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Lexikon

Gülen-Bewegung

Sie heißen Regenbogen, Primus, Pangea-Bildungszentren oder einfach Lernstube: An vielen Orten sind Bildungsangebote der Gülen-Bewegung etabliert, die Zahl der oft mit fantasievollen Namen versehenen Vereine und Einrichtungen nimmt rasch und stetig zu. Weltweit sind Organisationen, die sich auf den türkischen Prediger Fethullah Gülen berufen oder von ihm inspiriert sind, erfolgreich, vor allem in den Bereichen Wirtschaft, Medien und Bildung. Die wenigsten machen den Bezug zu Gülen kenntlich. Auch in Deutschland verzeichnet die Bewegung personell und strukturell Zuwachs. Gülen nahestehende Träger betreiben hier inzwischen über 150 Nachhilfezentren, rund 20 Schulen, viele Kitas sowie „ein kleines Medienimperium“ (taz), das unter dem Dach der World Media Group AG Zeitungen (wie ZAMAN), Radio- und Fernsehsender (wie Ebru, Samanyolu) und Zeitschriften vereint. Der interreligiöse und interkulturelle Dialog wird von einer Reihe von Institutionen wie dem Interkulturellen Dialogzentrum München oder dem Forum für Interkulturellen Dialog Berlin (FID e.V.) geführt. Tatkräftige Unterstützung kommt aus der mittelständischen Wirtschaft, etwa von dem 2007 von türkischstämmigen Unternehmern gegründeten Unternehmerverein BAREX e.V., dem derzeit rund 150 Berliner und Brandenburger Unternehmen angehören. 

Geschichte

Muhammed Fethullah Gülen wurde 1938 (nach anderen Angaben 1941) im Nordosten der Türkei geboren. Nach nur wenigen Jahren staatlichen Schulunterrichts genoss er eine traditionelle religiöse Bildung in staatsunabhängigen islamischen Medresen und Tekken. Er wurde Imam, schloss sich der Nurculuk-Bewegung (s. u.) an und konnte als überregional gefragter Redner immer mehr Menschen begeistern, sich für die Verbindung von islamischer Frömmigkeit und modernem sozialem Engagement einzusetzen. Ein wichtiges Mittel waren neben seinen Büchern die Predigten, die auf Audio- und Videokassetten weite Verbreitung fanden und nicht zuletzt auf die aufstrebende türkische Mittelschicht einen wachsenden Einfluss nahmen. 1981 beendete Gülen seine Tätigkeit als staatlicher Prediger, um sich – mit dem Politikwechsel nach 1980 – ganz dem weiteren Aufbau der Bewegung zu widmen. Gülen weitete seine Aktivitäten international aus und setzte verstärkt auf interreligiösen Dialog. Nach staatsanwaltlichen Ermittlungen, die ihn als islamistische Gefahr ins Visier nahmen, ging er im März 1999 in die USA und blieb dort. 2006 wurde er von den Vorwürfen freigesprochen.

Inzwischen ist ein global gespanntes Netzwerk von aktiven Unterstützern sowie informellen Sympathisanten gewachsen, mit den geografischen Schwerpunkten Europa, USA und Zentralasien (Turkvölker!); auffallenderweise bleibt die arabische Welt unberührt.

Lehre, religiöser Hintergrund

Fethullah Gülen ist einem sehr klassischen Islamverständnis verpflichtet, türkisch-sunnitisch und konservativ geprägt mit sufischer Grundhaltung, zugleich aufgeschlossen für die Moderne. Er propagiert keine verbindliche „Lehre“ und keinen Reformislam. Der reformerische Impuls Gülens und seiner Anhänger besteht in einem innovativen islamischen Denken, das den Islam als gesellschaftliche Kraft stärken soll. Es zeigt sich ausgesprochen pragmatisch: „Im Umgang mit anderen ... ist es ihnen wichtiger, wenigstens einen Teil ihrer Wertvorstellungen zu vermitteln (auch wenn sie dafür ihre islamische Motivation in den Hintergrund treten lassen), als durch ein zu offenes islamisches Auftreten gar keine Wirkung über die islamischen Kreise hinaus zu haben“ (Bekim Agai). Das Netzwerk versteht sich nicht als politische oder ideologische „Organisation“, auch nicht als religiöser Orden oder Bruderschaft, vielmehr als eine vom Islam inspirierte soziale Bürgerbewegung.

Die Flexibilität der Vorstellungen und Ausdrucksformen Gülens hängt nicht zuletzt mit dem Herkunftskontext zusammen. In der Türkei wurde der Islam lange aus den öffentlichen Institutionen verdrängt und privat in staatsunabhängigen Parallelstrukturen vermittelt. Die säkularen Wissenschaften verstanden sich weithin antireligiös, die Religiösen entsprechend wissenschaftsskeptisch. Eine Rückbesinnung auf islamische Ideale und die Läuterung der Gesellschaft zur islamischen Pflichterfüllung schien am besten auf dem Wege säkularer Bildung möglich. Dies erkannte Said Nursi (1879-1960), eine ebenso bedeutende wie schillernde Figur der jüngeren türkischen Geschichte. Der Gründer der einflussreichen Nurculuk-Bewegung vertrat offensiv die Vereinbarkeit von Wissenschaft(en) und Islam. Dies hatte auch einen antikolonialen bzw. antiwestlichen Effekt. Ein Dschihad mit den Waffen der Wissenschaft und der Wirtschaft sollte Unwissenheit, Armut und Zwietracht, die drei Hauptfeinde des Islam, bekämpfen. Dadurch würde man auch die Unabhängigkeit vom Westen erreichen. Säkulare Bildung wurde islamisch nicht nur akzeptabel, sondern bedeutsam, ja zur religiösen Aufgabe.

Auch Fethullah Gülen betont die Bedeutung der Naturwissenschaft für die Zukunft des Islam. Vor diesem Hintergrund wird verständlich, dass seine Anhänger Schulen ohne religiösen, vielmehr mit naturwissenschaftlichem Schwerpunkt als islamisch sinnvoll und förderungswürdig ansehen. Ein häufig zitiertes Motto Gülens lautet: Gründet Schulen statt Moscheen!

Vier Säulen können benannt werden, auf denen das Engagement der Gülen-Anhänger ruht:

• Dienst (hizmet): In den sogenannten „Lichthäusern“ – kleinen, verbindlich organisierten Wohngemeinschaften von Freiwilligen, die in der Regel ehrenamtlich für die gemeinsame Sache tätig sind – wird der friedliche Dienst für die Sache Gottes vorbereitet und eingeübt. Mit diesem Begriff werden höchste religiöse Werte verbunden.

• Einladung zum Islam (dava): Dazu Gülen: „Ferner muss der Mensch des hizmet alles Widrige aus seiner Hand stoßen können, das ihn von seiner dava zurückhält. Ob Haus, Frau und Kinder, Arbeit, er darf unter dem Einfluss keiner Sache stehen, die eine Kette für seine Füße ist. Im Wesentlichen hat der Mensch der dava außer in einigen bestimmten Situationen kein persönliches Leben.“

• Dschihad (cihad): Für Gülen absolute Pflicht eines jeden Muslims. Der sogenannte „kleine Dschihad“ zielt darauf, die Bedingungen so zu verändern, dass allen Menschen die göttliche Weisheit nähergebracht werden kann. Hier wird deutlich, unter welchen Umständen auch Bildungsarbeit zum Dschihad werden kann. Waffengewalt spielt dabei freilich keine Rolle, wenngleich Gülen (staatliche) Gewaltanwendung in bestimmten Ausnahmefällen nicht ausschließt.

• Opferbereitschaft: Ziel des Islam ist es, so Gülen, Menschen über die Welt hinaus zur ewigen und absoluten Wahrheit zu führen. Damit dies nicht abstrakt bleibt, wird es in ein aktives Programm transformiert, das „grenzenlose Opferbereitschaft und Selbstlosigkeit“ erfordert. Kampfgeist und Entbehrung sind für den Einsatz für die Sache Gottes und das Wohl der Gesellschaft zentral.  Gülen kündigt ein neues Zeitalter an, das auf der Basis von Frieden und Toleranz eine einzige gemeinsame Zivilisation hervorbringen soll.

Organisationsform

Ein Charakteristikum ist die dezentrale Netzwerkstruktur. Die Cemaat (aus dem Sufismus stammender Ausdruck für die „Gemeinschaft“) ist jung und dynamisch, Vereine entstehen – ohne „Kontrolle von oben“ – aus Eigeninitiative engagierter Mitbürger. Gülen selbst hat keine formal leitenden Funktionen, die lokalen Institutionen arbeiten dementsprechend unabhängig. Die „Funktionäre“ handeln indes in enger Tuchfühlung mit dem Lehrer (z. B. über die Internetseite „Herkül“, www.herkul.org) und sind untereinander gut vernetzt. Den Kern des Netzwerks bilden offenbar die informellen Wohngemeinschaften („Häuser des Lichts“), die – etwa durch Studium der Schriften Gülens und Said Nursis – für die Pflege des von Gülen gelehrten Islamverständnisses bedeutsam sind und künftige Führungskräfte rekrutieren.

Die „Gülen-Schulen“ sind staatlich anerkannte Privatschulen. Sie stehen allen offen (bislang sind dort jedoch fast nur türkische Kinder), der Unterricht folgt dem normalen Lehrplan, Schulsprache ist Deutsch, in der Regel wird statt Religionsunterricht Ethik unterrichtet. Mathematik- und andere Schülerwettbewerbe werden durchgeführt, Motivationsarbeit wird geleistet. Gülen selbst spielt im Schulalltag keine nennenswerte Rolle, viele Lehrende gehören nicht zur Cemaat.

Die Dialogzentren präsentieren sich als Partner für Politik und Gesellschaft und sind im interreligiösen Dialog aktiv, meist ohne mit anderen islamischen Gruppen oder Organisationen zusammen aufzutreten.

Einschätzung

In der Türkei ist die mächtige Cemaat deutlich umstrittener als hierzulande, wo ihre aktive Beteiligung am säkularen Bildungsdiskurs von einer zunehmend breiten Öffentlichkeit vorwiegend mit einer Mischung aus Staunen, Neugier und Respekt wahrgenommen wird. Viele sehen Gülen und seine Anhänger als reformorientierte Muslime, die traditionelle Frömmigkeit mit einem moderaten Islamverständnis verbinden – liberal, unpolitisch und dialogisch. Kritiker sehen in ihnen dagegen verkappte Fundamentalisten, die die Gesellschaft islam(ist)isch unterwandern wollen. Zudem wird Gülen Nationalismus vorgeworfen, weil er immer wieder das Vorbild des Osmanischen Reichs und des Türkentums betont hat.

Die Bewegung ist auf den globalisierten Bildungsmarkt bestens vorbereitet. Erfahrungen im laizistischen türkischen Kontext haben sie gelehrt, religiöse Aspekte sehr zurückzunehmen (bis vor Kurzem wurden sie geradezu verschwiegen) und sich dem säkularen Diskurs nach außen hin optimal anzupassen. Dies führt bei Unkenntnis des religiösen Hintergrunds zu einer einseitigen Wahrnehmung.

Das partizipative Engagement in der Mitte der Gesellschaft für Integration und zur Förderung des Weltfriedens ist als solches zu begrüßen und anerkennend zu würdigen. Der aufopferungsvolle ehrenamtliche Einsatz der Gülen-Anhänger für die gemeinsame Sache hat nicht nur Charme – die Gesellschaft könnte davon in manchen Bereichen lernen. Ein Erfolg des Gülen-Netzwerkes kann darin gesehen werden, dass durch die Verbindung traditioneller islamischer Werte mit neuen Handlungsfeldern auch konservative Muslime für die Mitgestaltung moderner Bildungsarbeit im säkularen Bereich gewonnen werden. Eine offene und positive Haltung gegenüber der modernen Gesellschaft wird eingeübt und der Wert der Bildung – auch und gerade für Frauen – attraktiv und nachhaltig vermittelt.

Auf der anderen Seite ist nicht zu übersehen, dass das gesamte Schrifttum eine programmatische Orientierung an einem konservativ-islamischen Gesellschaftsbild durchzieht, das sich streng an Koran und Sunna ausrichtet und in wichtigen Aspekten der Menschen-, insbesondere der Frauenrechte, der Meinungs- und Religionsfreiheit sowie der Trennung von Religion und Staat dem Gesellschaftsbild der Mehrheitsgesellschaft entgegensteht. Wie dieses Modell aussieht, kann man sich anhand der Koranausgabe von Ali Ünal, der Zeitschrift „Die Fontäne“ oder Produkten aus dem Programm des Fontäne-Verlags vor Augen führen.

Erschwerend kommt die mangelnde Transparenz hinsichtlich der Zugehörigkeit der zahllosen Gülen-Vereine zur Bewegung hinzu. Die dezentrale Struktur macht sie wenig (an)greifbar, da problematische Positionen ausweichend oder relativierend als Einzelmeinungen „anderer“ deklariert werden können. Mangelnde Transparenz wird auch im Hinblick auf die Planung und Durchführung von Reiseveranstaltungen von oder in Kooperation mit Vertretern der Gülen-Bewegung beklagt.

Im Blick auf die Schulen erscheint es derzeit fraglich, ob sie die bisher entstandenen „ethnischen Nischen“ im Lauf der Zeit öffnen werden oder umgekehrt gemäß dem Motto „Islamisierung durch Bildung“ verstärkt zu Parallelstrukturen beitragen.

Eine kritische Auseinandersetzung hat sich nicht auf die religiöse Motivation für das gesellschaftliche Handeln zu richten, sondern auf die mangelnde Reflexion in Bezug auf die religiös-weltanschaulich plurale Situation, in der dieses Handeln seinen Ort hat. Ein „Scharia-Vorbehalt“, in welcher Form auch immer – und sei es in modernem Dialogformat –, ist nicht hinnehmbar. Hier scheint es deutlich mehr Reformbedarf zu geben, als die Gülen-Vertreter bisher erkennen lassen, nicht zuletzt im Hinblick auf die verfassungsrechtlichen Implikationen und die sich daraus ergebenden praktischen Konsequenzen bis in die Literatur hinein.

Quellen

Ergene, M. Enes, Das neue Gesicht des Islams. Die Bewegung um Fethullah Gülen, Offenbach a. M.: Fontäne Verlag 2008
Gülen, M. Fethullah, Hin zu einer globalen Kultur der Liebe und Toleranz, Offenbach a. M.: Fontäne Verlag 22008
Gülen, M. Fethullah, Grundlagen des islamischen Glaubens, Offenbach a. M.: Fontäne Verlag 42009
Gülen, M. Fethullah, Aufsätze – Perspektiven – Meinungen, Offenbach a. M.: Fontäne-Verlag 2004
Ünal, Ali, Der Koran und seine Übersetzung mit Kommentar und Anmerkungen, Offenbach  a. M.: Fontäne Verlag 2009

Zeitschriften

Die Fontäne, Vierteljahreszeitschrift für Religion, Kultur und Wissenschaft, Fontäne-Verlag, Offenbach a. M.
Yeni Ümit („Die Neue Hoffnung“, türkisch) u. a.

Internet
www.de.fgulen.com (international siehe auch: www.fethullahgulen.org)
www.herkul.org (türkisch)
www.dialog-berlin.de

www.academy-ev.com
www.worldmediagroup.eu
www.tuskon.org
www.win-ev.org (dort „Weiterführende Links“)

Literatur

Agai, Bekim, Zwischen Netzwerk und Diskurs. Das Bildungsnetzwerk um Fethullah Gülen (geb. 1938): Die flexible Umsetzung modernen islamischen Gedankenguts, Bonner Islamstudien, Bd. 2, Hamburg-Schenefeld 22008 (Dissertation)
Eißler, Friedmann, Islamisierung profaner Arbeit als Dienst an der Menschheit. Zum Bildungsideal Fethullah Gülens, in: Hempelmann, Reinhard (Hg.), Religionsdifferenzen und Religionsdialoge. 50 Jahre EZW, EZW-Texte 210, Berlin 2010, 175-194
Ghadban, Ralph, Die Pseudo-Modernisten: Said Nursi und Fethullah Gülen, in: ders., Islam und Islamkritik. Vorträge zur Integrationsfrage, Berlin / Tübingen 2011
Homolka, Walter / Hafner, Johann Ev. / Kosman, Admiel / Karakoyun, Ercan (Hg.), Muslime zwischen Tradition und Moderne. Die Gülen-Bewegung als Brücke zwischen den Kulturen, Freiburg i. Br. 2010 (Dokumentation zur Potsdamer
Konferenz 2009)

Dr. Friedmann Eißler, Juli 2011

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