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Materialdienst 5/2018
Annegret Braun

"Alle Menschen wollen glücklich sein"

Glückssuche und Glücksangebote heute

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„Alle Menschen wollen glücklich sein.“ Treffender könnte man den heutigen Zeitgeist kaum beschreiben. Bücher und Zeitschriften sind voll mit Glücksrezepten. Inzwischen gibt es auch einige Zeitschriften über Glück, sie heißen „Flow“, „Happy Way“ oder „Happinez“. Es gibt Glücksseminare und Glückstrainer. Auch die Werbung verspricht Glück, egal ob sie ein Wellnesswochenende oder nur einen Tee verkaufen möchte.

Inzwischen gibt es einen neuen Glückstrend, der unter dem Namen „Hygge“ vermarktet wird. Hygge ist dänisch und bedeutet Gemütlichkeit. Und da die Dänen bei den Umfragen, welches Land am glücklichsten ist, immer ganz vorne liegen, gelten sie als die Sachverständigen zum Thema Glück. Es gibt immer mehr Bücher über Hygge und inzwischen auch eine Zeitschrift dieses Namens. In Kopenhagen gibt es ein Happiness Research Institut. Der Leiter Meik Wiking sagt, dass sie jeden Monat internationale Delegationen in ihrem Institut empfangen, die mehr darüber erfahren wollen, wie das mit dem Glück geht. In den Vereinigten Arabischen Emiraten gibt es seit 2016 einen Staatsminister für Glück. Bhutan im Himalaya hat schon seit zehn Jahren ein entsprechendes Staatsministerium. Das vermittelt eine Ahnung davon, wie sehr die Menschen weltweit auf Glückssuche sind.

Der Satz „Alle Menschen wollen glücklich sein“ beschreibt unsere Zeit sehr gut, aber er ist viel älter, er stammt von Aristoteles. Dass Menschen glücklich sein wollen, liegt im Innern unseres Menschseins. Aber kaum jemals wurde so viel dafür getan, das Glück zu finden, wie heute. Psychologen warnen sogar vor dem Zwang, glücklich sein zu müssen.
Dieser Beitrag geht zunächst auf das Thema Glückssuche ein und nennt Faktoren, die die Suche nach Glück beeinflussen. Anschließend werden einige Glücksangebote vorgestellt, die in der heutigen Zeit besonderen Zulauf haben.

Der hohe Stellenwert des Glücksstrebens

Auch früher hat man sich danach gesehnt, glücklich zu sein, aber man wusste, dass zum Leben beides gehört, Glück und Unglück – und die Zeiten dazwischen, die einfach normal verlaufen. Der Schriftsteller Theodor Fontane (1819 – 1898) antwortete auf die Frage, was Glück sei: „Eine Grießsuppe, eine Schlafstelle und keine körperlichen Schmerzen – das ist schon viel.“ Zu Fontanes Zeiten, im 19. Jahrhundert, hatte man ein alltagsnahes Verständnis von Glück. Man hat gesehen, wie es den Menschen in der näheren Umgebung geht, und hatte keine Erwartungen von Dauerglück.

Heute haben wir ein Glücksverständnis, das ziemlich weit von der Realität entfernt ist. Es ist nicht mehr das reale Leben, das unsere Lebensvorstellungen und Erwartungen prägt, sondern es sind die Medien. In Zeitschriften und in der Werbung werden glückliche Menschen präsentiert, gut aussehende Menschen, ohne Pickel oder Falten, aber mit Idealgewicht, die erfolgreich sind, umgeben von vielen sympathischen Freunden und die dazu noch eine romantische und aufregende Liebesbeziehung haben. Es sind Menschen, die ihr Leben genießen. Dazu die Botschaft: Das alles kannst du auch haben – wenn du diese Gesichtscreme kaufst oder dieses kalorienfreie Fitness-Getränk.

Auch in den Sozialen Medien sehen wir glückliche Menschen. Auf Facebook oder Instagram sieht man viele strahlende, erfolgreiche Menschen, wodurch der Eindruck erweckt wird, dass alle um einen herum glücklich sind, und zwar nicht fremde Menschen wie Schauspielerinnen oder Models, sondern die eigenen Freunde und Bekannten. Die Sozialen Medien sind ein Forum der Selbstinszenierung. Die neue Liebe wird gepostet, aber die Scheidung nicht. Der berufliche Erfolg wird gepostet, aber nicht die Kündigung. Man macht ein Foto vom Familienausflug, auf dem alle strahlend in die Kamera lächeln, aber niemand macht ein Foto am Frühstücktisch, wenn man gerade streitet, und postet es anschließend in die Welt. Dazu kommen noch die vielen Fotos vom Urlaub am Strand, mit Freunden, von der Party und vom beim Candle-Light-Dinner im romantischen Restaurant. Überall sind strahlende Menschen, aber das heißt noch lange nicht, dass diese Menschen auf den Fotos auch glücklich sind. Wir lächeln ja auch, sobald eine Kamera auf uns gerichtet ist. Schließlich will man auf den Fotos einigermaßen gut aussehen. Trotzdem interpretieren wir die Fotos als Beweise für Glück. Man übersieht auch, dass es nur einzelne Momente sind. Die anderen sind ja nicht ständig im Urlaub, aber weil man eben nicht nur drei Facebook-Freunde hat, sondern 300, hat man den Eindruck, dass alle dauernd im Urlaub sind, nur man selbst rackert sich bei der Arbeit ab. Durch die Medien entsteht also der Eindruck, dass die anderen Menschen glücklich sind, während das eigene Leben ziemlich langweilig oder mittelmäßig ist, und man fragt sich: Was kann ich tun, damit ich glücklich werde?

Dass die Suche nach Glück heute so bedeutungsvoll ist, hat im Wesentlichen drei Gründe: Der erste Grund ist der hohe Glücksanspruch, den wir heute haben. Er entsteht durch ein Glücksverständnis, das von den Medien geprägt und von der Realität ziemlich weit entfernt ist.

Ein zweiter Grund ist unsere Haltung: „Jeder ist seines Glückes Schmied.“ Alles ist machbar, wenn man sich nur genügend anstrengt. Dahinter steckt ein regelrechter Machbarkeitswahn. Alles, die ganze Verantwortung für das Glück, liegt in der eigenen Hand. Die Kehrseite dieses Allmachtgedankens ist, dass man sich für einen Loser hält, wenn man es nicht schafft, glücklich zu sein, oder dass man auch andere für Versager hält, die von Harz IV leben oder deren Kinder von der Schule geflogen sind. Dass Glück oftmals auch ein unverdientes Geschenk ist, wofür man dankbar sein kann, wird ausgeblendet. Doch Menschen, die Glück als ein Geschenk sehen, neigen eher dazu, ihr Glück mit anderen zu teilen. Wenn man aber die Haltung vertritt, dass jeder selbst verantwortlich für sein Glück ist, dann entsteht daraus oftmals eine unbarmherzige Haltung gegenüber anderen Menschen, denen es nicht so gut geht.

Der dritte Grund, warum Glückssuche so wichtig geworden ist, liegt darin, dass Glück zum Lebenssinn geworden ist. In einer Umfrage des Demoskopischen Instituts Allensbach lautete die Frage: „Was ist für Sie der Sinn des Lebens?“ Während früher viele geantwortet haben: „für Familie und Freunde da sein“, antworteten nun viele: „glücklich sein“. Früher hat der Glaube dem Leben Sinn gegeben, denn man sah sich als ein Geschöpf Gottes. Das allein schon gab dem Leben einen Sinn, den man zwar nicht immer verstand – man war ja nur Mensch und nicht Gott –, aber es war ein Sinn, der Halt im Leben gegeben hat. Heute fehlt vielen Menschen der Glaube und damit der Lebenssinn. Deshalb suchen die Menschen den Sinn im Glück, denn dort ist er am leichtesten zu spüren. Ein glücklicher Mensch weiß und spürt, dass sein Leben einen Sinn hat. Doch Glück als Lebenssinn ist sehr fragil. Wenn man unglücklich ist, kommt auch der Lebenssinn ins Wanken.

Wo Bedarf ist, gibt es Angebote

Glückssuche hat heute also eine existenzielle Bedeutung bekommen. Und dort, wo es einen Bedarf gibt, gibt es auch Angebote. Die vielen Glücksversprechen bieten das an, was viele sich wünschen: ein besseres, gesünderes, glücklicheres Leben. Es gibt heute einen unendlich großen Markt an Glücksangeboten.

Am deutlichsten sind die Glücksversprechen im Konsum. Die Werbung verspricht das große Glück. „Schrei vor Glück“ heißt der bekannte Werbespruch von Zalando. Dazu sieht man eine Frau, die ein paar schicke Schuhe in der Hand hält und vor Freude kreischt. Mit dem Werbeslogan „Kauf Dich glücklich“ lockt Media Markt. Nicht nur die Werbung, auch viele Produkte sind auf die Glücksschiene gesprungen. Ganz normale Kräutertees heißen nun Glückstee, und Badezusätze bekommen Namen wie „glückliche Auszeit“.

Werbung verkauft nicht nur einfach ein Produkt, denn wir haben ja schon fast alles. Werbung spricht Sehnsüchte an und verkauft ein Lebensgefühl. Es gibt den Spruch: „Wer glaubt, dass man Glück nicht kaufen kann, hat keine Ahnung von Shopping.“

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Anmerkung

1 Eröffnungsvortrag auf der christlich-buddhistischen Dialogtagung „Glück“ am 23.2.2018 in Hannover (vgl. den nachfolgenden Tagungsbericht). Der Text wurde leicht überarbeitet, der Vortragsstil aber weitgehend beibehalten.

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