lexikon_keyvisual.jpg
Lexikon

Christlicher Fundamentalismus

Darstellung

Fundamentalismus ist eine Strömung innerhalb des konservativ geprägten Christentums. Für sein Selbstverständnis sind verschiedene Abgrenzungen charakteristisch: gegen den Feminismus, gegen die Evolutionslehre, gegen den Pluralismus, gegen die historisch-kritische Bibelauslegung. Fundamentalismus ist immer etwas Zweites, eine Art Gegenmoderne. Ein herkömmlicher Sprachgebrauch bezeichnet mit christlich-fundamentalistisch denjenigen Bereich protestantischer Frömmigkeit, der hinsichtlich des Bibelverständnisses die Verbalinspirationslehre (wörtliche Eingebung der Worte der Bibel durch das Diktat des Heiligen Geistes) mit dem Glauben an ihre Unfehlbarkeit und absolute Irrtumslosigkeit verbindet und dies auf alle Aussagen der Bibel bezieht. Um von Fundamentalismus im engeren Sinn des Wortes sprechen zu können, reicht das Motiv der Verbalinspiriertheit und Unfehlbarkeit der Heiligen Schrift als Definitionskriterium noch nicht aus. Es müssen weitere Motive hinzukommen: die konservative politische Gesinnung und der Wille, religiös begründete Überzeugungen auch politisch durchsetzen zu wollen, also die Verbindung von Politik und Religion. Der christliche Fundamentalismus in diesem engeren Sinn ist im deutschsprachigen Bereich anders als in den USA kein hoch organisierter und politisch einflussreicher Faktor. In Westeuropa stellen sich fundamentalistische Strömungen in ihren protestantischen oder katholischen Spielarten vor allem als kirchenpolitische, seelsorgerliche und ökumenische Herausforderung dar.

Orientiert man die Begriffsbestimmung von „fundamentalistisch“ nicht primär historisch, sondern geht von gegenwärtigen Konflikten und ihrer öffentlichen Diskussion aus, so tritt die dunkle Seite protestantischer Erweckungsfrömmigkeit ins Blickfeld. Der Fundamentalismusbegriff dient dann als Bewertungsbegriff für Fehlentwicklungen christlicher Frömmigkeit und bezeichnet ihre fragwürdigen Ausdrucksformen: elitäres Selbstverständnis, Schwarz-Weiß-Denken, beanspruchtes Wissen über die Zukunft, weltbildhafter Dualismus, Fixierung auf die Wahrnehmung des Bösen etc.

Für die gegenwärtige Wahrnehmung fundamentalistischer Orientierungen ist die Unterscheidung zwischen einem Wort- und einem Geistfundamentalismus von zentraler Bedeutung. Beiden gemeinsam ist, dass sie auf die menschliche Sehnsucht nach Vergewisserung und Sicherheit antworten. Der Wortfundamentalismus sucht rückwärts gewandt die Glaubensvergewisserung durch den Rekurs auf das unfehlbare Gotteswort in der Vergangenheit. Der Geistfundamentalismus orientiert die Vergewisserung primär an sichtbaren Geistmanifestationen, die als unzweideutige Zeichen, ja Beweise der göttlichen Gegenwart angesehen werden (Heilungen, ekstatische Erfahrungen, ...). Der Wortfundamentalismus sieht Christus preisgegeben, wenn Adam nicht als historische Person verstanden wird. Der Geistfundamentalismus meint, dass demjenigen etwas Entscheidendes im christlichen Leben fehlt, der nicht in Zungen redet. Der Wortfundamentalismus vertritt eine kreationistische Position und ist daran interessiert, eine alternative Biologie und Geologie aufzubauen. Dem Geistfundamentalismus liegt an einer christlichen Psychologie oder am „Powermanagement in der Kraft des Heiligen Geistes“. Gegenwärtig stellt sich ein Geistfundamentalismus chancenreicher dar als ein reiner Wortfundamentalismus. Er knüpft an Ausdrucksformen der religiösen Alternativkultur an, für die Rationalitätsskepsis und ein Hunger nach erlebbarer Transzendenz charakteristisch ist.

Einschätzung

Dem Fundamentalismus ist entgegenzuhalten: Er greift die religiöse Tradition nicht in ihrer Fülle auf, sondern auswählend und reduziert. Er verwechselt Gewissheit mit Sicherheit. Die Verlässlichkeit des göttlichen Wortes lässt sich nicht durch den Glauben an ihre wortwörtliche Inspiration sichern. Die Bibel wird missverstanden, wenn ihr Charakter als Glaubenszeugnis verleugnet wird. In ihr lässt sich kein Vorrat unfehlbarer Fakten finden: zur Welterschaffung, zum Endzeitablauf, zur Strategie, Krankheiten schnell und wirksam zu heilen. Fundamentalistische Strömungen verleugnen christliche Freiheit und sind von Angst bestimmt. Man kann sich bemühen, den Fundamentalismus als Antwortversuch auf die Vergewisserungssehnsucht des Menschen in komplexen, unübersichtlichen Lebenskontexten zu verstehen. Jedoch ist dieser Versuch erfolglos. Glaubensgewissheit ist ein unverdientes Geschenk und menschlicher Verfügung entzogen.

Literatur

Erich Geldbach, Protestantischer Fundamentalismus in den USA und in Deutschland, Münster 2001
Reinhard Hempelmann, Ausprägungen der Sehnsucht nach Gewissheit, in: Panorama der neuen Religiosität, hg. von R. Hempelmann u.a., Gütersloh 22005, 422-436

Dr. Reinhard Hempelmann, Oktober 2005