publikationen_keyvisual.jpg
Materialdienst 5/2018
Alexander Warnemann / Oliver Koch

Einfach und bequem alles verändern?

Kritische Anmerkungen zu "Access Consciousness"

„Es ist fantastisch: Die Berührung von 32 Punkten am Kopf sind der energetische Schlüssel, um alles aufzulösen, was dich möglicherweise daran hindert, in deine volle Kraft, Kreativität und Handlungsenergie zu kommen.“ Mit diesen Worten beginnen die Werbeflyer zu Veranstaltungen von „Access Consciousness“. Abgebildet ist ein menschlicher Kopf, an dem farbige Punkte markiert sind. Ihnen sind Themen zugeordnet: Kommunikation, Zeit und Raum, Heilung, Geld, Hoffnung und Träume, Kontrolle, Wahrnehmung, Band der Implantate, Sexualität, Altern usw. Werden diese Punkte mithilfe der Methode „Access Bars“ stimuliert, sollen die „stagnierenden Energien [der jeweiligen Lebensbereiche] in Bewegung gebracht und aufgelöst“2 werden. Das ist eigentlich alles, so einfach geht das. Betrachtet man allerdings Hintergründe, Herkunft und Praxis genauer, ergibt sich ein differenzierteres und problematischeres Bild.

Uns als Weltanschauungsbeauftragte erreichen diverse Anfragen zu Access Consciousness: von der Frage, ob Anbietern kirchliche Räumlichkeiten zur Verfügung gestellt werden können, bis hin zu Beratungsanfragen wegen handfester Konflikte innerhalb von Firmen oder Familien. So ruft ein besorgter Ehemann an, dessen Frau seit einiger Zeit Access Bars praktiziert und nun alle Familienmitglieder mit dieser Methode behandeln möchte; oder eine ehrenamtlich engagierte Christin, die sich fragt, ob die Methode mit ihrem Glauben vereinbar ist; und schließlich ein Angestellter eines ambulanten Pflegedienstes, dessen Firma seit einiger Zeit Access Consciousness praktiziert und nun die Mitarbeiter nicht nur zu Kursbesuchen animiert, sondern sie auch dazu motivieren will, die Methode beim pflegebedürftigen Kundenstamm zu bewerben.

Ein Kursabend

An diversen Orten bieten sogenannte „Certified Access Consciousness Facilitatoren“ ihre Dienste an. Präsentiert und beworben durch den „Frankfurter Ring“3 konnte man in Frankfurt am Main ein ganzes Wochenende in diesem Kontext verbringen: Beate Nimsky bot, gemeinsam mit ihrem Ehemann Martin, zunächst am Freitag einen Abendvortrag zu „Access Bars“ an (Kosten: 20 Euro). Es folgten am Samstag ein „Aufbaukurs: Access the Body“ (290 Euro) und am Sonntag die Ausbildung zum „Access Bars Practitioner“ (270 Euro). Wir besuchten den Abendvortrag (1.9.2017).

Beate Nimsky ist nach eigenen Angaben systemischer Coach und Unternehmensberaterin. Sie führt gemeinsam mit ihrem Mann ein Unternehmen für „intrinsische Kompetenz“ und begleitet besonders Unternehmen im Kontext von Zusammenführungen und Fusionen, um eine gemeinsame Kultur zu erarbeiten. Ihr auf der Homepage veröffentlichter Kundenstamm kann sich sehen lassen: Diverse mittelständische bis große Wirtschaftsunternehmen sowie viele, v. a. genossenschaftliche Banken haben ihre Dienste genutzt, darunter auch die Evangelische Bank.4

Nimsky berichtete in ihrem Vortrag, sie habe zwei Unfälle im Jahr 1987 als eine Art „Weckruf“ verstanden und sich danach intensiv mit Energiearbeit in Form von Tai Chi oder Chi Gong beschäftigt. 2014 sei sie während einer Situation mit hohen Anforderungen und viel Stress in Kontakt mit „Access Bars“ gekommen. Nach nur einer Sitzung habe sie endlich wieder richtig schlafen können, Spannungskopfschmerzen hätten aufgehört, und nach kurzem weiterem Praktizieren sei auch ihre Katzenallergie verschwunden.5 Die Methode – bloße Stimulation der 32 Punkte am Kopf und Zitieren eines sogenannten „Clearingsatzes“ – habe sie so überzeugt, dass sie 2015 mehrmals dem Gründer von Access Consciousness, Gary Douglas, hinterhergereist sei und sich von ihm persönlich in allen Techniken habe ausbilden lassen.

Nimsky baute an dem Abend in humorvoller und souveräner Art geschickt einen Spannungsbogen auf, der sich am Beispiel des „Clearingsatzes“ deutlich machen lässt: Im Kontext ihrer persönlichen Heilungserlebnisse sprach sie den Clearingsatz in rasender Geschwindigkeit aus und vertröstete die Zuhörer bzgl. Einzelheiten auf später. Diese Methodik durchzog den Vortrag. Er sollte neugierig machen auf mehr – ein „Appetizer“.

Nach der Erklärung des Hintergrundsystems (s. u.) der Access Bars sollten sie exemplarisch praktiziert werden. Die 15 Teilnehmerinnen und Teilnehmer gemischten Alters sollten einander zwei Bars geben. Dies gestaltete sich so: Der Empfangende bekam vom Gebenden die Fingerspitzen an klar definierten Punkten des Kopfes aufgelegt. Dadurch fließe dann „höchste Energie“ und lösche die dort gespeicherten alten Muster, die den jeweiligen Punkten zugeordnet seien. So befinde sich hinter den Ohren das sogenannte „Band der Implantate“, in dem „alle Gedanken, Ideen, Glaubenssätze, Sichtweisen, Einstellungen und Informationen eingelagert“6 seien. Nachdem der Partner seine Fingerspitzen auf diese Punkte gelegt hatte, sagte er dreimal hintereinander: „Band der Implantate, Band der Implantate, Band der Implantate“ und daraufhin den Clearingsatz: „Right and Wrong – Good and Bad – POD and POC – All 9, Shorts, Boys and Beyonds“ (s. u.). Nach einiger Zeit konnte gefragt werden, ob ein bestimmtes Thema hochkomme, welches der Empfangende dann benennen konnte.

Während dieser Zeit sollen Energien fließen und Informationen gelöscht werden. Dies mache sich durch Wärme oder Kribbeln in den Händen bzw. im ganzen Körper bemerkbar. Am Vortragsabend bestätigten mehrere der gebenden Teilnehmer, dass sie gespürt hätten, dass „ganz viel Energie geflossen“ sei. Zahlreiche Empfangende sagten, dass sie sich „leichter fühlten“ oder dass sie „eine Veränderung gespürt“ hätten. Ein Teilnehmer gab an, nichts gespürt zu haben, was laut Nimsky noch nie vorgekommen ist und wohl daran liege, dass derjenige sich noch nicht genug eingelassen habe.

Nimsky wies darauf hin, man könne die Access Bars auch bei sich selbst anwenden, aber wenn es ein anderer tue, sei die Wirkung „100 Mal intensiver“. Eine Sitzung dauert von wenigen Minuten bis zu eineinhalb Stunden und kostet zwischen 70 und 95 Euro.7

Waren am Beginn des Abends die Aussagen über die Wirkung von Access Bars noch gemäßigt, so entwickelte sich im weiteren Verlauf eine aufschlussreiche Dynamik. Schließlich erwähnte Nimsky diverse Heilungserfahrungen von Teilnehmern ihrer Kurse. So habe sie etliche Spontanheilungen erlebt, besonders bei Neurodermitis. Aber auch bei ADHS gebe es Erfolge sowie bei der Behandlung des Down-Syndroms bis hin zu Krebs. Da man bei dieser Methode nichts falsch machen könne, sei sie zuversichtlich, dass sie sich bald wie ein „guter Virus“ weltweit ausbreiten werde. Vermutlich werde man sogar erleben, dass es in einigen Jahrzehnten keine Krankenkassen mehr geben müsse, denn alles und jeder könne geheilt werden.

Interessant sind auch die Aussagen über ein zugrunde liegendes gesellschaftsutopisches Weltbild und den religiösen Hintergrund: Auf die Frage, wie die Welt aussähe, wenn alle Menschen die Methode praktizierten, antwortete sie mit hohem ethischem Movens: Es gäbe dann keine Kriege mehr, keine Umweltverschmutzung, die Welt würde schlicht besser werden. Darauf angesprochen, dass ja anscheinend ein Reinkarnationsgedanke hinter dem System stehe, sagte sie, das sei wohl das, was zurzeit am wahrscheinlichsten anmute. Denn die in den 32 Punkten am Kopf gespeicherten Informationen seien teilweise hunderte bis tausende von Jahren alt. Das könne man nur dadurch erklären, dass wir immer wiederkehren.

Lesen Sie weiter im Materialdienst.


Anmerkungen

1 Werbebroschüre „Access Consciousness“.
2 Ebd.
3 Der „Frankfurter Ring“ ist eine Plattform mit Magazin und Internetauftritt, die im Rhein-Main-Gebiet Vorträge und Seminare für „Körper, Geist und Seele“ organisiert. Siehe auch www.frankfurter-ring.de (Abruf der Internetseiten: 26.1.2018).
4 Vgl. www.nimsky.de/kundenerfolge.
5 Siehe auch das Booklet: Beate Nimsky, Access Consciousness: Vortrag 5. September 2017 um 19:30 Uhr im Kurhaus Bad Krozingen, 3.
6 Ebd., 4.
7 Vgl. Stefan Tietzmann: Flyer „Eine leichte Methode, Beschränkungen loszulassen“.

Inhaltsverzeichnis, Bestellung und Download

Materialdienst Archiv

Die Ausgaben der Jahrgänge 1970-2015 sowie die Jahresregisterhefte 1970-2017 sind für alle Internetnutzer als pdf-Dateien abrufbar.

Eine schnelle Orientierung bieten die Jahrgangsübersichten mit den Schwerpunktthemen, die einzelnen Ausgaben sind über vollständige Inhaltsverzeichnisse erschlossen.

Allen, die den Materialdienst abonniert haben, stellen wir die aktuelle Ausgabe am Anfang des Monats zusätzlich als pdf-Datei zur Verfügung. Außerdem ist ein exklusiver Zugang zu den jeweils letzten zwei Jahrgängen (2016 u. 2017) eingerichtet.

Materialdienst abonnieren

So verpassen Sie keine Ausgabe: Abonnieren Sie den Materialdienst!