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Materialdienst 6/2018
Heiko Erhardt mit Ronja und Jonas Erhardt

Jung, brutal, gutaussehend ... antisemitisch!

Anmerkungen zum ECHO-Skandal

War was?

„Wenn du einer dieser Menschen bist, für den die Gürtellinie eine Grenze ist, du bei bitterbösen Texten auf die Bremse trittst, sind wir die falsche Band, die falsche Band für dich.“1 Worte der Rap-Band „Trailerpark“, Worte, die ausdrücken, was viele Menschen empfinden, wenn sie mit Rap jenseits der „Fantastischen Vier“ konfrontiert werden. Da sind Texte, die provozieren. Die extrem geschmacklos sind. Die unter die Gürtellinie hauen – und das wieder und wieder und mit brutaler Gewalt. Dies zumindest auf den ersten Blick.

Denn wenn man Trailerpark bewusst wahrnimmt, stellt man fest, dass hinter den oft reichlich geschmacklosen und vielfach auch pubertären Texten echte Könner stecken. Texter und Musiker auf jeden Fall, die neben reichlich Unsinn – den sie offensichtlich genießen und mit dem man durchaus Spaß haben kann – auch Tiefgang produzieren: Texte, die zum Nachdenken anregen, und Aussagen, die man politisch diskutieren kann, die aber nie und nimmer in eine rassistische, antisemitische, homophobe oder gar faschistoide Ecke gesteckt werden können. Trailerpark und speziell ihr Mastermind Lukas Strobl (besser bekannt unter seinem Künstlernamen „Alligatoah“2) zeigen, dass der erste Eindruck täuschen kann und dass es gut ist, beim Hören zu denken. Denn dann erschließen sich die vielfach ironischen Texte mit ihren Anspielungen in vollem Umfang. Und trotzdem: Bei oberflächlichem Hören eine Band, die viele Menschen ratlos oder sogar erschrocken zurücklässt. Die Tatsache, dass Trailerpark vor allem in den Anfangstagen im Grunde nur die Themen Drogen, Kot und Urin kannten, schreckt sicher ab. Und trotzdem verbirgt sich hinter dem Auftritt als Bürgerschreck jede Menge Tiefgang.3

Der Umstand, dass Rap ein Musikgenre ist, das sich älteren Hörern kaum erschließt und das dementsprechend bei der Generation „Ü40“ kaum präsent ist, ist m. E. einer der Gründe, die zu einem der größten Medienskandale der Popkultur seit vielen Jahren geführt haben. Gemeint ist die diesjährige ECHO-Verleihung an Kollegah/Farid Bang, die eine extrem hitzige Diskussion zur Folge hatte und in der Konsequenz dazu führte, dass der ECHO komplett eingestellt wurde – wobei davon auszugehen ist, dass die Musikindustrie nicht auf die Möglichkeit, werbewirksam abzufeiern, verzichten wird, sodass es auch in Zukunft einen ähnlichen Preis, unter anderem Namen und mit anderem Konzept, geben wird.

Hätte man sich in der Szene ausgekannt, hätte man wissen können, wissen müssen, dass man in einem ungeheuer skandalträchtigen Umfeld unterwegs ist. Aber was war genau passiert? Und vor allem: Wie ordnet man dieses Geschehen ein? Hat man es womöglich mit einem Segment von Jugendkultur zu tun, in dem klammheimlich und unbewusst eine antisemitische, rassistische, homophobe und frauenverachtende Subkultur entstanden ist – und das unbeobachtet und unkontrolliert? Die folgenden Ausführungen versuchen, ein wenig Licht ins Dunkel zu bringen und vor allem zu verstehen, „was denn nun schon wieder mit unserer Jugend los ist“ (was ich mehrfach von besorgten Eltern gefragt wurde).

Was war …

Der ECHO nahm für sich in Anspruch, der bedeutendste deutsche Musikpreis zu sein.4 Auch wenn es häufig so war, dass „echte“ Stars der Verleihung dieses Preises fernblieben, und auch wenn das Konzept, sich weitgehend an den Verkaufszahlen zu orientieren, häufig kritisiert wurde,5 so hatte der ECHO doch eine große mediale Breitenwirkung, war ein Ereignis, das nicht im Winkel stattfand und das nicht zu ignorieren war. Entsprechend groß waren daher auch die Reaktionen, wenn es denn mal zu Kontroversen kam: Im Jahr 2006 wurde die Band „Oomph!“ mit dem Titel „Gott ist ein Popstar“ aufgrund des gesellschaftlichen Klimas – Hintergrund war die Kontroverse um die Mohammed-Karikaturen – wieder ausgeladen, und in den Jahren 2013 und 2014 gab es eine Auseinandersetzung um die Südtiroler Band „Frei.Wild“.6 Dieser Band wird bis heute eine fragwürdige Nähe zu nationalistischen und „rechten“ Parolen nachgesagt, eine Nähe, von der sich die Band nach meiner Wahrnehmung bis heute allenfalls halbherzig distanziert hat.

Diese Kontroversen freilich waren harmlos im Vergleich zu dem, was im Jahr 2018 geschah und was in der Folge zur Einstellung des Preises führte: Die Gangstarapper Kollegah und Farid Bang wurden für ihre CD „Jung, Brutal, Gutaussehend 3“ mit dem ECHO in der Kategorie Hip-Hop/Urban National ausgezeichnet. Diese Auszeichnung war rein von den Zahlen her durchaus gerechtfertigt,7 wurde aber aufgrund der von Kollegah und Farid Bang vertretenen Inhalte heftig kritisiert. Dabei wurden vor allem die Rolle des Bundesverbandes Musikindustrie, der nach kurzer Beratung die Nominierung aufrechterhielt, und der denkbar unsensible Termin (die Preisverleihung fand am 12. April statt, dem Holocaustgedenktag in Israel) kritisiert. Am Abend der Preisverleihung übte Campino, Sänger der „Toten Hosen“, deutliche Kritik an der Entscheidung, und in den folgenden Tagen gaben einige namhafte Künstler ihre bis dahin gewonnenen ECHOs unter Protest zurück. Schließlich wurde der ECHO insgesamt eingestellt.

Doch was war der Anlass für den Protest? Und wie ist dieser zu beurteilen? Der Stein des Anstoßes war zunächst nur ein einziger Satz,8 die von Farid Bang gerappte Zeile: „Mein Körper definierter als von Auschwitzinsassen“. Die Bedeutung dieser Zeile erschließt sich nur dann sofort, wenn man weiß, dass „definiert“ in der Sprache der Bodybuilder und Fitnessapologeten eine hohe Bedeutung hat9 – geht es doch um die Minimierung des Körperfettanteils. Es handelt sich daher um eine Aussage, die auf Kosten von Auschwitzopfern einen grob geschmacklosen und einfach nur abzulehnenden Vergleich anstellt.10

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Anmerkungen

1 Trailerpark: „Falsche Band“ von der CD „Crack Street Boys 3“. Schon der Titel der CD lässt Arges vermuten …
2 Alligatoah ist einer der wortmächtigsten und ironischsten Texter seiner Generation. Politisch klar in der Aussage ist z. B. sein Stück „Teamgeist“, in dem er ebenso klar gegen Rassismus wie gegen Antisemitismus Stellung bezieht, etwa mit folgenden Worten: „Du wurdest wegen deiner Mütze verfolgt, jetzt bist du nicht mehr allein, wir tragen Mützen mit Stolz. Wir sind das Mützenvolk, wir singen Mützenlieder. Ich hab‘ den größten Bommel, ich bin der Mützenführer. Aber kauf‘ nicht bei Hutträgern, auch nicht zum halben Preis (Ihh!). Die sind nicht alle gleich, doch fast alle gewaltbereit. Die sind im wahrsten Sinne unterbelichtet. Ich glaube, Hutträger haben uns‘re Brunnen vergiftet. Glaubst du nicht? Google mal die Hutlüge. Oder Hut Süß, hol‘ dir deine Wutschübe. Bei der Hutverbrennung ruft der Büttenredner ‚Wir sind nur besorgte Mützenträger!‘“
3 Trailerpark und KIZ sind da ähnlich gelagert: Das Image, das sie sich gegeben haben, verdeckt leider die Inhalte, die sie vertreten. Allerdings wird die politische Ausrichtung der Band immer deutlicher, und die analfixierten Dummheiten treten zurück. Übrigens: Dieses Problem teilen sie u. a. mit einem inzwischen durch und durch anerkannten Künstler wie Frank Zappa. Auch im Werk Zappas gibt es geschmacklos-sexistische Entgleisungen, die bei oberflächlichem Hören verdecken, was für ein klar denkender, kritischer Demokrat Zappa war.
4 Da es den ECHO nicht mehr gibt, wähle ich die wähle ich die Vergangenheitsform. Der Preis hat von 1992 bis 2018 existiert. Dass in diesem 26 Jahren Helene Fischer allein 17 Preise gewinnen konnte, deutet schon an, wie dieser Preis gestrickt war: Kommerz um des Kommerzes willen.
5 Die Kritik traf allerdings in der Regel den Popbereich und weniger die Sparten Jazz und Klassik. Hier war die Preisvergabe eigentlich immer nachvollziehbar – wenn denn diese Sparten überhaupt noch von Interesse waren.
6 2013 wurde die Band nach Protesten anderer Bands wieder ausgeladen, und 2014 verzichtete die Band von sich aus auf eine Teilnahme. 2016 dann – im dritten Anlauf – erhielten „Frei.Wild“ einen Preis, ohne dass es größere Proteste gab.
7 Die CD erreichte schon vor dem offiziellen Release Goldstatus und in der ersten Woche 30 Millionen Streams – ein absoluter Rekordwert.
8 Dass dieser Satz gar nicht auf der eigentlichen CD enthalten war, sondern dem Bonustrack „08/15“ entstammt, ändert nichts daran, dass der Satz schlichter Mist ist. Wobei es eine interessante Frage ist, wie die Reaktion ausgefallen wäre, wäre von Guantanamobayinsassen die Rede gewesen.
9 Körperliche Fitness spielt für Kollegah eine große Rolle. Er hat eine eigene Fitnessline, die unter dem Namen „Bosstransformation“ Ergebnisse verspricht, die eigentlich unmöglich sind, www.boss-transformation.de (Abruf der angegebenen Internetseiten: 2.5.2018).
10 Wobei die übrigen Zeilen des Textes kein Stück besser sind. Der Text beginnt direkt mit Syrern, die „Dein Mädel vergewaltigen“, und dann folgt der für Battlerap übliche Diss aller möglichen Rivalen, dieser allerdings in selten brutaler und m. E. auch vollkommen misslungener Form. Trotzdem: Stoff zum Aufregen hätte es in diesem Stück genug gegeben – und das auch völlig ohne Antisemitismus.

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