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Materialdienst 8/2008
Andreas Beyer

Unkritisches Denken

Zur Stellungnahme der "Studiengemeinschaft Wort und Wissen"

Der EZW-Text 195 „Mit der Bibel gegen die Evolution. Kreationismus und ‚intelligentes Design‘ – kritisch betrachtet“ von Hansjörg Hemminger thematisiert den heutigen (Kurzzeit-)Kreationismus, insbesondere die von der „Studiengemeinschaft Wort und Wissen“ vertretene Variante. Im Diskussionsbeitrag 2/081 wird versucht, wie nicht anders zu erwarten, Hemmingers Kritik und seine Analysen abzuwehren. Dass die „Studiengemeinschaft Wort und Wissen“ einräumt, ihr sei „bewusst, dass [ihre hier thematisierten] Positionen gegenwärtig mit vielen wissenschaftlichen Daten nicht befriedigend in Einklang gebracht werden können“, ist ehrenwert; man hebt sich mit diesem Zugeständnis weit von der Masse kreationistischer Vertreter ab. Davon abgesehen jedoch bleibt der Inhalt der Replik wieder einmal enttäuschend.

Wenn Wort und Wissen Hemminger z. B. vorwirft, er zeichne das populäre und medienkonforme Bild vom Kreationismus, so kann man sich durch Lektüre seines EZW-Beitrags und Recherchen auf der Homepage von Wort und Wissen vom genauen Gegenteil überzeugen: Hemmingers Darstellung ist korrekt und sachlich, schlimmstenfalls etwas verkürzt – allerdings ist es angesichts des thematischen Umfangs nicht gerade verwunderlich, dass nicht jedes Detail der Ideengebäude von Wort und Wissen berücksichtigt wurde. Insofern ist der Einwand, Hemminger gehe nicht genug auf „Grundtypenbiologie“ und „biblisch-urgeschichtliche Geologie“ ein, nicht nachzuvollziehen. Es sind dies im Übrigen Vorstellungen, die wegen eklatanter Unstimmigkeiten und fehlender Unterstützung durch experimentelle Daten bzw. Beobachtungsdaten2 keinerlei wissenschaftlich-fachliche Anerkennung genießen. Freilich sieht Wort und Wissen dies ganz anders: Ihrer Meinung nach ist das von ihnen verfasste „evolutionskritische Lehrbuch“ ein ernst zu nehmendes Werk, und Hemminger wird vorgeworfen, er begründe seine Charakterisierung des Buchs „als Grundlage für ,Propaganda’“ nicht. „Tatsächlich versuchen dessen Autoren“, so Reinhard Junkers Formulierung in seiner Replik, „Evolutionstheorien kritisch, aber fair darzustellen, und sie nehmen eine klar erkennbare methodische Unterscheidung der Argumentationsebenen bezüglich des naturwissenschaftlichen Wissens und des biblischen Glaubens vor.“

Es ist einsichtig, dass dies dem Selbstbild bei Wort und Wissen entspricht, allerdings entspricht es nicht den Fakten. Im „Lehrbuch“ werden Fakten, Vermutungen, Wahrheiten, Halbwahrheiten und Unwahrheiten gemischt; der Versuch, dies durch Kennzeichnung der sog „Grenzüberschreitungen“ kenntlich zu machen, mag redlich gemeint sein, ist aber inhaltlich misslungen. Wenn – um nur ein Beispiel zu nennen – behauptet wird, die Erforschung vergangener, historischer Zusammenhänge sei stets an weltanschauliche Vorgaben geknüpft, so ist dies schlicht falsch: Die Frage, ob es z. B. im Amerika präkolumbianische Kulturen gegeben hat oder ob Steinzeitkulturen existierten, hat mit Weltanschauung nichts zu tun. Wenn wir also geschichtliche und prähistorische Realitäten akzeptieren (was man nach der Wissenschaftsauffassung von Wort und Wissen eigentlich nicht dürfte), stellt sich die Frage, was an der Erforschung der Evolution oder der Geologie vergangener Zeiten prinzipiell anders sein soll.3

Unverständlich ist auch der mehrfach vorgebrachte Vorwurf, Hemminger berücksichtige nicht die Motivation, die hinter der kreationistischen Argumentation von Wort und Wissen steht, nämlich die biblisch-heilsgeschichtlichen Zusammenhänge zwischen Schöpfung, Sündenfall und Erlösung – nun, im EZW-Text 195 geht es hauptsächlich um Naturwissenschaft und nicht um die Theologie. Unter diesem Aspekt ist es belanglos, ob eine wissenschaftlich unhaltbare Position aus weltanschaulichen, politischen, religiösen oder anderen Gründen vertreten wird. Ferner hat Hemminger – wie man bei Wort und Wissen sehr wohl weiß – in einer ganzen Reihe von Beiträgen auch den theologischen Aspekt explizit abgehandelt; dabei hat er ausdrücklich und mehrfach betont, dass der Kreationismus zu bekämpfen sei, nicht aber die dahinter stehenden Menschen, für die selbstverständlich auch Platz in unseren Gemeinden sein muss.4 Wenn Hemminger also vorgeworfen wird, er belege „Christen ... mit dem ausgrenzenden Begriff ,Fundamentalismus’“, so ist das unwahr.

Angesichts der Masse an Argumenten, die die Evolution stützen und den Kreationismus widerlegen, wird klar, dass die Position von Wort und Wissen inhaltlich nicht akzeptabel ist; und dies um so mehr, da die Kreationisten bei Wort und Wissen selbst eingestehen, dass ihre Ideen zur Urgeschichte nicht wissenschaftlichen Ursprungs sind. Es stellt sich also die Frage, wieso man trotzdem und trotz aller eingestandener Probleme so beharrlich an der Schöpfungserzählung – genauer: ihrer literalen Auslegung – festhält. Hemminger attestiert daher – zu Recht, wie ich finde – den Kreationisten von Wort und Wissen die „Hartnäckigkeit, nicht wissen und nicht denken zu wollen“ und „kollektive Verdrängungsmechanismen“. Zugegebenermaßen ein harter Angriff, aber aufgrund der Faktenlage sachlich angemessen: Wenn Wort und Wissen einen wissenschaftlichen Anspruch erhebt, so muss man auch die erforderlichen Konsequenzen aus dieser Haltung ziehen.

Zwar sind die Abwehrversuche seitens Wort und Wissen verständlich, verräterisch ist jedoch die Art, wie das geschieht: So heißt es in der Replik u. a.: „Bedenklich ist, dass Hemminger die Motivation der Studiengemeinschaft in die Nähe von Symptomkomplexen psychischer Krankheitsbilder rückt“ – hier wird Hemminger etwas untergeschoben, was er weder gesagt noch gemeint hat: Wer (partiell!) die Augen vor der Realität verschließt (hier: durch fehlerhafte Analogien und Hilfskonstruktionen schwere Anomalien „wegerklären“ bis in den Bereich praktischer Absurdität), ist deswegen noch längst nicht psychisch krank – er tut eben nur genau dies: einen Teil der Realität ausblenden – im Übrigen eine weit verbreitete, menschliche Eigenschaft. Und es ist keineswegs „beleidigend und herabsetzend [von Hemminger], evolutionskritischen Wissenschaftlern die Fähigkeit abzusprechen, Tatsachen realistisch wahrnehmen und methodisch sauber bewerten zu können“. – Wort und Wissen möge endlich mit eigenen Forschungsarbeiten beginnen, anstatt ihre nicht geringen finanziellen Mittel in Propagandamaterial für Schüler, Laien oder Kinder (!) zu stecken.5 Wort und Wissen möge bitte im Rahmen wissenschaftlicher Publikationen wissenschaftliche Argumente der Fachwelt darlegen und zur Diskussion stellen – was bei überzeugender Datenlage ohne weiteres möglich wäre, wenn man dabei auf theologische Argumente verzichtet. Bisher haben Kreationisten keine nennenswerte wissenschaftliche Arbeit geleistet, insofern ist der von Junker verwendete Begriff „evolutionskritische Wissenschaftler“ irreführend: Zwar gibt es einige Wissenschaftler (Theologen, Philosophen, Ingenieure, sowie einige wenige Naturwissenschaftler), die kreationistische Positionen vertreten. Zum „kreationistischen Wissenschaftler“ wird man jedoch nicht dadurch, dass man neben irgendeiner wissenschaftlichen Tätigkeit auch noch eine kreationistische Position vertritt, sondern dadurch, dass man seine kreationistische Position mit wissenschaftlichen Methoden untermauert – und genau dies ist bisher nicht geschehen.

Weiterhin wird in der Replik von Wort und Wissen betont, dass trotz „der bekannten ,Erklärungslücken’ und der methodischen und theoretischen Probleme der ,Evolutionstheorie’“ die Evolution nicht angezweifelt würde, was Wort und Wissen immer wieder und ad nauseam kritisiert – ohne dabei die hinlänglich bekannten Fakten, die diese Kritik entkräften, zur Kenntnis zu nehmen: Dass nämlich jede Theorie aus prinzipiellen und praktischen Gründen Lücken aufweist, dass diese Lücken innerhalb der Evolutionstheorie nicht größer oder kleiner sind als in allen anderen wissenschaftlichen Theorien auch, dass die Frage des „Ob“ und des „Wie“ der Evolution getrennt zu behandelnde Probleme sind – all das erfährt man weder im „Evolutionslehrbuch“ noch in der Replik, wenngleich die Evolutionsgegner wiederholt darauf hingewiesen wurden – und das nicht nur von Seiten der AG Evolutionsbiologie und von Hemminger.6

Unerfreulich ist auch die altbekannte Taktik, passende Kurzzitate von – möglichst vielen – Philosophen zu sammeln und daraus ein kreationistisches Potpourri zu mixen. So mag es ja durchaus sein, dass Hübner, Spaemann, Löw oder Poser die Evolutionstheorie nicht anerkennen oder ihr gar den Status einer echten Theorie absprechen, die Frage nach der Wertigkeit solcher Äußerungen bleibt allerdings offen. Macht man sich einmal die Mühe, solche Zitate zu recherchieren, wird man zumeist entdecken, dass sie entweder in einen ganz anderen Kontext eingebettet wurden, als es das Kurzzitat nahelegt, oder dass besagte Philosophen auf dem Gebiet der Evolutionstheorie über keinerlei Sachkenntnis verfügen: Gerade Robert Spaemann fällt leider immer wieder mit inkompetenten und sachfremden Äußerungen auf. Wenn er z. B. Anfang 2008 in einem Interview mit „PM“7 äußerte, Selbstaufopferung und Altruismus seien „evolutionstheoretisch ganz unerklärbar” in einer „Welt des Fressens und Gefressenwerdens”, so hat er offensichtlich die seit über 30 Jahren bekannte evolutionsbiologische Erklärung8 dafür nicht zur Kenntnis genommen – von der platten Verkürzung des „Fressen-und-Gefressenwerdens“ einmal ganz abgesehen. Man muss sich einfach klarmachen: Für die kurioseste These, für die absurdeste Idee findet man auch eine philosophische Strömung, die sie vertritt.9 Kurz, was immer zu beweisen oder zu widerlegen ist: Man wird Philosophen finden, deren Zitate man dazu verarbeiten kann, und diese Technik wird in der kreationistischen Szene ausgiebig angewendet. Ergo, die in der Replik aufgestellte Behauptung „Die Darstellung von Evolution als Tatsache oder Faktum wird dem Stand der wissenschaftlichen und philosophischen Debatte nicht gerecht, entspricht aber dem gängigen Muster ihrer medialen Präsentation“ ist mehr als abwegig. Angesichts von mehr als einer Million wissenschaftlicher Publikationen über das Thema Evolution kann man nur hilflos die Achseln zucken und eine sinnlos gewordene Debatte abbrechen.

Ein weiteres beliebtes Thema des Kreationismus – neuerdings in Form von Intelligent Design wieder im Focus öffentlichen Interesses – ist die Entstehung evolutionärer Neuheiten durch sog. „Makroevolution“, die nach kreationistischer Lesart nicht funktionieren könne. Nun, hunderte von Malen sind Kreationisten auf Publikationen wie „The emergence of evolutionary novelties“ (Ernst Mayr) von 1959 (!) hingewiesen worden. Bereits dort sind wichtige Aspekte des makroevolutiven Geschehens thematisiert, und die damals formulierten Grundgedanken gelten bis heute.

Mittlerweile können wir die Entwicklung der Vogelfeder nachzeichnen, die Entstehung des Molluskenauges ist nachvollziehbar, die wichtigen Neuerungen in der Evolution der Wirbeltiere – Skelett- und Schädelentwicklung, Lungenentwicklung usw. usf. – sind in den letzten Dekaden immer besser verstanden worden. Selbst für „Paradebeispiele irreduzibler Komplexität“ wie die Bakterienflagelle gibt es mittlerweile Modelle, die plausibel machen, wie sie schrittweise evolvieren konnte.10 All dies wird von Wort und Wissen genauso wie von allen anderen kreationistischen Organisationen entweder ignoriert oder im Rahmen von Rückzugsgefechten für irrelevant erklärt.

Bezeichnend ist auch folgende Äußerung: „Kritische Rückfragen an die ,Tatsache der Evolution’ und die Erklärungskraft von Evolutionstheorien für überflüssig zu erklären, könnte man einerseits als Symptom einer überzogenen Wissenschaftsgläubigkeit, andererseits als Arroganz der Mehrheit werten. Sachkritik auszuschließen ist auf jeden Fall kein Beispiel für wissenschaftliches Arbeiten.“ – Auch wenn man den überheblichen Ton und Tenor einmal unkommentiert lässt, bleibt die Frage, um welche Art von „kritischen Rückfragen“ es hier gehen soll. Unzählige Daten, Fakten und schlüssige Erklärungen werden von Kreationisten einfach ignoriert. Geht es um die Taktik, dass, wann immer die Evolutionstheorie neue Erkenntnisse und verfeinerte Modelle präsentiert, man einfach nur ein Stückchen weiter bohrt, um die nächste Detailfrage zum „wichtigen, offenen Problem“ zu erklären? Im Gegensatz zu kreationistischer Kritik konnten sich Wissenschaftler wie S. J. Gould oder M. Kimura mit ihren kritischen Einwänden sehr wohl durchsetzen, eben weil sie wissenschaftlich fundiert waren.

Wort und Wissen sollte, wenn ihnen die Wissenschaft wirklich am Herzen liegt, wie immer wieder beteuert, selbst kreationistische Forschung betreiben – aber wer die dazu nötigen Laboratorien, wissenschaftlichen Arbeitsgruppen, die resultierenden internationalen wissenschaftlichen Publikationen sucht, der sucht vergebens. Es gibt keinerlei Fossilien, die bei oder von Wort und Wissen selbst untersucht worden wären, keine Bioinformatik, mit der kladistische Analysen vorgenommen würden, keine Laboratorien, in denen man versucht, Einzelaspekte der molekularen Evolution nachzubilden und zu verstehen. Wie bei allen anderen kreationistischen Organisationen begnügt man sich auch bei Wort und Wissen damit, die Fachliteratur, Allgemeinliteratur, Sachbücher und die Presse akribisch nach Zitaten zu durchforsten, die in irgendeiner Weise Munition gegen die Evolutionstheorie hergeben, aber sachlich-wissenschaftliche Kritik ist das sicher nicht. Bedenkt man also, dass Wort und Wissen ohne die notwendige wissenschaftliche Untermauerung ihrer Ideen „Informationsmaterial“ für Kinder und „Lehrbücher“ für den schulischen Gebrauch herausgibt, so erscheint diese Strategie mehr als bedenklich. Hemminger hat seinerseits in einer Vielzahl von Texten seine Sachkenntnis im Bereich Evolution unter Beweis gestellt, und er hat stets versucht, mit Fakten und mit ausgewählten, didaktisch aufbereiteten Beispielen zu argumentieren und zu überzeugen. Wenn Wort und Wissen ihm eine „erstaunlich unkritisch“ bejahende Grundeinstellung gegenüber dem Thema Evolution vorwirft, so ist dies derart absurd, dass es vor dem Hintergrund des hier Gesagten nicht weiter kommentiert werden muss.

Fazit

Einmal mehr erweist sich Wort und Wissen als resistent gegenüber sachlich begründeter Kritik. Zwar schreibt man: „Wir hoffen, dass die biblische Schöpfungslehre nicht mit Fanatismus verbreitet wird, sondern mit nüchterner Überlegung, wissenschaftlich sauberem Denken und vor allem im Vertrauen auf die Wahrheit des Wortes Gottes.“ Aber eben diese „saubere Wissenschaftlichkeit“ ist ganz offensichtlich nicht möglich, der Faktendruck ist zu groß.

Bei Wort und Wissen fehlt – obwohl sie wiederholt darauf hingewiesen wurden – grundlegendes Verständnis für die Methodologie der empirischen Wissenschaften: Wenn man schreibt, es sei „nicht ersichtlich, wieso die Annahme einer schöpferischen Intelligenz untauglich und unvernünftig sein soll. Warum müssen bestimmte Erklärungsmöglichkeiten, die nicht nur auf naturwissenschaftlich Prüfbares abheben, von vornherein ausgeschlossen werden?“, dann zeigt dies, dass die Prinzipien empirisch-wissenschaftlicher Vorgehensweise – Hypothesen- / Modellbildung und ihrer Prüfung – nicht begriffen worden sind11: Es ist doch geradezu das Markenzeichen der empirischen Wissenschaft, Übernatürliches beiseite zu lassen, nur auf innerweltliche Prinzipien zu bauen und dann ganz einfach zu schauen, wie weit man damit kommt. In der Sprache aristotelischer Philosophie: Die Naturwissenschaft kann und darf nur „Wirkursachen“ berücksichtigen, keine „Zweckursachen“; und eine „übernatürliche, intelligente Planung von außen“ wäre solch eine Zweckursache. Das hätte Wort und Wissen aus dem EZW-Text 195 lernen können: Wenn man derartige transnaturale oder teleologische Faktoren zulässt, wird der Willkür Tür und Tor geöffnet; denn man kann zur trivialen Erklärung für alles noch Unverstandene jederzeit Wunder heranziehen.

Wort und Wissen stellt ferner die rhetorische Frage: „Wie will man umgekehrt begründen, dass der von vielen Forschern ausdrücklich bemühte Zufallsgedanke für den Ursprung der Welt und des Lebens in der Wissenschaft Platz beanspruchen darf, da er doch eindeutig weltanschaulichen Ursprungs ist?“ Diese Behauptung, wonach der Zufallsgedanke weltanschaulichen Ursprungs sei, ist derart absurd, dass sich eine Erwiderung eigentlich erübrigt – es gibt in der Natur kein einziges System, dessen Entwicklung nicht in gewissem Rahmen dem Regime des Zufalls unterliegt. Und wenn es heißt, „Ein Diktat darüber, was wissenschaftlich, philosophisch und theologisch diskutabel ist und was nicht, kann keinesfalls hingenommen und noch weniger durch den Verweis auf die ‚Tatsache’ Evolution begründet werden“, so ist dies ein weiterer, deutlicher Hinweis auf das mangelnde Wissenschaftsverständnis bei Wort und Wissen: Zum einen gibt es kein Diktat darüber, was im Rahmen der Evolutionstheorie diskutabel ist; man möge endlich zur Kenntnis nehmen, dass für die Evolutionswissenschaften exakt dieselben Regeln gelten wie für alle anderen empirischen Wissenschaften auch. Die Vorgehensweise der heutigen Wissenschaft wird nicht in Hinterzimmern ausgeknobelt und per Dekret verordnet (wie der unangemessene Begriff „Diktat“ nahelegt), sondern ist das Ergebnis eines rationalen Vorgehens, das sich im Laufe eines Jahrhunderte langen Optimierungsprozesses als das zuverlässigste herauskristallisiert hat. Wer durch die besseren Argumente und fruchtbareren Methodologien überzeugt, dem gelingt es, die Mehrheit hinter sich zu scharen – und es darf nicht vergessen werden, dass der Kreationismus über Jahrhunderte die „Deutungshoheit“ innehatte, schlussendlich aber an seiner Unzulänglichkeit gescheitet ist. Es ist unbegreiflich, dass Kreationisten meinen, auf gleicher Augenhöhe mit Evolutionsbiologen einen akademischen Diskurs führen zu können, ohne ein kausales Erklärungsmodell, ohne einen soliden und wachsenden Wissensfundus, ohne ein Forschungsprogramm vorweisen zu können. Über das Fehlen einer wissenschaftlichen Konzeption können auch Behauptungen über das vermeintliche Diktat böswilliger Evolutionisten nicht hinwegtäuschen.

Das Fazit der Replik von Wort und Wissen lautet: „Wenn die Schüler aber damit konfrontiert würden, dass es neben Evolution auch andere Deutungen der Geschichte der Lebewesen gibt, wäre dies ein wichtiger Beitrag einer Erziehung zum kritischen Denken.“ Demgegenüber ist jedoch klarzustellen, dass der naturwissenschaftliche Laie mit den in der Evolutionstheorie diskutierten Fragen hoffnungslos überfordert ist; selbst die Mehrzahl der studierten Biologen ist hier kaum kompetent, fachlich fundiert zu urteilen. Gerade darauf setzt die Strategie von Wort und Wissen: möglichst früh Zweifel säen, und zwar zu einer Zeit, in der eine Beurteilung des Themas seitens der Schüler absolut unmöglich ist.

Wer einer rein weltanschaulich motivierten und begründeten Idee folgt, die a) sich nicht überprüfen lässt, b) keinen kausalen Erklärungswert besitzt, c) überall mit Anomalien zu kämpfen hat und zu Konfusionen führt, wenn man sie weiterverfolgt, und d) Faktoren postuliert, die völlig unbekannt und unerforschlich sind, denkt nicht kritisch, sondern macht das exakte Gegenteil. Hoffen wir also im Sinne der Qualität unseres Bildungssystems, dass sich der Wunsch von Wort und Wissen – die Behandlung von Schöpfungsideen in der Schule als Erklärungsmodell für die biologische Vielfalt – nicht erfüllen wird.

Anmerkungen

1 Vollständige Fassung unter: www.wort-und-wissen.de/disk/d08/2/d08-2.pdf.
2 Lediglich dem „Grundtypenmodell“ kann man eine gewisse Struktur und Logik nicht absprechen – wobei dann allerdings auch zu erwähnen ist, dass die wissenschaftlichen Anteile einfach von der Evolutionstheorie übernommen worden sind.
3 Aus einer ganzen Reihe von Analysen betreffend unstimmige oder falsche Darstellungen im „evolutionskritischen Lehrbuch“ seien genannt: www.evolutionsbiologen.de/evozitate.pdf, www.evolutionsbiologen.de/evozitate2.pdf (verzerrte und falsche Zitate); A. Beyer, Was ist Wahrheit? Oder wie Kreationisten Fakten wahrnehmen und wiedergeben, in: U. Kutschera, (Hg.), Kreationismus in Deutschland. Fakten und Analysen, Münster 2007, 98-162, Leseprobe unter www.evolutionsbiologen.de/leseproben/leseraster.pdf (sachliche Fehldarstellungen); http://www.evolutionsbiologen.de/creation&science.pdf (Diskussion von historischen vs. Gegenwartswissenschaften).
4 Z. B. H. Hemminger, Kreationismus – die bessere Wissenschaft? Erscheinungsformen in Deutschland und in den USA, in: MD 5/2007, 163-173.
5 Siehe www.wort-und-wissen.de/publikationen.html.
6 Z. B. H. Hemminger, Mit der Bibel gegen die Evolution, 13f; M. Neukamm / A. Beyer, Die Affäre Max Planck. Über die fragwürdigen Diskursmethoden eines Evolutionsgegners, in: U. Kutschera (Hg.), a.a.O., 232-276; M. Mahner, Kreationismus. Inhalt und Struktur antievolutionistischer Argumentation, Berlin 1986.
7 P.M. Magazin 4/2008.
8 R. Dawkins, The Selfish Gene, Oxford 1976.
9 Genannt sei als Beispiel Paul Feyerabend, dessen wissenschaftstheoretische Maxime das „anything goes“ ist: „Wahlprognosen sind ebenso gut wie Astrologie, Wettervorhersagen so gut wie Regentänze“.
10 N. J. Matzke, Evolution in (Brownian) space: a model for the origin of the bacterial flagellum, 2003, www.talkdesign.org/faqs/flagellum.html; M. J. Pallen / N. J. Matzke, From The Origin of Species to the origin of bacterial flagella, in: Nature Reviews Microbiology 10/2006, 784-790.
11 Siehe z. B. A. Beyer, Was ist Wahrheit? A.a.O., sowie M. Neukamm, Wissenschaft und ontologischer Naturalismus. Eine Kritik antievolutionistischer Argumentation, in: U. Kutschera (Hg.), a.a.O., 163-231.

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