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Lexikon

Satanismus

Beim Satanismus handelt es sich um einen unscharfen und in den Medien häufig klischeebeladenen Sammelbegriff für unterschiedliche okkult-ideologische Richtungen, Zirkel und magisch-rituelle Praktiken. Oft sind es die Spuren, die in der Öffentlichkeit für Aufsehen sorgen und mit Satanismus in Verbindung gebracht werden: Tieropfer, Grabschändung, Schmierereien an Kirchen, Vandalismus und das provokante Tragen satanistisch interpretierter Okkultsymbole wie Pentagramme, umgedrehte Kreuze u.v.a.m. Innerhalb des Satanismus als Okkult-Bewegung gibt es verschiedene Richtungen und Akzentuierungen. Bestimmend ist häufig ein magisches Ritualkonzept. Im Zentrum steht weniger die Verehrung einer transzendent gedachten Gottheit bzw. Gegenmacht Gottes (Teufel, Luzifer, Satan) als vielmehr der Versuch, den Menschen zum Gott zu erheben. Magie in Form besonderer Kraftzuschreibungen und entsprechende Rituale sollen im Menschen das Göttliche erwecken bzw. ihm dies bewusst machen. Innerhalb des Satanismus lassen sich verschiedene Richtungen unterscheiden:

· sog. okkult-ideologische Gruppen,
· der eher spontan auftretenden Jugendsatanismus,
· Formen eines „Privatsatanismus“, in dessen engeren Kern es zum Ausleben sexuell-perverser Phantasien und zu Übergriffen, Vergewaltigungen und Missbrauch kommen kann. Hierzu lassen sich jedoch keine genauen Aussagen treffen. In letzter Zeit häufen sich Aussagen von Opfern, die von brutalen Missbrauchsfällen berichten. Über die Glaubwürdigkeit solcher Fälle wird derzeit kontrovers diskutiert. Innerhalb der satanistischen Szene versucht man sich von derartigen Vorkommnissen zu distanzieren mit dem Hinweis, dass solcherlei Praktiken nichts mit „echtem Satanismus“ zu tun hätten.
· Vor allem im Internet begegnet dem Nutzer die Form eines virtuellen Satanismus: Gemeint sind damit einschlägige Seiten, Adressen und Foren, die auf entsprechende Gruppen und Ritualsysteme verweisen und dabei den Eindruck erwecken  wollen, es handle sich um größere, aktive Gruppen. Nicht selten existieren diese nur in der Fantasie des jeweiligen Domain-Inhabers. Treibende Motive für solche düsteren Inszenierungen  sind häufig Provokation, die Lust an schwarzmagischen bzw. an dunklen und düsteren Themen.

Innerhalb der erstgenannten, sich selbst als satanistisch einstufenden, untereinander freilich stark divergierenden Richtungen und Ausprägungen des organisierten Satanismus, wobei durchaus Überschneidungen bzw. Überlappungen mit der Okkult-Szene feststellbar sind, lassen sich im Blick auf die Bedeutung Satans unterschiedliche Tendenzen, zum Teil auch Mischformen beobachten: (1) Die Figur Satans wird positiv umgewertet: Satan bzw. Luzifer gilt als Urbild des modernen Revolutionärs. (2) Im Zuge einer Entwertung aller Werte wird Satan zum Inbegriff des autarken Menschen, der sich entweder selbst mit Satan identifiziert oder in diesem eine autonome Macht im und durch den Menschen erblickt. Gleichwohl ist nicht zu übersehen, dass in den heutigen Erscheinungsformen des modernen Satanismus eine Vielzahl unterschiedlicher Einflüsse zusammenkommt.

Einschätzung

In weltanschaulicher Hinsicht handelt es sich beim Satanismus um eine spezielle Form moderner Okkult-Bewegungen. Im Zentrum steht eine Power-Religiosität, der scheinbar keine Grenzen gesetzt sind. Die Lust am Bösen entspringt einem Gefühl der totalen Entgrenzung und der Entwertung aller Werte. Es ist schwierig, die unterschiedlichen Formen des Satanismus zu generalisieren. Sie können bloße Modeerscheinung, religiöse Überzeugung, aber auch Motiv krimineller und menschenverachtender Akte sein. Ohne das Phänomen zu dramatisieren oder zu verharmlosen, sollten deshalb im konkreten Einzelfall jeweils die „satanistischen“ Motive berücksichtigt werden, die zu einer mehr oder weniger intensiven Beschäftigung mit einschlägigen Themen geführt haben. Als mögliche Ursachen werden oft genannt: Protest, Provokation, Abgrenzung, Machtgewinn bis hin zum Aufbau einer okkult-magisch suggerierten (Schein-)Identität. In manchen Fällen können auch Gruppenabhängigkeit und Kontrollmechanismen (z.B. gruppeninterne „Schweigegelübde“) hinzukommen, denen sich der Einzelne nur schwer entziehen kann.

Kritische Literatur

Rainer Fromm, Satanismus in Deutschland. Zwischen Kult und Gewalt, München 2003
Panorama der neuen Religiosität, hg. von R. Hempelmann u.a., Gütersloh 2001, 289-293
Hans-Jürgen Ruppert, Satanismus. Zwischen Religion und Kriminalität, EZW-Texte 140, Berlin 1998

Dr. Matthias Pöhlmann, März 2005