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Lexikon

Okkultismus

Heute erleben Kontaktversuche mit dem Jenseits und okkult-magische Praktiken im Rahmen der Esoterik-Welle eine neue Konjunktur. Besonders seit den 1980er Jahren gibt es immer wieder neue Okkulttrends unter Jugendlichen („Jugendokkultismus“). Gläserrücken und Pendeln sind nach wie vor beliebt und weit verbreitet. Die dort erlebten Wirkungen werden „Geistern“ zugeschrieben.

Die Bezeichnung „Okkultismus“ stammt von dem lateinischen Begriff occultum („das Verborgene“). Es handelt sich um einen Sammelbegriff für weltanschauliche Richtungen und Praktiken, die von einer unsichtbaren Welt bzw. übernatürlichen Kräften ausgehen, die man – so die Auffassung – mit herkömmlichen naturwissenschaftlichen Methoden zwar nicht erforschen, über die man aber dennoch zumindest qualifizierende Aussagen machen könne. Im Gegensatz zum „Paranormalen“, dessen Erforschung sich die Parapsychologie zur Aufgabe gemacht hat, sind beim Okkultismus schon immer weltanschauliche Deutungen vorausgesetzt. Man kann im Anschluss an Kurt Hutten von verschiedenen „Okkult-Konfessionen“ sprechen. Dazu zählen: Spiritismus, Ufologie, Astrologie und gnostisch-esoterische Weltdeutungssysteme wie Theosophie, Anthroposophie und moderne Rosenkreuzer.

Okkulte Praktiken stehen bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen im Zeichen des Jenseitskontakts. Die Manifestation der „Geister“ kann auf unterschiedliche Weise erfolgen: durch den Mund der Medien (Sprechmedien), durch automatische Praktiken (automatisches Schreiben, Malen, Komponieren) oder durch mechanische Methoden, wie schreibendes Tischchen („Planchette“),  Glasrücken („Oui-ja-Board“), Pendeln über dem Alphabet oder über Gegenständen, Wünschelrutengehen und Kristallsehen, sowie nicht anerkannte Deute- und Beratungspraktiken wie Tarotkartenlegen, Handlesen oder Horoskopdeutungen. Insbesondere die Jenseitskontakte versuchen Antworten auf das unbewältigte Problem des Todes zu geben und verheißen Einblicke in die jenseitige Welt. Wo christlicher Glaube auf Kreuz und Auferstehung und auf den Glauben verweist, geht es für Suchende hier um Sicherheit, Beweiskraft und letztlich um die aus angeblichen „Beweisen“ gespeiste Gewissheit, „dass mit dem Tode nicht alles aus ist“. Besonders für Jugendliche hat das Experimentieren mit Kontakten zu „Geistern“ besonderen Reiz. Die Motive sind oft Neugier, Erlebnishunger, aber auch Hoffnung auf lebenspraktische Ratschläge (Berufs- und Partnerwahl, bei Schulsorgen oder Zukunftsängsten). Selbst wenn bestimmte Phänomene natürlich erklärt und „entzaubert“ werden können, sollte im Umgang mit Betroffenen geklärt werden, was sie zu der Beschäftigung mit spiritistischen Praktiken geführt hat. Bei einer längerfristigen und besonders intensiven Okkultpraxis besteht – je nach Persönlichkeitsstruktur – die Gefahr der Abhängigkeit und des Wirklichkeitsverlusts.

Einschätzung

Es ist wichtig, die tatsächlich erfahrenen Wirkungen okkulter Praktiken rational zu erklären. Noch wichtiger aber ist, seelsorgerlich-einfühlsam auf die jeweiligen Motive für die Suche nach „Jenseitskontakten“ einzugehen und behutsam auf die manchmal nicht mehr zu kontrollierenden Folgen hinzuweisen, die den Einzelnen überfordern und ihn aufgrund selbstproduzierter suggestiv erzeugter Zwänge in seelische Not stürzen können. Strikte Verbote helfen in der Regel nicht weiter – im Gegenteil, sie können für Jugendliche ein zusätzlicher Anreiz sein, sich im Verborgenen noch intensiver mit den geheimnisvollen Dingen zu beschäftigen, um sich auf diese Weise dem Zugriff bzw. Einfluss der Erwachsenen zu entziehen.

Kritische Literatur

Panorama der neuen Religiosität, hg. von R. Hempelmann u.a., Gütersloh 2001, 248ff
Andreas Fincke / Matthias Pöhlmann, Kompass Sekten und religiöse Weltanschauungen. Ein Lexikon, Gütersloh 2004
Hansjörg Hemminger, Hexen, Geister, Halloween, Gießen 22004
Orakel: Wahrsagerei – nur ein harmloser Zeitvertreib?, hg. vom Arbeitskreis „Religiöse Gemeinschaften“ der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche (VELKD) und des Deutschen Nationalkomitees des Lutherischen Weltbundes (DNK/LWB), Gütersloh 2005

Dr. Matthias Pöhlmann, März 2005