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Materialdienst 7/2008
Christoph Schwöbel

Evangelische Identität im religiösen Pluralismus

Diesem Beitrag liegt ein Vortrag zugrunde, den der Autor am 7. Juni 2007 in der Werkstatt Weltanschauungen beim 31. Deutschen Evangelischen Kirchentag in Köln gehalten hat.


Was heißt religiöser Pluralismus?

Es scheint mir keine Frage zu sein, dass wir im weltweiten Kontext in einer Situation leben, die weitgehend durch die Auseinandersetzung der Religionen geprägt ist. Es gibt keinen politischen Konflikt auf dieser Erde, der verstanden werden könnte, ohne dass man seine religiösen Faktoren versteht. Es gibt keine wirtschaftliche Situation, die richtig interpretiert werden könnte, ohne dass man sich deutlich macht, wie sie auch von der Religion mitgeprägt ist. In dieser Hinsicht, so scheint es mir, hat die Theologie einen Lernprozess durchzumachen. Nachdem sie im 20. Jahrhundert lange Zeit das Thema der Religion verdrängt hat, ist sie nun herausgefordert, der Wirklichkeit gerecht zu werden, in der die Religionen in unterschiedlichster Form unsere soziale Lebenswelt in globaler und lokaler Weise prägen. Denn das haben wir gemerkt, dass wir in Westeuropa und Deutschland nicht mehr auf einer Insel leben, in der wir uns selbstgenügsam mit der Auseinandersetzung mit unseren Säkularisierungsprozessen begnügen könnten, sondern dass wir von den religiösen Wiederbelebungsbewegungen in anderen Weltteilen stets mitbeeinflusst werden und sie als Teil unserer Lebenswelt hierzulande erleben. Das Globale und das Lokale greifen ineinander, und das gilt auch für die Religion.

Religiöser Pluralismus heißt, dass wir in einer Situation leben, in der unterschiedliche Basisdeutungen der Wirklichkeit mit Absolutheitsanspruch für die Handlungsorientierung ihrer jeweiligen Anhänger miteinander in einem Verhältnis der Koexistenz oder der Konkurrenz stehen. Religiöser Pluralismus heißt: Religionen im Wettbewerb – im Wettbewerb um gesellschaftlichen Einfluss, um Anhängerschaft, um die Gestaltung des sozialen Lebens. Dieser Pluralismus wirkt sich gleichzeitig auf die Deutungen der religiösen Situation aus. Auch hier gibt es keine einheitliche Deutung, sondern unterschiedliche Deutungen. Religiöser Pluralismus bringt mit sich, was man einen reflexiven Pluralismus nennen könnte, auch eine Pluralität in der Deutung des religiösen Pluralismus. Die Frage ist, welche Deutung die Wirklichkeit genauer beschreibt und präzisere Handlungsorientierungen ermöglicht. Eines jedenfalls ist klar: Die Ideologie der Aufklärung, dass Religion Privatsache sei, ist am Anfang des 21. Jahrhunderts definitiv widerlegt. Denn die Religionen tauchen im öffentlichen Bereich so stark auf wie wahrscheinlich seit dem Zeitalter der Religionskriege nicht mehr. Religion ist ein Faktum der öffentlichen Diskussion und nicht in den Bereich der Innerlichkeit abgedrängt. Insofern trifft Dietrich Bonhoeffers Kritik an der Religion, die sich auf ein bestimmtes Phänomen innerhalb des Christentums bezogen hat, auf diese Situation ganz und gar nicht zu. Ich bin davon überzeugt, dass ein so aufmerksam seine Zeit diagnostizierender Theologe wie Dietrich Bonhoeffer heute keinesfalls von einem religionslosen Christentum reden würde, sondern im Gegenteil aufmerksam und wach die Renaissance des Religiösen in unserer Zeit reflektieren würde, um daraufhin zu fragen, wie denn diese Zeitsituation zu deuten ist vor dem Hintergrund der Frage: Wer ist Jesus Christus für uns heute in den Wandlungen unserer religiösen Situation?

Nun scheint mir, dass der Pluralismus der Religionen drei Hauptausprägungen hat. Die erste ist in dem Einflussgewinn der historischen Religionen im weltweiten Maßstab zu sehen. Das Christentum und der Islam wachsen im Weltmaßstab in einem Ausmaß, wie wir es lange Zeit nicht erlebt haben. Das Christentum ist die am schnellsten wachsende Religion in China. Der Islam wächst vor allen Dingen auch in Bereichen, die vormals christlich waren. Hier merkt man die Konkurrenz- und Konfliktsituation, in der sich die Religionen befinden. Man kann sehr deutlich spüren, dass es eine Auseinandersetzung um den öffentlichen und politischen Bereich ist, die die Revitalisierung der historischen Religionen prägt. Sie alle wachsen – und das ist gleichzeitig eine ernste Herausforderung – in ihren konservativen Flügeln. Nicht die Liberalen, die Toleranz auf ihre Fahnen geschrieben haben, verzeichnen in den unterschiedlichen Religionen die größten Wachstumszuwächse, sondern diejenigen, die mit Ernst Christen sein wollen, oder die, die ihren islamischen Glauben in Deutlichkeit gegenüber ihrer Umwelt präsentieren.

Insofern ist die Auseinandersetzung mit der Frage des Fundamentalismus eine der entscheidenden Herausforderungen der Situation des religiösen Pluralismus. Gelöst werden kann diese Frage nur aus der Perspektive der jeweiligen Traditionen selbst. Der religiöse Fundamentalismus kann niemals von außen therapiert werden, sondern nur von innen, und es ist unser aller Aufgabe, uns an der Therapie des christlichen Fundamentalismus zu beteiligen, indem wir zunächst einmal das Gespräch mit dem Fundamentalismus und den Fundamentalisten beginnen. Fundamentalisten – das scheinen immer die anderen zu sein. Wir müssten herausfinden, wo eigentlich in unserer Religion die Tendenzen zum Fundamentalismus liegen, die dann geklärt und therapiert werden müssten. Meines Erachtens handelt es sich beim Fundamentalismus um ein Phänomen deplatzierter Fundamente, so dass – beim christlichen Fundamentalismus – an die Stelle des Glaubens an Gott der Glaube an die Bibel tritt und damit die Bibel als höchste Autorität den Platz Gottes einnimmt. Aber diese Verwechslung zwischen dem Glaubenszeugnis und dem Glaubensgegenstand kann nur aus der Perspektive des christlichen Glaubens selbst therapiert werden.

Das zweite Phänomen ist das Anwachsen kombinatorischer Formen von Religiosität, die wir alle kennen. Es gibt viele Zeitgenossen, für die es überhaupt kein Problem ist, auf der einen Seite noch so ein bisschen im Christentum zu verweilen, sich auf der anderen Seite an buddhistischer Meditation zu beteiligen, den Tanz der Derwische auch sehr interessant zu finden und im Übrigen der Kraft der Sterne noch ein bisschen mehr zuzutrauen als der Schulmedizin. Wir leben keinesfalls in einem skeptischen Zeitalter, sondern in einem Zeitalter der Leichtgläubigkeit. Religiöse Ansprüche können dann miteinander kombiniert werden, wenn ihre Wahrheitsansprüche vorerst suspendiert werden, wenn also die Wahrheitsansprüche der Religion als ästhetische Ansprüche für miteinander kombinierbar gehalten werden; denn über Geschmack lässt sich nicht streiten, und in Geschmacksfragen lässt sich vieles miteinander kombinieren, was sich als Wahrheitsanspruch ausschließt. „Mix and match“ ist die Devise postmoderner Kombi-Religiosität.

Schließlich – das ist das dritte Phänomen – zeigt sich die Revitalisierung der Religion auch im nichtreligiösen Bereich, nämlich in der religiösen Aufladung von Lebensbereichen, die vormals als rein säkular interpretiert wurden, zu deren Selbstverständnis der Abschied von der Religion geradezu dazugehörte. Die Wissenschaft, die Wirtschaft und das Gesundheitswesen gehören zu diesen Bereichen, in denen die Verwissenschaftlichung als eine Befreiung von der Religion verstanden wurde. Max Weber hat in diesem Zusammenhang von der Entzauberung der Welt gesprochen. Wenn ich recht sehe, erleben wir gegenwärtig eine Wiederverzauberung der Welt, indem die ehemals säkular und antireligiös interpretierten Bereiche selbst wieder interreligiös interpretiert werden. Das Buch von Richard Dawkins „The God Delusion“ („Der Gotteswahn“) ist nicht das Beispiel einer wissenschaftlichen Kritik am Christentum, sondern vor allen Dingen ein herausragendes Beispiel einer naiven Wissenschaftsgläubigkeit, die meint, religiöse Ansprüche wissenschaftlich erklären zu können. Diese Art von Wissenschaftsreligion ist nicht eine wissenschaftliche Kritik der Religion, sondern eine Konkurrentin der Religion auf dem Gebiet der Orientierung in der Wirklichkeit.

„Worauf du nun dein Herz hängst, das ist eigentlich dein Gott.“ Mit dieser allereinfachsten Religionsdefinition hat Martin Luther gearbeitet, und es kann mir niemand erzählen, dass die Ökonomisierung aller Lebensbereiche, die wir in unserer Gesellschaft erleben, nicht auch ein religiöses Phänomen in diesem Sinne ist: dass Menschen ihr Herz auf das hängen, was der Markt ihnen zuteilt, und dass deshalb der Markt – selbst in der Rede der Ökonomen – quasi gottheitliche Züge bekommt, Segen und Fluch austeilt, für Heil und Unheil zuständig ist und immer mehr zu einer mythischen Größe wird, die unberechenbar ist und deren Providenz von unsichtbarer Hand, wenn sie den Reichen gibt, auch den Armen etwas zuteilen sollte. Unser Verhältnis zum Markt, zu den Gütern ist längst nicht mehr ein rein wirtschaftliches, sondern mehr und mehr von religiösen Unbedingtheiten, von Heilserwartungen und Unheilsängsten, mitgeprägt.

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