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Lexikon

Familienaufstellungen nach Hellinger

Seit Dezember 2008 ist die Systemische Therapie neben der Psychoanalyse und der Verhaltenstherapie als drittes Verfahren krankenkassenfinanzierter Psychotherapie zugelassen. Die wissenschaftliche Anerkennung und kassenrechtliche Zulassung beruht auf den zahlreichen Wirksamkeitsnachweisen des familientherapeutischen Ansatzes. Moderne Psychotherapie verbindet also tiefenpsychologische, kognitiv-verhaltenstherapeutische und systemische Sichtweisen, um seelische Störungen zu behandeln. Die Familienaufstellung ist eine bewährte Methode systemischer Psychotherapie. Besonderes Augenmerk wird hier auf gegenseitige Einflussnahmen, Erwartungen und Abhängigkeiten innerhalb eines Systems – z. B. einer Familie – gelegt. Bei einer Aufstellung, ursprünglich „Familienskulptur“ genannt, wird ein Familienmitglied gebeten, die (anwesenden) Familienmitglieder netzwerkartig in Form einer Skulptur aufzustellen. Unterschiedliche Beziehungsqualitäten innerhalb eines Systems können damit so dargestellt werden, wie sie von einem Mitglied wahrgenommen werden: Seelische Nähe und Distanz drücken sich in räumlicher Entfernung aus, Zu- und Abgewandtheit in der Körperhaltung, Gefühle in Form bestimmter Gesten und vieles mehr.

Bert Hellinger hat diese bewährte Methode aufgegriffen und nach eigenen Vorstellungen und Erfahrungen verändert. Im Unterscheid zum Original stellt Hellinger nicht mehr die Familienmitglieder selbst, sondern beliebige Stellvertreter auf, die angeblich die Gefühle der betroffenen Personen unwillkürlich übernehmen. „Familienstellen nach Hellinger“ hat sich in den letzten beiden Jahrzehnten rasant verbreitet – es war die mit Abstand erfolgreichste Psychotherapie-Methode der letzten Dekade des 20. Jahrhunderts. Berichten zufolge arbeiten mittlerweile allein im deutschsprachigen Raum mehr als 2000 Anbieter mit dieser speziellen Aufstellungsmethode. Heute hat sie sich in Richtung der beiden Schwerpunkte Professionalität und Spiritualität weiterentwickelt. Die Fachwelt hat jedoch wegen mangelnder Fachlichkeit und der weitreichenden Ansprüche dieser Methode längst mit ihr gebrochen. Nach intensiven Diskussionen haben die beiden großen Fachverbände für systemische Familientherapie in den Jahren 2003 und 2004 in Stellungnahmen begründet, warum sie vor dieser Methode warnen (vgl. MD 1/2005, 27f). Kommt also die Sprache auf das Familienstellen, ist zunächst zu klären, ob es sich um die klassische Familienskulptur oder das Familienstellen nach Hellinger handelt.

Begründer und Entwicklung des Verfahrens

Suitbert Hellinger (geb. 1925) war bis 1971 Priester in einem Missionarsorden. Dann verließ er den Orden, heiratete und arbeitete selbständig als Psychotherapeut. Von 1974 bis 1979 besuchte er verschiedene therapeutische Fortbildungen, ohne jedoch einen anerkannten Abschluss zu erlangen. Seit 1993 veröffentlicht Hellinger mit großem Erfolg seine Bücher, die kein systematisches Lehrwerk enthalten, sondern eher meditative Einsichten vermitteln und Fallbeispiele darstellen. Seitdem hat sich diese Methode weit ausgebreitet. Um die Aufstellungsarbeit in einen professionellen Rahmen zu stellen, hat die 1996 gegründete „Internationale Arbeitsgemeinschaft Systemische Lösungen nach Bert Hellinger“ klare fachliche Standards festgelegt. Diese müssen erfüllt werden, um in einer qualifizierten „Aufsteller-Liste“ geführt zu werden (vgl. www.iag-systemische-loesungen.de). Weil Aufstellungen zunehmend auch bei Organisationen und Strukturen angewendet wurden, änderte der Fachverband 2003 seine Satzung und seinen Namen in „Deutsche Gesellschaft für Systemaufstellungen“ (DGfS). Zu dieser Weiterentwicklung trugen auch die zunehmenden Spannungen mit Bert Hellinger bei. Spätestens seit 2001 hat sich nämlich Hellinger selbst von der wissenschaftlichen Variante des von ihm begründeten Verfahrens verabschiedet. Heute betreibt er mit seiner Frau Maria Sophie eine „Hellingerschule“, in der er ein „Neues Familienstellen“ oder auch „Geistiges Familienstellen“ anbietet und darin ausbildet (www.hellinger.com). Durch ein „Gehen mit dem Geist“ soll es möglich sein, sich einer kosmischen Kraft anzuschließen, die hinter allen Bewegungen wirkt.

Was ist das Neue der geistigen Aufstellungsarbeit? Am auffälligsten ist die veränderte Ausgangslage: Es wird kein System mit Stellvertretern mehr räumlich aufgestellt, sondern ein Klient schildert nur noch kurz ein Anliegen. Aufgestellt wird nur noch virtuell – im Geist. Ein Klient präsentiert also ein Problem und nennt die betroffenen Personen. Der Aufsteller stellt sich dann den Menschen in seiner Lage vor und wartet auf einen Hinweis aus der geistigen Welt, den er in einem Satz zusammenfasst. Fallbeispiele auf Hellingers Internetseite dokumentieren eindrücklich die magische Aura, die den Meister umgibt. Es reicht ihm und seinen Schülern, in nur einem Satz das Problem angedeutet zu bekommen. Dann schließen sie die Augen, gehen in tiefe Sammlung und warten auf das entscheidende Wort oder den entscheidenden Satz. Die Sätze haben prophetischen Charakter und sollen starke Wirkungen entfalten.

Die eher professionell orientierte DGfS sieht das neue geistige Familienstellen als spekulativ und unwissenschaftlich an. Die spirituelle Variante erfreut sich allerdings etwa in Europas größtem Osho-Institut in Köln großer Beliebtheit, wo eine eigene Schule Ausbildungen in systemischer Aufstellungsarbeit anbietet (www.tao-systemstellen.de), und auch im freikirchlichen und charismatischen Umfeld gibt es Ausbildungen für christliches Familienstellen (Scharrer 2009).

Hellingers „Ordnungen der Liebe“

Hellinger behauptet, besondere Ordnungen und Gesetzmäßigkeiten entdeckt zu haben, die eine intakte Familie oder ein intaktes System kennzeichnen würden. Sein diesbezügliches Wissen habe er aus den langjährigen Erfahrungen mit Aufstellungen gesammelt, die sich immer wieder bestätigt hätten. Die Hauptursache für persönliche Konflikte und Fehlentwicklungen sieht Hellinger in dem über mehrere Generationen hinweg übernommenen Erbe an Gefühlen, Meinungen und Lebensprinzipien. Weiterhin spielen äußere Ereignisse bei Hellinger eine zentrale Rolle. Ihre Wirkungen durch die Generationen hindurch sollen durch die Aufstellungen sichtbar gemacht werden. Wichtig sei: Wer ist früh gestorben – jünger als etwa mit 25 Jahren? Gibt es Verbrechen und schwere Schuld in der Familie? Gab es frühere Beziehungen der Eltern oder Großeltern? Gibt es besondere Schicksale wie z. B. Behinderung, Auswanderung, nichteheliche Geburt, Adoption? Anders als in der traditionellen Familientherapie spielen bei diesem Ansatz gefühlsmäßige Beziehungen, Sympathien oder Antipathien eine geringe Rolle.

Stellt eine Person ihre Familie spontan und gesammelt auf, dann nehmen nach Hellingers Auffassung die Stellvertreter an ihren Plätzen Gefühle der Familienmitglieder wahr, die sie vertreten. Hier wirkt nach Hellinger das wissende Energiefeld der Familienseele. Angeblich nehmen die Stellvertreter klar und eindeutig wahr, von wem in der Familie Gefühle und Verhalten übernommen worden sind. Die Stellvertreter hätten angeblich Zugang zu einer tieferen Schicht oder Wahrheit der Beziehungen in dem fremden System – ein bisher unerklärliches Phänomen. In der praktischen Arbeit mit Aufstellungen lerne der Therapeut, immer mehr diesem Phänomen zu vertrauen und sich von ihm leiten zu lassen. Hellinger vermutet rätselhafte und geheimnisvolle Verknüpfungen, die starke Bindungen über die Generationen hinweg erzeugen würden. Angeblich wirken Aufstellungen auch auf Familienmitglieder, die keine Ahnung davon haben, dass ihre Familie aufgestellt wurde.

Aufgabe des Therapierenden sei es, Bindungen zu entdecken und eine gute Ordnung zu suchen, bei der sich jeder an seinem Platz der Aufstellung wohlfühle. Dabei soll er die Aussagen Hellingers über die in Familien herrschenden Ordnungen nutzen und rituelle Sätze weitergegeben, z. B. „Ich achte deinen Tod und dein Schicksal“, wenn jemand früh verstorben ist. Durch die Reaktionen der Stellvertreter erkenne er, ob der eingeschlagene Kurs richtig ist.

Grundlage des Familienstellens bilden die von Hellinger formulierten Gesetzmäßigkeiten einer Familie und die von ihm vorgeschlagenen „Lösungen“ von Beziehungskonflikten. Diese „Ordnungen der Liebe“ – so der Titel seines Hauptwerkes (Hellinger 2001) – fußen auf traditionellen tugendhaften Werten wie Achtung, Ehre, Gewissen, Demut, Unschuld oder Bindung. Die Ideale werden durch direktive Lösungsvorschläge des Therapeuten auf die dargestellte Familiensituation angewendet. Weil diese sehr konservativ anmutenden Ordnungen und Regeln heute kaum noch beachtet würden, seien viele Beziehungssysteme gestört und erkrankt. Durch das Befolgen von Hellingers Regeln könne „die Liebe wieder fließen“, oder in Konflikte verstrickte Geschäftspartner könnten wieder konstruktiv miteinander arbeiten.

Einschätzung

In der Regel wird bei den Aufstellungen zu wenig psychologische Beziehungsarbeit geleistet. Der oft mühsame und schmerzhafte Prozess des Abschiednehmens von illusionären Wünschen oder idealisierten Übertragungen wird hier unzulässigerweise verkürzt. Wie sollen in einer 20-minütigen Aufstellung Jahrzehnte alte Familienfehden heilen?

Deutungen und Interpretationen können nur zufällig ausfallen, wenn weder eine präzise Diagnose erhoben wird noch eine überprüfbare Krankheits- bzw. Gesundheitslehre vorliegt. Mit Sicherheit dürften die Personen der Stellvertreter mehr Einfluss auf die Lösung des Familienkonflikts nehmen, als das dem Wahrheitsanspruch der Methode recht sein kann. Tauschte man stellvertretende Personen aus: Würden sie in gleicher Weise die spezifischen „Beziehungswahrheiten“ einer Familiendynamik erspüren und sich dementsprechend umplatzieren? Weil bei den Stellvertretern individuelle und damit „feldunabhängige“ Faktoren Einfluss nehmen, liegt die Gefahr der Willkür und Beliebigkeit auf der Hand (vgl. Haas 2005).

In der akademischen Psychologie stoßen Hellingers Systemaufstellungen bisher auf keinerlei Resonanz. Das sehr schwammig und vage verwendete Spiritualitäts-Konzept wird auch weiterhin der sozialwissenschaftlichen Akzeptanz im Wege stehen. Im beraterischen und therapeutischen Bereich sieht es anders aus. Hier gibt es einige Fachleute, die das Hellinger’sche Familienstellen ergänzend in ihre Behandlung mit einbeziehen. Dabei kommt es entscheidend darauf an, mit welchem Anspruch und zu welchem Zweck diese Methode eingesetzt wird. Als diagnostisches Hilfsmittel kann sie in erfahrenen Händen hilfreich sein, als rigoroses Deutungsinstrument kann sie hingegen auch gefährlich werden. Eine unreflektierte Verbindung zwischen psychologischer Beratung/Therapie und weltanschaulich geprägten Konzepten der Spiritualität ist problematisch. Ohne die Transparenz und das Mitteilen der jeweiligen Voraussetzungen können spirituelle Verfahren vereinnahmend wirken oder sogar missbräuchlich eingesetzt werden.

Hellinger selbst hat sich längst aus dem Kontext der professionell geschulten Heilbehandlungen gelöst und versteht sich heute als Philosoph. Wie man aber etwa das „wissende Feld“ zu diagnostischen Zwecken behutsam und verantwortlich in einem Beratungsgespräch einsetzen kann, darüber wird bisher viel zu wenig nachgedacht. Aber nur ein fachlich verantworteter Umgang mit den teilweise überraschenden Einsichten kann die traumatischen Erfahrungen verhindern, die ein kürzlich erschienener Therapiebericht dokumentiert. In sehr eindringlichen Bildern schildert die Oldenburger Schriftstellerin Elisabeth Reuter ihre schädigenden Therapie-Erfahrungen mit einem Arzt und Psychotherapeuten, der seine Patientin nach Hypnotherapie und Gestaltmethoden schließlich mit Hellinger’schen Ritualsätzen drangsalierte. Hier ist ein weiteres Mal der Machtmissbrauch dargestellt worden, der die seelische Hilfsbedürftigkeit von Menschen ausnutzt. Weil der Bedarf nach Halt und Orientierung gerade auch an Beraterinnen und Therapeuten herangetragen wird, ist es dringend nötig, deutlich zwischen einem professionellen Heilverfahren und einem weltanschaulichen Heilsversprechen zu unterscheiden. Als Fazit kann festgehalten werden:

• Hellinger hat auf Wahrnehmungs-Phänomene in zwischenmenschlichen Beziehungen aufmerksam gemacht, die beeindrucken und zumindest im Moment nicht erklärt werden können.

• Hellinger hat es versäumt, einen Verstehensrahmen des Phänomens „wissendes Feld“ zu entwickeln und daraus ein Therapiekonzept zu entwerfen.

• Der Aufstellungsarbeit mangelt es an einer regelrechten Konfliktverarbeitung und einer tragenden therapeutischen Beziehung.

• Hellingers Attitüde des Wissenden und seine Immunisierung gegen Kritik machen seine Methode gefährlich für Anwender, die es nicht in ein therapeutisches Konzept einbetten.

• Das inflationäre Aufstellen mit quasi-religiösen Heils-Erwartungen und das Versprechen schneller Lösungen richten mehr Schaden an, als dass sie nützen.

Literatur

Haas, Werner, Familienstellen – Therapie oder Okkultismus? Heidelberg 2005
Hellinger, Bert, Ordnungen der Liebe. Ein Kurs-Buch, Heidelberg 2001
Hellinger, Bert, Religion, Psychotherapie, Seelsorge, München 2000
Krech, Hans / Kleiminger, Matthias (Hg.), Handbuch Religiöse Gemeinschaften und Weltanschauungen, Gütersloh 62006, 991-999
Nelles, Wilfried / Breuer, Heinrich, Der Baum trägt reiche Frucht. Dimensionen und Weiterentwicklung des Familienstellens, Heidelberg 2006
Reuter, Elisabeth, Gehirn-Wäsche. Macht und Willkür in der „systemischen Psychotherapie“ nach Bert Hellinger, Berlin 2005
Scharrer, Erwin, Heilung für die Seele. Familienstellen auf biblischer Basis, Holzgerlingen 2009
Utsch, Michael, Hellingers „Geistiges Familienstellen“ in der Kritik, in: MD 9/2007, 249-250
Utsch, Michael, Ordnungen der Liebe – Hellingers Systemaufstellungen, in: Hempelmann, Reinhard u. a. (Hg.), Panorama der neuen Religiosität, Gütersloh 22005, 161-170

Dr. Michael Utsch, Juli 2009