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Lexikon

Yoga

Yoga ist als Entspannungs-, Konzentrations- und Körpertraining weit verbreitet. Mehrere Millionen Bundesbürger – überwiegend Frauen mit höherer Bildung – nutzen regelmäßig das Angebot von Volkshochschulkursen, privaten Yogalehrenden oder geistigen Meistern (Gurus). Yogakurse werden unter bestimmten Voraussetzungen von den Krankenkassen bezahlt. Yoga kann als gymnastische Übung, als Fitnesstraining oder als spirituelle Bewusstseinsschule verstanden werden. Für viele stellt sich die Frage, wie „neutral“ oder umgekehrt wie „weltanschaulich-religiös“ Yogapraktiken sind. Wir informieren über Aspekte und Hintergründe einer vielfältigen Bewegung, die seit über vierzig Jahren auch im Westen mit gesellschaftlicher Breitenwirkung angekommen ist.

Was ist Yoga?

Der indische Begriff „Yoga“ (sanskr. yuj) und das deutsche Wort „Joch“ (lat. iugum) sind sprachlich eng verwandt. Das Bild des Anschirrens von Zugtieren vermittelt anschaulich Aspekte des Yoga: Kräfte werden vereinigt, gebündelt und zugleich beherrscht. Yoga steht für eine ganze Reihe verschiedener Methoden und Techniken, die ein Ziel verfolgen: Die Loslösung des Menschen (moksha) aus dem Leid erzeugenden Kreislauf von Geburt und Tod (samsara) durch die Vereinigung mit dem Göttlichen. Das Selbst (ewiger Geist, Bewusstsein, purusha) soll sich aus der Umklammerung durch die (Ur-)Materie (prakriti) befreien. Diese fundamentale Dualität, wie sie in der Samkhya- und Yoga-Philosophie beschrieben wird, liegt dem breiten Spektrum der Praktiken zumindest ursprünglich zugrunde.

Yoga wird schon in den Upanishaden und der Bhagavadgita erwähnt, die literarische Grundlage der meisten Yoga-Systeme heute findet sich jedoch in den Yoga-Sutren (sutra = Leitfaden) des Patañjali um die Zeitenwende. Die 195 aphoristischen Merkverse begründen unter anderem den achtgliedrigen Yogaweg (Ashtanga Yoga) zur Beherrschung der inneren Welt, d. h. zur Erlangung jenes Zustands, „in dem die seelisch-geistigen Vorgänge zur Ruhe kommen“. Die acht „Stufen“ folgen nicht linear aufeinander, sondern werden auch als „Blütenblätter“ einer sich entfaltenden Knospe betrachtet:

1. yama – allgemeine Ordnung: äußere Disziplin, ethische Haltung gegenüber der Umwelt (wie Gewaltlosigkeit, Wahrhaftigkeit)

2. niyama – besondere Ordnung: innere Disziplin, Observanz persönlicher Regeln der Lebensführung (wie Reinheit, Askese, Hingabe)

3. asana – Körperhaltung, Sitzhaltung

4. pranayama – Atemlenkung: Lebenskraft (prana) soll durch den Atem konzentriert aufgenommen werden

5. pratyahara – „Zurückziehen“ der Sinne: Abwenden von den äußeren Gegenständen, Ausschalten der äußeren Wahrnehmung

6. dharana – „Festhalten“ des Denkens an einem Ort, Konzentration: Ausrichtung des Denkens auf einen Punkt (Verbundenheit des Bewusstseins mit dem Betrachtungsgegenstand)

7. dhyana – „Meditation“, vertiefte Konzentration: Kontinuität der Wahrnehmung an jenem Ort

8. samadhi – „Vereinigung“, Versenkung: Aufhebung der Unterscheidung zwischen Subjekt und Objekt, Einheitserfahrung, Einswerden des menschlichen mit dem göttlichen Bewusstsein

Dieser klassische Yogaweg wird auch als Raja-Yoga bezeichnet („Königsyoga“). Daneben und darauf aufbauend haben sich unterschiedliche Yoga-Traditionen mit zahlreichen Überschneidungen und Mischformen herausgebildet, als deren bekannteste gelten können:

a) Karma-Yoga: der Yoga des (selbstlosen) Tuns, der guten und heiligen Tat. Alles Tun und die alltägliche Arbeit werden als Gottesdienst verstanden.

b) Jñana-Yoga: der Yoga der „Erkenntnis“ durch geistige und asketische Disziplin. Es ist der Weg der Erkenntnis, dass atman, die Individualseele, mit brahman, der kosmischen Weltenseele, identisch ist.

c) Bhakti-Yoga: der Yoga der (selbstlosen) Liebe, der liebenden Hingabe an einen persönlichen Gott. Er konkretisiert sich etwa im unablässigen Chanten, das für viele Vishnuverehrer charakteristisch ist.

d) Ein Yoga-Weg, der den Yoga im Westen besonders populär gemacht hat, ist der Hatha-Yoga (Yoga der Kraft oder des Impulses). Hier geschieht eine Verlagerung von der spezifischen Askese und negativen Einstellung gegenüber dem Körper als zu überwindende materielle Hülle in den frühen Texten hin zu einer Wertschätzung des Körpers als „Tempel Gottes“. Unter dem Einfluss tantrischer Vorstellungen ungefähr ab dem 6./7. Jahrhundert n. Chr. wird der Körperlichkeit mehr und mehr Wert beigemessen. Ab dem 10. Jahrhundert entwickelt der Hatha-Yoga körperbetonte Übungen, Körpersitzhaltungen (asana) und Atemtechniken (pranayama) weiter als wesentliche Instrumente zur Pflege geistiger und körperlicher Gesundheit. Im Tantrismus spielt die männlich-weibliche Bipolarität eine zentrale Rolle. Die weibliche Shakti wird gemäß der tantrisch-esoterischen Anthropologie gleichsam als schlafende spirituelle Kraft in Gestalt einer am Beckenboden eingerollten Schlange (kundalini) vorgestellt. Dort befindet sich das Wurzelchakra, das erste von sieben Energiezentren (chakra = Rad), die im Körper aufsteigend bis zum Scheitelchakra lokalisiert werden und neben einem mittleren Hauptkanal (sushumna) durch eine Vielzahl von Energieleitbahnen (nadis) im feinstofflichen Bereich verbunden sein sollen. Die Kundalini-Energie wird vom Tantriker durch verschiedene Meditationstechniken „erweckt“ und entlang der Sushumna emporgeleitet bis zur Vereinigung mit dem männlichen Pol, Shiva, der im Scheitelchakra gedacht wird. In diesem Kontext haben rituelle Praktiken mit sexueller Konnotation als Mittel zur Vervollkommnung einen besonderen Stellenwert. Auch Mantren, Mudras (Hand- und Fingerstellungen) und Mandalas (Visualisierungen von Gottheiten) spielen im tantrischen Yoga eine wichtige Rolle. Als Folge der spirituellen Praxis können übernatürliche Fähigkeiten wie Gedankenlesen und Unsichtbarkeit auftreten (siddhi), die häufig erwähnt werden und im Volksglauben verankert sind.

Yoga im Westen

Swami Vivekananda (1863-1902) war der Botschafter des Neohinduismus im Westen, der als Wegbereiter für eine breitere Rezeption des Yoga im Westen gilt. Für ihn wie für die überwiegende Mehrheit der indischen Yogis blieb indes bei aller Aufgeschlossenheit gegenüber der Öffnung zum Westen „das spirituelle Ziel des Yoga“ unbestritten (C. Fuchs). Die ursprüngliche Intention des Yoga ist insbesondere in den asiatischen Guru- und Meditationsbewegungen hinduistischen und buddhistischen Ursprungs vorherrschend. Trat und tritt dies im Zuge der Breitenwirkung des Yoga als Fitnessprogramm zum Zweck der Stressreduktion und Entspannung gelegentlich in den Hintergrund, so werden in letzter Zeit spirituelle Aspekte des Yoga wieder verstärkt wahrgenommen. Yoga Vidya etwa zählt sicher zu den populärsten Yoga-Angeboten in Deutschland und lehrt einen stark hinduistisch geprägten Yoga in der Tradition von Swami Sivananda (1887-1963) und Vishnu Devananda (1927-1993).

Es findet auch unter Yogalehrenden eine Diskussion um das Verhältnis von Yoga und Guru statt, ob und inwiefern Yoga ohne das ursprünglich konstitutive Guru-Jünger-Verhältnis inklusive Initiation und Mantra auch in „säkularisierter“, schulmäßig durchgeführter Form authentisch vermittelt werden kann. Ganz eigene spirituelle Profile entstehen in der mehr oder weniger kommerzialisierten Verbindung von Yoga und Esoterikmarkt. Yoga findet sich hier als ein Träger für die unterschiedlichsten patchworkreligiösen Inhalte wieder. Kundalini-Yoga, Kriya-Yoga, Sahaja-Yoga, Tanz-Yoga, Lach-Yoga – die bunte Palette der vielfältigen Angebote lässt nicht immer auf den ersten Blick erkennen, inwieweit das einzelne Produktdesign unter traditionellem Namen schlicht auf die (tatsächlichen oder vermuteten) Kundenbedürfnisse abgestimmt ist.

Nicht wenige Christen empfinden die Yogapraxis als Hilfe zur Vertiefung christlicher Glaubenserfahrung und zur Erschließung neuer oder wenig beachteter Dimensionen des Glaubens (M. Gentschy, A. Frenz). So sind Bemühungen zu verstehen, die von einem christlichen Yoga sprechen oder immerhin die Vereinbarkeit von Yoga und christlichem Glauben zu begründen suchen.

Gab es vor 20 Jahren in Deutschland rund 2000 Yogalehrende, sind es heute bereits deutlich mehr als 10000, der Wachstumstrend hält an. Organisiert ist ein Teil von ihnen im „Berufsverband der Yogalehrenden in Deutschland“ (BDY seit 1967, heute ca. 2500 Mitglieder) mit Sitz in Göttingen sowie im „Berufsverband der Yoga Vidya Lehrer/innen“ (BYV), dem zweitgrößten Verband in Deutschland mit Sitz in Frankfurt a. M. und etwa 1400 Mitgliedern. Sieben Yogaverbände haben im Juni 2007 den „Deutschen Yoga Dachverband“ (DYV, Hamburg) gegründet, um die gemeinsamen Interessen öffentlich zu vertreten und dem Erhalt und der Förderung der Vielfältigkeit des Yoga zu dienen. Zwar ist „Yogalehrer“ noch keine geschützte Berufsbezeichnung, doch bieten die Verbände eine Reihe von seriösen und anspruchsvollen Ausbildungsgängen an, die an europäischen Qualitätsstandards orientiert sind.

Stellungnahme

Die inhaltliche wie auch methodische Vielschichtigkeit, Heterogenität und Variabilität des Yoga lässt Pauschalurteile nicht zu. Yoga versteht sich als ganzheitliche Praxis und Körper und Seele als Einheit – eine Betrachtungsweise, die auch für die westliche Medizin an Bedeutung gewonnen hat. Wissenschaftliche Untersuchungen wie auch vielfältige Erfahrungen belegen den gesundheitsfördernden, vor allem prophylaktischen Nutzen des Yoga im Bereich der Primärprävention. Wird Yoga in einem westlichen Deutungsrahmen rezipiert und – weitgehend abgelöst von seinem religiös-weltanschaulichen Hintergrund – als Körperübung zur Steigerung des Wohlbefindens und der Fitness praktiziert, ist damit nicht unmittelbar eine Grenzüberschreitung zum Hinduismus oder zum Buddhismus verbunden.

Die Übergänge zu hinduistischen oder buddhistischen Lehrinhalten sind indessen im Kontext erlebnisorientierter spiritueller Suche oder von Selbsterfahrungsangeboten fließend. An der Überzeugung, dass die Yoga-Übungen nicht von der Geisteswelt der hinduistisch-buddhistischen Religion(en) zu trennen seien, dass es mithin unrealistisch sei, yogische Meditationstechniken „völlig für sich nehmen und als eine leere Schale betrachten zu wollen, die man beliebig mit jedem Inhalt füllen kann“ (R. Hummel), halten Yogalehrer in der Regel fest. Unter diesem Gesichtspunkt scheinen die religiösen Voraussetzungen gegenüber den Techniken oft vernachlässigt zu werden, inklusive des eigentlichen Ziels (Erlösung, Befreiung, Einswerdung mit dem Göttlichen).

„Yoga verspricht Vollkommenheit. Yoga verspricht frei von allem Elend andauernde Glückseligkeit“ (Krishnananda).

Auch wenn das von christlicher Seite immer wieder ausgesprochene Missverständnis der Selbsterlösung zu kurz greift, da jeder spirituell Praktizierende sich des passiven, „gnadenhaften“ Charakters der Erleuchtungserfahrung bewusst ist, bleibt in jedem Einzelfall die Aufgabe, Kontext, Inhalt und Ausrichtung des jeweiligen Yoga-Angebots zu prüfen. Christliche Mystik wird sich in all ihren Übungen auf die Sammlung und Ausrichtung auf das Heilswerk Gottes in Jesus Christus konzentrieren. Sie wird sich nicht auf Formen einlassen können, die eine auf methodischem Wege zu erreichende Vollkommenheit verheißen. Dies gilt insbesondere auch dann, wenn solche Verheißungen mit wie auch immer gearteten Tendenzen zur (psychischen, finanziellen) Abhängigkeit von der Person eines Lehrers oder Gurus verbunden sind.

Literatur

Der Weg des Yoga. Handbuch für Übende und Lehrende, hg. vom Berufsverband Deutscher Yogalehrer, Petersberg 32000
Fuchs, Christian, Yoga in Deutschland. Rezeption – Organisation – Typologie, Stuttgart 1990
Sivananda Sarasvati, Swami, Übungen zu Konzentration und Meditation, München-Planegg 1952
Tatzky, Boris / Trökes, Anna / Pinter-Neise,
Jutta, Theorie und Praxis des Hatha-Yoga. Ein Leitfaden zur Erfahrung der Energie, Petersberg 31998
Über Freiheit und Meditation. Das Yoga Sûtra des Patañjali – Eine Einführung, übertragen und kommentiert von T. K. V. Desikachar, mit CD, Petersberg 1997
Baer, Harald, Yoga, in: Panorama der neuen Religiosität. Sinnsuche und Heilsversprechen zu Beginn des 21. Jahrhunderts, hg. von Reinhard Hempelmann u. a., Gütersloh 22005, 326-336
Eliade, Mircea, Yoga. Unsterblichkeit und Freiheit, Zürich 1960
Frenz, Albrecht, Christlicher Yoga. Christliche Begründung einer indischen Meditationsweise, Stuttgart 1985
Gentschy, Michael, Yoga und christliche Spiritualität, München 1989
Hummel, Reinhart, Yoga – Meditationsweg für Christen? Probleme einer christlichen Yoga-Rezeption, EZW-Information 112, Stuttgart 1990
Melzer, Friso, Konzentration – Meditation – Kontemplation, Kassel 1974
Schmidt, Walter, Yoga in Deutschland. Verbreitung – Motive – Hintergründe, Stuttgart 1967

Internet

http://www.yoga.de
http://www.yoga-vidya.de
http://de.global-yoga.org/Texte/HathaYogaKanpur4.pdf
http://www.kriya-yoga.de
www.ekd.de/ezw/dateien/EZWINF112.pdf
www.religio.de/dialog/196/196s13.html
http://home.arcor.de/eimuc/WasistYogawirklich.pdf
www.confessio.de/cms/website.php?id=/religionheute/esoterik/allgemeines/duerfen_christen_yoga_ueben.html

Dr. Friedmann Eißler, Mai 2009