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Lexikon

Astrologie

Astrologie bedeutet wörtlich „Lehre von den Sternen“. Anders als die Astronomie, die die Himmelskörper und -kräfte mit den Mitteln der Naturwissenschaft untersucht, deutet die Astrologie irdisches Geschehen anhand von Sternenkonstellationen. Man kann entsprechend die Astronomie als „rechnende“ und die Astrologie als „deutende“ Sternkunde bezeichnen. Die Astrologie folgt dabei dem Prinzip der Entsprechung „wie oben, so unten“. Sie sieht einen Zusammenhang zwischen kosmischem Geschehen und Ereignissen auf der Erde. Die Konstellation der Sterne zu einem bestimmten Zeitpunkt und von einem bestimmten Ort aus gesehen – bei Horoskopen sind das Zeit und Ort der Geburt – bildet ein komplexes System von Zeichen, das dem Astrologen etwas über den Charakter eines Menschen, sein Schicksal oder über sonstige Ereignisse verrät, die bestimmte Gruppen von Menschen oder die ganze Welt betreffen. Dabei gibt es unterschiedliche Vorstellungen, wie es zu einer Entsprechung zwischen Himmel und Erde kommt. Eher selten vertreten wird heute die Vorstellung einer kausalen Wirkung der Sterne auf die Erde. Häufiger wird eine nicht weiter erklärbare Synchronizität bzw. eine allgemeine Vernetzung alles Seienden angenommen. Ihre Lehre von den Beziehungen zwischen den Sternen und dem Leben auf der Erde sieht eine solche Astrologie meist in der Erfahrung begründet.

Geschichte

Die Astrologie war an ihren Anfängen in Astralreligionen verwurzelt. Kulturgeschichtlich hatte sie in der Antike und während der Renaissance in Europa eine erhebliche Bedeutung. Im Laufe der Geschichte hat sie sich immer weiter von ihren religiösen Wurzeln gelöst. In Deutschland wird eine mit der Psychologie verbundene Astrologie heute hauptsächlich als Lebensberatung in einer völlig säkularisierten Gestalt betrieben. Lange Zeit waren die astronomische Beobachtung und Berechnung der Gestirne und die astrologische Schicksalsdeutung untrennbar miteinander verbunden. Erst mit der Herausbildung der Naturwissenschaften in der Neuzeit löste sich die Einheit von Astronomie und Astrologie auf.

Als eigentliche Wiege der Astrologie gilt Mesopotamien. In Babylonien bildete sich die klassische Form einer Astralreligion heraus. Die Planeten sowie Sonne und Mond repräsentierten Götter, die die Natur und das menschliche Leben regierten. Jupiter symbolisierte zum Beispiel als Planet des obersten babylonischen Gottes Marduk göttliche Kraft. Mars vertrat den kriegerischen und Unheil bringenden Unterweltgott Nergal. Venus verkörperte die Göttin der Liebe, des Krieges und der Fruchtbarkeit Ischtar. Bis heute fließt die damalige Symbolik der Planeten in die Horoskopdeutung ein. In Babylonien entwickelte sich auch die Astronomie als Hilfsmittel der Astrologie. Ebenfalls aus Babylonien stammen die Einteilung des Tierkreises in zwölf Teile und die ersten Horoskope. Das älteste bekannte Horoskop in Keilschrift stammt aus dem Jahr 410 v. Chr.

Weitere wichtige Stationen der Entwicklung der Astrologie in der Antike waren das gräzisierte Ägypten, wo aus der babylonischen Astrallehre ein Wahrsagehandwerk gemacht wurde, und das hellenistische Griechenland. Hier entwickelte sich die sogenannte „klassische Astrologie“. Die Entsprechung zwischen Mikro- und Makrokosmos, eine magische Analogie und Sympathie zwischen „Oben“ und „Unten“, wurde zunächst Teil eines von dem Gott Hermes Trismegistos offenbarten okkulten Wissens. Unter dem Einfluss der aristotelischen Philosophie gewann das Entsprechungsdenken eine physikalisch-rationale Gestalt, bei der kausale Wirkungen unpersönlicher Naturkräfte die Sterngötter ersetzten.

Im alten Rom der Zeitenwende fand die aus dem hellenistischen Kulturkreis übernommene Astrologie großen Zuspruch, aber auch scharfe Kritiker. Als ars mathematica gehörte sie zu den sieben Künsten, bis sie Kaiser Diokletian 294 aus dem Katalog der legitimen Wissenschaften streichen ließ. Von jüdischen Religionsvertretern wurde die Astrologie ebenso abgelehnt wie von den meisten Kirchenvätern. Vom Konzil von Toledo im Jahr 400 an galt sie nicht nur als wissenschaftliche Irrlehre, sondern auch als Häresie.

Im 6. Jahrhundert flohen Astrologen vor dem römischen Recht, das ihnen mit Todesstrafe drohte, nach Persien. Dort wanderte die Astrologie in das indische und arabische Denken ein. Der Islam akzeptierte eine Astrologie, die nicht fatalistisch war und sich auf Zeichendeutung beschränkte. Mit ihren Kenntnissen der Mathematik entwickelten die Araber die Horoskopdeutung entscheidend weiter. Um 1000 gelangte die griechisch-arabische Sternkunde über Spanien nach Europa. Thomas von Aquin unterschied auf der Grundlage aristotelischer Lehren bei der Astrologie zwischen Wissenschaft und Aberglauben. Gestirne waren für ihn Werkzeuge Gottes, die zwar auf den menschlichen Körper, nicht aber auf dessen Seele einwirken konnten. Über die natürlichen Himmelskörper, Ursachen und Wirkungen könne die Vernunft Aussagen treffen. Aberglaube seien Vorhersagen, die Zufälliges und den freien Willen sowie die Vernunft des Menschen beträfen.

Als man in der Renaissance die Antike wiederentdeckte, blühte die Astrologie noch einmal richtig auf, bevor sie von der Aufklärung endgültig aus dem Bereich der Wissenschaft verdrängt wurde. Zwischen 1450 und 1650 hatte die Astrologie einen gewaltigen Einfluss auf das öffentliche und private Leben. Die Verehrung der Antike beförderte auch ein magisches Weltbild, in dem Wissenschaften wie Alchemie, Astrologie oder Magie ebenso populär waren wie ein Analogie- bzw. magisches Sympathiedenken. Der bekannteste Astrologe der Renaissance war Nostradamus. Die Astrologie war jedoch umstritten. Auch in der katholischen und den evangelischen Kirchen war man geteilter Meinung. Melanchthon vertrat ähnlich wie Thomas von Aquin eine empirisch-rationale Astrologie. Luther dagegen war höchst skeptisch. Calvin galt die Astrologie als „teuflischer Aberglauben“. Kirchliche Kritiker warfen der Astrologie eine unberufene Einmischung in Gottes Plan (curiositas) und eine Leugnung des freien Willens (Determinismus) vor. Andere, wie der Humanist Pico della Mirandola, brachten Vernunft und Erfahrung gegen die Astrologie in Stellung.

Mit dem neuen Weltbild von Kopernikus und Kepler, wonach sich die Erde um die Sonne drehe und nicht umgekehrt, verlor die Astrologie an Bedeutung. Beide vertraten selbst eine platonische Astrologie mit einer symbolischen Entsprechung zwischen Mikro- und Makrokosmos. Eine aristotelisch-physikalische Einwirkung der Sterne auf das Schicksal lehnten sie ab.

Ebenfalls zum rapiden Bedeutungsverlust der Astrologie führte nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges die neuzeitliche Philosophie. Rationalismus und Empirismus traten der Astrologie mit neuen Erkenntnismethoden der Logik und empirischen Beobachtung entgegen. Aufgeklärte Fürsten bekämpften die Astrologie mitsamt dem Aberglauben. Die Astrologie scheiterte auch an der Frage des freien Willens. Lange Zeit war das abendländische Gemüt von einem Gefühl der Abhängigkeit von höheren Mächten geprägt gewesen. Das änderte sich mit der Aufklärung, für die Kant den Leitspruch „des Ausgangs des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit“ fand.

Im 19. Jahrhundert blieb die Astrologie nur in England populär. Dort wurde auch die esoterische Lehre Helena Petrovna Blavatskys begeistert aufgenommen. Als Teil des damit entstehenden modernen Okkultismus bzw. der Esoterik fand die Astrologie im 20. Jahrhundert wieder Anhänger. Die Esoterik entlehnt ihr Grundprinzip „wie unten, so oben“ dem magischen Entsprechungsdenken der antiken hermetischen Tradition. Die Beziehung zwischen Mikro- und Makrokosmos wird nicht kausal verstanden, sondern im Sinne eines abstrakten und unpersönlichen geistigen Prinzips. Zusätzlich kann sich die esoterische Astrologie mit Vorstellungen von Karma und Reinkarnation verbinden, was mit einer stark fatalistisch-deterministischen Perspektive einhergeht.

Einen ganz anderen Ansatz bietet die sogenannte „revidierte Astrologie“, die von Carl Gustav Jung symbolisch-tiefenpsychologisch begründet wurde. Jung nahm esoterische und spirituelle Ansätze in seine Psychoanalyse auf und führte so auch Psychologie und Astrologie zusammen. Für ihn ist der Sternenhimmel ein aufgeschlagenes Bilderbuch der menschlichen Seele. Symbole versteht er als zeitlose Sprache eines kollektiv Unbewussten. Die individuelle Psyche mit ihrer eigenen Bildsprache ist demnach in ein kosmisches Geschehen eingebunden. Jung hat die „Ursymbole“ nach zeitlosen Archetypen geordnet, z. B. das „Urweibliche“ und das „Urmännliche“. Die Astrologie hat die Archetypenlehre Jungs dankbar aufgenommen. Die aus der astrologischen Tradition bekannten Prinzipien werden nun in das Innere des Menschen projiziert: Mond wird zum Empfangenden und Weiblichen, Sonne zum Männlichen, Mars zum dynamisch Fortschreitenden usw.

Im Gefolge einer Rezeption des tiefenpsychologischen Ansatzes Jungs hat sich in Deutschland die Horoskopdeutung zur Lebensberatung entwickelt und konzentriert sich hauptsächlich auf die Interpretation von Charakter und Psyche. Vorhersagen von Ereignissen bzw. die Deutung eines unausweichlichen Schicksals spielen kaum mehr eine Rolle – anders als im angloamerikanischen Raum, wo die Vielfalt astrologischer Ansätze größer ist.  Der Psychoanalytiker Fritz Riemann ist ein Beispiel dafür, wie sich umgekehrt auch die Psychologie der Astrologie öffnen konnte. Andere einflussreiche Beispiele einer „revidierten Astrologie“ sind die „astrologische Menschenkunde“ von Thomas Ring und die „Kosmobiologie“ von Reinhold Ebertin. Auch Ansätze einer „christlichen Astrologie“ sind wiederholt versucht worden, zum Beispiel von dem Theologieprofessor Dietrich von Heymann und dem Benediktinerpater Gerhard Voss.

Zum Schluss bleibt noch die so genannte Vulgärastrologie zu nennen, von der sich die bisher erwähnten Ansätze, sich selbst als seriös verstehend, scharf abgrenzen. Zu diesem populären Phänomen können Zeitungshoroskope sowie zahlreiche kommerzielle astrologische Beratungsangebote im Fernsehen, im Internet und auf dem Buchmarkt gerechnet werden. Da die Berufsbezeichnung „Astrologe“ nicht geschützt ist, bemüht sich der Deutsche Astrologen-Verband (DAV, www.astrologenverband.de) um Standards einer „seriösen“ Astrologie, unter anderem durch eine eigene DAV-Prüfung für Astrologen.

Einschätzung

In den letzten 50 Jahren wurde in zahlreichen Studien versucht, astrologische Aussagen empirisch zu überprüfen. Es gelang bisher nicht, den Zusammenhang zwischen Persönlichkeitsmerkmalen und Horoskopen nachzuweisen. Überprüfungen astrologischer Vorhersagen ergeben regelmäßig, dass sich die meisten Prognosen nicht erfüllen. Aus astronomischer Sicht ist zu kritisieren, dass die Astrologie mit falschen Vorstellungen der astronomischen Verhältnisse am Himmel arbeitet und neue astronomische Kenntnisse nicht aufnimmt.

Aus einer konstruktivistischen Perspektive kann die Astrologie als „nützliche Fiktion“ angesehen werden. Dabei interessiert nicht, ob astrologische Deutungen der „Wahrheit“ über das Leben eines Menschen entsprechen, was sich ohnehin kaum empirisch überprüfen lässt. Vielmehr kommt die Beratungssituation in den Blick, bei der Astrologe und Klient gemeinsam anhand der symbolischen Deutung des Horoskops die Lebensgeschichte des Klienten bzw. seine Persönlichkeit konstruieren.

Entsprechend haben sich in den letzten Jahren psychologische Untersuchungen auf die Frage konzentriert, warum Menschen astrologische Aussagen plausibel und stimmig finden. Gewohnt, in einer hochkomplexen Welt ständig Deutungen vornehmen zu müssen, sehen Menschen unbewusst auch dort Zusammenhänge, wo „objektiv“ keine sind. Menschen identifizieren sich bevorzugt mit allgemein und vage gehaltenen Persönlichkeitsbeschreibungen (Barnum-Effekt), vor allem dann, wenn sie glauben, dass die Aussagen für sie individuell erstellt worden sind. Zutreffende Aussagen werden selektiv eher wahrgenommen und erinnert als unzutreffende Beschreibungen. Was den eigenen Überzeugungen entspricht, wird eher gesehen als das, was ihnen widerspricht. Positiven Aussagen wird eher geglaubt als negativen. Ein mit Fachbegriffen gefütterter Vortragsstil kann beeindrucken und über den dürftigen Inhalt hinwegtäuschen (Dr.-Fox-Effekt). Wer der Astrologie positiv gegenübersteht, glaubt ihren Aussagen eher und sucht und findet entsprechende Indizien in seinem Leben. Der Wunsch oder die Befürchtung, dass ein bestimmtes Ereignis eintreten könnte, führt zu einem Verhalten, das das Ereignis herbeiführt (sich selbst erfüllende Prophezeiung).

Die Popularität der Astrologie sowie ihre gegenwärtige Ausprägung als Lebensberatung zeigen das Bedürfnis nach Orientierung in einer als unübersichtlich empfundenen Welt. Das Denken in Symbolen kann dabei durchaus Selbsterkenntnis in einem konstruktivistischen Sinn fördern. Ein Reiz der Astrologie kann darin bestehen, dass sie Entscheidungen erleichtert und abnimmt. Der Glaube an ein Schicksal oder den Einfluss von Sternen auf das Leben kann von Verantwortung entlasten und helfen, in den gegebenen Lebensumständen einen Sinn zu sehen und sich mit ihnen abzufinden. Faszination kann auch von der Vorstellung ausgehen, dass der Astrologe aus dem Horoskop das ganze Leben eines Klienten (sowie gegebenenfalls vorangegangene Reinkarnationen) ersehen kann, einschließlich Charakter und Bestimmung. Es wird ihm damit eine enorme Deutungshoheit über das eigene Leben eingeräumt. Mit einer solchen Sicht können Abhängigkeiten entstehen.

Aus christlicher Perspektive sind nicht die Sterne Herren über das Leben der Menschen, sondern Herr ist Gott. Der christliche Glaube rechnet mit der grundsätzlichen Freiheit des Menschen, sein Leben in eigener Verantwortung zu gestalten. Entgegen eines immer schon gesprochenen Urteils über das Wesen eines Menschen glauben Christen an die Möglichkeit seiner Verwandlung in eine „neue Kreatur“ in der Begegnung mit Christus. Statt Sicherheit in astrologischen Berechnungen sucht der christliche Glaube Freiheit im Vertrauen. Luther soll auf die astrologische Warnung hin, die Elbe an diesem Tag nicht im Boot zu überqueren, mit den Worten „Domini sumus“ in den Kahn gesprungen sein. Der Satz hat sowohl die Bedeutung „Wir sind des Herrn“ als auch „Wir sind Herren“.

Quellen

Dethlefsen, Thorwald, Schicksal als Chance. Das Urwissen zur Vollkommenheit des Menschen, München 311990
Riemann, Fritz, Lebenshilfe Astrologie. Gedanken und Erfahrungen, Dillingen 1988
Schubert-Weller, Christoph, Wege der Astrologie. Schulen und Methoden im Vergleich, Mössingen 1996

Analytisch-kritische Literatur

Furthmann, Katja, Die Sterne lügen nicht. Eine linguistische Analyse der Textsorte Pressehoroskop, Göttingen 2006
Hergovich, Andreas, Die Psychologie der Astrologie, Bern 2005
Janzen, Wolfram/Ruppert, Hans-Jürgen, Astrologie – Zeichen am Himmel, in: Hempelmann, Reinhard u. a. (Hg.), Panorama der neuen Religiosität. Sinnsuche und Heilsversprechen zu Beginn des 21. Jahrhunderts, Gütersloh 22005, 230-233.
Pöhlmann, Matthias (Hg.), Gut beraten bei Astro-TV? Esoterik-Fernsehen in der Kritik, EZW-Texte 205, Berlin 2009
Ruppert, Hans-Jürgen, Vom Sternenkult zum Computerhoroskop. Weltanschauliche Deutungsansätze der Astrologie, EZW-Texte 150, Berlin 1999
Stuckrad, Kocku von, Geschichte der Astrologie. Von den Anfängen bis zur Gegenwart, München 2003

Dipl.-Theol. Claudia Knepper, Mai 2010