellen „Psychodesigns“ liegt nahe, wenn man sich den rapide steigenden Gebrauch von Psychopharmaka vor Augen hält und den in der Psychoszene vertretenen Machbarkeitswahn mit seinen Heilsversprechen anschaut.

Wegen der hohen Erwartungen gegenüber psychologischen Behandlungen und einer verbreiteten Unkenntnis hinsichtlich ihrer tatsächlichen Möglichkeiten ist es wichtig, sich die Mythen der Psychologie und die engen Grenzen der Psychotherapie zu verdeutlichen. Zu den populären Irrtümern zählen neben der Vorstellung von der beliebigen „Modellierbarkeit“ des Charakters (Persönlichkeitseigenschaften sind relativ stabil) die Dominanz des Lustprinzips (auch wertorientierte Ziele motivieren) und der Mythos vom frühen Trauma (die ersten Lebensjahre entscheiden nicht alles). Eine Kontrolle und Steuerung des Zufalls, die Verwirklichung aller Lebensträume und grenzenloses Durchsetzen und Bewundertwerden sind psychologisch nicht machbar. Aus christlicher Sicht gehören Leiden und Scheitern zum Leben hinzu. Gerade die Erfahrung von Grenzen vermag unbekannte seelische Potentiale zu entfalten und bietet die Chance zu innerem Wachstum.

Kritische Literatur

Panorama der neuen Religiosität, hg. von R. Hempelmann u.a., Gütersloh 2001, 95-209
H. Petzold/I. Orth, Die Mythen der Psychotherapie, Paderborn 1999
M. Utsch, Psychotherapie und Spiritualität, EZW-Texte 166, Berlin 2002
 

Dr. Michael Utsch, Januar 2005

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"Psychoszene" (3/2013)
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