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Lexikon

Christliche Wissenschaft / Christian Science

Geschichte

„Erste Kirche Christi, Wissenschaftler“ ist die offizielle (und sperrige) Bezeichnung für eine der wenigen christlichen Sondergemeinschaften, die von einer Frau gegründet wurden. Diese Glaubensgemeinschaft versteht sich als das Sprachrohr und die Verbreitungsplattform für die Lehre der „Christlichen Wissenschaft“ („Christian Science“). Häufig wird heute von der Christian-Science-Kirche gesprochen. Ihre Anhänger nennen sich „Christliche Wissenschaftler“.

Die Gründerin, Mary Baker Eddy (1821-1910), wuchs als sechstes Kind in einer calvinistischen Farmerfamilie in New Hampshire (USA) auf. Schon als junges Mädchen litt sie an verschiedenen körperlichen und seelischen Krankheiten, die sie zeitlebens begleiten sollten. Deshalb war sie besonders an den Zusammenhängen von Gesundheit, Heil und Heilung interessiert. 1862 suchte sie den Geistheiler Phineas Parkhurst Quimby (1802-1866) auf, der vom Mesmerismus beeinflusst war und spezielle mentale und telepathische Methoden anwendete. Nach kurzer Zeit verspürte sie eine deutliche Besserung, und ihre spätere Lehre wurde von diesem Mann wesentlich beeinflusst. Einige Jahre später, im Alter von 44 Jahren, verletzte sie sich bei einem Sturz auf eisglatter Straße schwer. Nach vergeblichen ärztlichen Bemühungen begann sie eigenen Angaben zufolge, intensiv in der Bibel zu lesen. Drei Tage später – an einem Sonntag – stieß sie auf die Geschichte vom Gichtbrüchigen (Mt 9) und bezog die Worte „Steh auf!“ in diesem Augenblick auf sich selbst. Sie kam der Aufforderung nach und fühlte sich von dieser Stunde an gesund. In ihrem Hauptwerk schreibt sie darüber: „Im Jahr 1866 entdeckte ich die Wissenschaft des Christus oder die göttlichen Gesetze von LEBEN, WAHRHEIT und LIEBE und nannte meine Entdeckung Christian Science. GOTT hat mich während vieler Jahre gnädig vorbereitet, diese endgültige Offenbarung des absoluten göttlichen PRINZIPS des wissenschaftlichen mentalen Heilens zu empfangen“ (Eddy 1998, 107). Bald darauf begann sie, diese entdeckte Heilmethode bei sich selbst und anderen anzuwenden. Ihre dabei gewonnen Erkenntnisse legte sie in dem Buch „Wissenschaft und Gesundheit mit Schlüssel zur Heiligen Schrift“ nieder, das erstmals 1875 veröffentlicht wurde und nach mehrfacher Überarbeitung bis heute – neben der Bibel – die Richtschnur und Inspirationsquelle der Christlichen Wissenschafter darstellt.

Lehre

Mit „Christliche Wissenschaft“ wird von den Mitgliedern der „Kirche Christi, Wissenschaftler“ das metaphysische System geistigen Heilens beschrieben, das von Eddy entwickelt, praktiziert und gelehrt wurde. Eddy glaubte, in der Christlichen Wissenschaft das „Gesetz des Guten“ und die „Wissenschaft des Christus“ zusammengefasst zu haben. Drei Grundideen lassen sich herausstellen: 1. Gott ist Liebe, höchster Vater-Mutter. 2. Die wahre Natur jedes Individuums als Kind Gottes ist geistig. 3. Gottes unendliche Güte, verwirklicht im Gebet, heilt.

Die Materie und das Böse gelten in der Christlichen Wissenschaft als unwirklich; nur Gott, Geist und Gemüt werden als einzige Ursache und Prinzip des Universums angesehen. Mary Baker Eddy beschrieb die Überlegenheit der geistigen Kraft über die physische Kraft als die zentrale Tatsache der Bibel und stellte sie als den Kernpunkt der Christlichen Wissenschaft heraus. Diese „große Tatsache“ könne durch das Heilen von Kranken bewiesen werden. Die von ihr gegründete „Erste Kirche“ habe die Aufgabe, das ursprüngliche Christentum und sein verlorengegangenes Element des Heilens wieder einzuführen.

Gott wird in der Christlichen Wissenschaft als ein geistiges, immaterielles und unendliches Wesen verstanden, das von Eddy mit sieben Synonymen bezeichnet wurde: Gemüt, Geist, Seele, Prinzip, Leben, Wahrheit und Liebe. Um die Namen oder Synonyme für Gott eindeutig hervorzuheben, schrieb Eddy sie im Englischen in Großbuchstaben, was in den Übersetzungen ebenfalls geschieht.

Eddy vertrat die Auffassung, alle Krankheiten seien mentalen Ursprungs. Weil der Mensch als Gottes Ebenbild und Gleichnis geistig vollkommen sei, könnten Sünde, Krankheit und Tod allein durch die Zuwendung zu dem göttlichen Ursprung überwunden und geheilt werden. Diesen Denkansatz verstand Eddy als eine Wissenschaft; manche Anhänger stellen ihn in die Tradition des philosophischen Idealismus. Eddy war überzeugt, eine christlich-wissenschaftliche Erklärung für das Sein gefunden zu haben. Am Ende jedes Sonntagsgottesdienstes wird die folgende Erklärung zusammen mit dem entsprechenden Bibelwort aus 1. Joh 3,1-3 verlesen: „Es ist kein Leben, keine Wahrheit, keine Intelligenz und keine Substanz in der Materie. Alles ist unendliches GEMÜT und seine unendliche Manifestation, denn GOTT ist Alles-in-allem. GEIST ist unsterbliche WAHRHEIT, Materie ist sterblicher Irrtum. GEIST ist das Wirkliche und Ewige, Materie ist das Unwirkliche und Zeitliche. GEIST ist GOTT, und der Mensch ist sein Bild und Gleichnis. Folglich ist der Mensch nicht materiell, er ist geistig“ (Eddy 1998, 468).

In ihrem Lehrbuch hat Eddy sechs Glaubenssätze festgelegt, die von allen unterzeichnet werden müssen, die der „First Church of Christ, Scientist“ in Boston beitreten wollen. Diese Glaubenssätze wenden sich gegen eine wörtlich-historische Auslegung der Bibel und gegen die Trinität: Gott sei „allerhaben und unendlich“, Christus die göttliche Idee und der Heilige Geist der göttliche Tröster. Vergebung wird definiert als das geistige Verständnis, dass das Böse unwirklich ist. Die Kreuzigung und die Auferstehung Jesu hätten dazu gedient, „den Glauben zum Verständnis des ewigen LEBENS zu erheben, zur Allheit der SEELE, des GEISTES, und zum Nichtsein der Materie“ (Eddy 1998, 497).

Verbreitung

1879 wurde in Boston (USA) die erste Gemeinde gegründet. 1881 ließ sich Eddy zur Pastorin ihrer Kirche ordinieren. In Deutschland entstanden die ersten Gemeinden 1896 in Dresden, 1898 in Hannover und 1899 in Berlin. Weltweit haben sich ca. 2200 Zweiggemeinden in 80 Ländern gebildet.

Die Ortsgemeinden sind Zweigkirchen der Muttergemeinde in Boston, die rechtlich selbständig sind und demokratisch von den Mitgliedern der Ortsgemeinden organisiert werden. Das 1895 erschienene „Kirchenhandbuch“ regelt bis heute die Tätigkeiten der Mutterkirche und die Beziehungen zu den Zweigkirchen. Ein fünfköpfiger Vorstand der Mutterkirche achtet darauf, dass Eddys Lehre unverändert überliefert wird. In Deutschland gibt es 63 Zweigkirchen und Vereinigungen, in der Schweiz 21 und in Österreich zwei. Jede Zweigkirche unterhält einen Leseraum für die Öffentlichkeit, in dem nur die Bibel und eigene Publikationen ausliegen. Offizielle Mitgliederzahlen veröffentlicht die Christian-Science-Kirche nicht, in Deutschland ist von etwa 2000 Mitgliedern auszugehen. In einigen Bundesländern ist die Christliche Wissenschaft als Körperschaft des öffentlichen Rechts anerkannt.

Die Idee eines praktischen Christentums setzen manche Mitglieder dadurch um, dass sie sich als Heilpraktiker, Pfleger oder Lehrer weiterbilden. In Deutschland bieten laut dem aktuellen Verzeichnis im „Christian Science Herold“ vom September 2008 derzeit 60, in der Schweiz neun und in Österreich zwei Christian-Science-Praktiker ihre Dienste an. Die sich auf den Heilungsauftrag Jesu berufende, meist vollzeitliche Tätigkeit des „Praktikers“ wird „Christian-Science-Behandlung“ genannt und besteht aus einer systematisierten Form des Gebets. Dazu gehören die Affirmation (Bejahung, Zustimmung) der geistigen Tatsachen des Seins, der Vollkommenheit des Gottes und des Menschen, der in der Christlichen Wissenschaft als die Widerspiegelung Gottes verstanden wird. „Lehrer“ müssen drei Jahre als „Praktiker“ Erfahrungen gesammelt haben, bevor sie sich an der „Lehranstalt für Metaphysik“ in Massachusetts oder im Unterrichtsrat der Mutterkirche in Boston um eine Weiterbildung bewerben können. Bei erfolgreichem Abschluss wird der Titel „C.S.B.“ („Christian Science Bachelor“) verliehen.

Praxis

Im Unterschied zu den Anfangsjahren bis etwa 1895 gibt es heute in der Christian-Science-Kirche keine ordinierten Geistlichen mehr. Zwei Bücher, die Bibel und Eddys Hauptwerk, „Wissenschaft und Gesundheit mit Schlüssel zur Heiligen Schrift“, bilden nach eigenen Angaben den „Pastor“ der Christian-Science-Kirche. Die Sonntagsgottesdienste bestehen aus Gesang, Gebet und Lesungen von Zitaten aus diesen beiden Büchern, die von zwei Lesern vorgetragen werden. Charakteristisch für die Gottesdiensträume sind die zwei identischen Kanzeln. Von einer erfolgt die Lesung aus der Bibel, von der anderen die aus Eddys Hauptwerk. Zusammen bilden die Lesungen die Predigt, die den Hauptteil des Gottesdienstes ausmacht.

Mittwochabends versammelt sich die Gemeinde erneut. Hier gibt es nur kurze Lesungen aus beiden Büchern, weil Heilungszeugnisse im Mittelpunkt stehen. Zweimal jährlich wird in den Zweigkirchen ein „Sakramentgottesdienst“ abgehalten, bei dem die Gemeinde kniend „die geistige Kommunion“ feiert. Taufen oder das Abendmahl finden in der Christian-Science-Kirche nicht statt.

Stellungnahme

In die Christliche Wissenschaft sind viele Quellen eingeflossen. Mary Baker Eddy hat eine religiöse Lebensphilosophie in der Tradition der Neugeist-Bewegung entwickelt. Diese Bewegung, die von Phineas Parkhurst Quimby angeregt wurde, wollte die Kräfte des positiven Denkens zu Heilungszwecken nutzbar machen. Darüber hinaus sind Anleihen aus dem Mesmerismus, einem auf Handauflegung beruhenden spekulativen Heilverfahren, und der Homöopathie unverkennbar. Diese Elemente sind von Eddy aufgegriffen und mit christlichen Gedanken vermischt worden.

Die starke Fixierung auf ihre Gründerin erschwert die Weiterentwicklung der Christlichen Wissenschaft. In den Gemeinden lässt sich eine gewisse Überalterung feststellen. Aus evangelischer Sicht enthält die Lehre der Christlichen Wissenschaft zahlreiche Irrtümer:

• In der Christlichen Wissenschaft wird die Materie verleugnet und nur dem Geistigen Bedeutung beigemessen. Nach christlichem Verständnis ist die Schöpfung jedoch gut (vgl. Gen 1,31), verweist sie doch auf die Macht und Herrlichkeit des Schöpfers (vgl. Ps 8).

• Das Böse und die Krankheiten zeugen nach biblischem Verständnis von der Gefallenheit der Welt und sind Realitäten, unter denen die Schöpfung zu leiden hat (vgl. Röm 8,19).

• Durch die rein geistige Auslegung der Bibel entstehen zahlreiche Widersprüche zur christlichen Theologie (Trinität, Christologie, Erlösungslehre, Menschenbild). Die religiös-philosophische Vernunft wird überschätzt, indem ein quasi-wissenschaftliches System aufgestellt wird und biblische Aussagen uminterpretiert werden.

• Die zentrale christliche Botschaft vom stellvertretenden Leiden und Sterben Jesu Christi wird von der Christlichen Wissenschaft abgelehnt und umgedeutet.

• Nach biblischer Lehre hat der Mensch keinen Anspruch auf Heilung. Gesundheit ist ein Geschenk für begrenzte Zeit. Davon unabhängig ist eine lebendige und erfüllende Gottesbeziehung auch in Leid und Krankheit möglich.

Literatur

Eddy, Mary Baker, Wissenschaft und Gesundheit mit Schlüssel zur Heiligen Schrift, Boston 1998
Fincke, Andreas, Christliche Wissenschaft, in: Harald Baer et al. (Hg.), Lexikon neureligiöser Gruppen, Szenen und Weltanschauungen, Freiburg i. Br. 2005, 215-219
Hutten, Kurt, Seher, Grübler, Enthusiasten. Gütersloh 152002, 382-395
Krech, Hans / Kleiminger, Matthias (Hg.), Handbuch Religiöse Gemeinschaften und Weltanschauungen, Gütersloh 62006, 293-305
Obst, Helmut: Die Christliche Wissenschaft, in: Reinhard Hempelmann et al. (Hg.), Panorama der neuen Religiosität, Gütersloh 22005, 548-554

Zeitschriften

The Christian Science Journal (seit 1883, ein Monatsmagazin mit Schwerpunkt auf geistigem Heilen)
The Christian Science Monitor (seit 1908, eine Tages- und internationale Wochenzeitung)
Der Christian Science Herold (seit 1903, eine monatliche Publikation in deutscher und zwölf weiteren Sprachen)

Internet

www.christianscience.com
www.christian-science.de
www.spirituality.com
www.marybakereddylibrary.org

Dr. Michael Utsch, Oktober 2008