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Materialdienst 2/2005
Ulrich Dehn

Das Spezifische der "Buchreligionen"

Schriftreligionen - Buchreligionen

Das Wort "Buchreligion(en)" ist kein religionswissenschaftlicher Terminus. In der Religionswissenschaft ist von Heiligen Schriften und von der Unterscheidung von Schriftreligionen und vorschriftlichen Religionen die Rede, aber auch die letztere Unterscheidung hat nur geringen heuristischen Wert, weil viele vorschriftliche Religionen irgendwann schriftlich geworden sind oder von der Gattung her eher als regionale Kulttraditionen zu betrachten wären.

Wenn wir "Buchreligionen" als allgemeine Kategorie betrachten wollten, müssten wir neben denen, die terminologisch gemeint sind (Judentum, Christentum, Islam), u.a. noch den Sikhismus mit seinem Guru Granth Sahib oder die Baha'i mit dem Kitab i'Aqdas und drei weiteren wichtigen Schriften Baha'u'llahs berücksichtigen und kommen dann bereits in einen Bereich von Grauzonen. Auch wenn etwa die Bhagavadgita als heiliges Buch gilt, wäre genauer zu benennen, von welchen Segmenten der hinduistischen Frömmigkeit sie als solches anerkannt wird. Für manche staatsshintoistisch orientierte Japaner haben auch die mythischen Epen Nihonshoki und Kojiki aus dem Anfang des 8. Jahrhunderts heiligen Rang, trotzdem wird der staatsnahe Teil des Shinto deshalb nicht als Buchreligion bezeichnet.
 
Der Terminus Buchreligion ist im Unterschied zur Schriftreligion ein theologischer Begriff der islamischen Theologie. Er ist eine aus dem Koran herleitbare Konvention aus der Wendung "Leute des Buchs/der Schrift" (ahl al'kitab), ähnlich wie dies der Fall ist mit dem sich daran anschließenden Konstrukt der drei monotheistischen oder abrahamitischen Religionen, die an vielen Orten zum "Trialog" zusammenkommen. Manchmal weisen die Baha'i darauf hin, dass sie gerne in dieses monotheistische trilaterale Gespräch aufgenommen würden, was schon darauf hinweist, dass jede Konvention dieser Art aufweichbar und dispositionsfähig ist. Das Kriterium des Monotheismus wird auch von vielen süd- und ostasiatischen Frömmigkeitstypen und Kulten erfüllt, die unter den Begriffen "Hinduismus" und "Buddhismus" zusammengefasst werden.

"Leute des Buchs"

Es soll ein kurzer Blick auf die "Leute des Buchs" im Koran geworfen werden, bevor wir uns dann mit dem Spezifischen der "Buchreligionen" beschäftigen. Die "Leute des Buchs" oder auch "Schriftbesitzer", womit zumeist die Juden und Christen gemeint sind, stellen eine vieladressierte Größe im Koran dar, gelegentlich differenziert in Juden oder Christen. In Sure 2,62 werden auch die Sabier1 in diese monotheistische Wertschätzung einbezogen, jedoch nicht mit dem Ausdruck ahl al'kitab belegt. Ähnlich ergeht es in Persien den Zoroastriern sowie später in Indien nach dem Mongolensturm unter der Herrschaft der Sultane seit dem 13. Jahrhundert den nicht-muslimischen Indern, da die herrschende muslimische Minderheit pragmatisch mit der Tatsache einer nicht-muslimischen Mehrheit umgehen musste.
 
Ob Muhammad sich mit der Hervorhebung der Juden und Christen aus anderen Religionsgemeinschaften, die sich ja bis in heutige Gesetzgebung hinein niedergeschlagen hat, den beiden Gruppen anbiedern wollte, ist sehr umstritten. Dagegen spricht, dass sie im alten Arabien und in Mekka ohnehin so klein an Zahl waren, dass eine opportunistische Annäherung, sei es politischer, sei es theologischer Art, pragmatisch gar nicht geboten war.2 Muhammads Verhältnis zu den "Leuten des Buchs" war immer in erster Linie sachbezogen, in zweiter Linie geprägt durch historische Erfahrungen. Abraham, Moses, Jesus, Torah, Evangelium und die alttestamentlichen Propheten gelten im Koran als Verkünder der gleichen göttlichen Offenbarung, obwohl der Koran zwischen Christen, Juden und der eigenen Akzentsetzung auch deutlich unterscheidet. Den Juden gegenüber verteidigt der Koran die Reinheit Marias und das Prophetentum Jesu, den Christen gegenüber werden Moses und die (anderen) israelitischen Propheten gewürdigt, v.a. aber Abraham als Zeuge des tiefen Eingottglaubens. Die Selbstverständlichkeit, mit der im Koran diese Gestalten aus der jüdisch-christlichen Tradition vorkommen, zeigt, dass sie in der Umgebung von Muhammad bekannt gewesen sein müssen. Wohl hatte er keinen Kontakt zu ganzen Gemeinden und auch nicht zum Hauptstrom altkirchlicher Christlichkeit und ihrer herrschenden Trinitätstheologie und Christologie, sondern kannte das Christentum in erster Linie von einzelnen Eremiten und Mönchen, die eher ein melkitisches, jakobitisches und nestorianisch geprägtes Christentum vertraten, und er kannte offenbar einige Lehrinhalte der Monophysiten. Wahrscheinlich hatte Muhammad keinen Zugang zum Alten und Neuen Testament, die auch zu dem Zeitpunkt noch nicht in vollständiger arabischer Übersetzung vorlagen3 - ohnehin ist wahrscheinlich, dass er Analphabet war.

Nach wie vor umstritten ist in der Forschung der Einfluss, den evtl. das ebionitische Judenchristentum auf Muhammad hatte, ein Einfluss, der seit alters von christlichen Apologeten behauptet und von muslimischen Apologeten bestritten wurde.4 Das Thema des christlichen Einflusses auf Muhammad soll hier nicht weiterverfolgt werden, da es höchstens zu Muhammads Motivationsklärung zur Benutzung des Begriffs "Buchreligionen" beitragen kann.

Im Koran gibt es ein Einigungsangebot an die Leute der Schrift, das wohl so eine Art Friedensvertrag darstellen sollte: "Sag, ihr Leute der Schrift! Kommt her zu einem Wort, das zwischen uns und euch gleich ist. Dass wir Gott allein dienen und ihm niemanden beigesellen und dass wir Menschen uns nicht untereinander an Gottes Statt zu Herren nehmen" (Sure 3,64).

Die Juden und Christen gehen nicht auf Muhammads Angebot ein, ein gemeinsames monotheistisches Dach für die Traditionen und die eigentliche Identität ihrer Botschaft zu akzeptieren. Daraufhin wirft er den Juden und Christen vor, dass sie die Offenbarung Gottes von Propheten und Gesandten in gleicher Weise empfangen, sie aber verfälscht und sich vom monotheistischen Glauben entfernt haben. Die Lehren von der Gottessohnschaft Jesu und von der Trinität seien dafür ein Beleg. Dabei ist es nach Auskunft einiger Stellen im Koran nicht die Trinität Gott Vater-Sohn-Geist, sondern die Dreiheit Gott-Maria-Jesus (Sure 5,1165), die Muhammad vermutlich aufgrund seines Kontaktes zu häretischen Gruppen vor Augen hat. Die Tatsache jedoch, dass es heftige, auch blutige Auseinandersetzungen in und um Medina gab, liegt nicht in den theologischen Optionen Muhammads und in gezielten Verfolgungsaktivitäten begründet oder in einer besonderen Grausamkeit der Muslime, sondern in der komplizierten Beziehungsgeschichte auf der arabischen Halbinsel, im Machtkampf zwischen den Stämmen, im Verteilungskampf eines jeden gegen jeden. Karawanen zu überfallen (razzia) gehörte als tägliches Mittel zum Kampf um das Überleben.

Dank dieser Wertschätzung der Buchreligionen erhalten Juden, Christen und Zoroastrier in mehrheitlich islamischen Staaten den Sonderstatus des (kollektiv) ahl al-dhimma oder (individuell) dhimmi, des / der "Schutzbefohlenen". Auch wenn dieser Status einschließlich der zugestandenen freien Religionsausübung nicht dem der europäischen Aufklärung verdankten Toleranzbegriff und voller Religionsfreiheit genügt, erging es den dhimmi unter muslimischer Herrschaft meist besser als umgekehrt Muslimen unter christlicher Herrschaft. Dhimmi zahlten keine normale Steuer (zakat, sadaqa), sondern eine jährlich erhobene "Kopfsteuer" (djizya), die vermutlich ca. 10 Prozent des Einkommens ausmachte. Sie war in der Regel höher als die Steuer der muslimischen Bevölkerung und stellte somit einen finanziellen Anreiz zur Konversion dar.6

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Anmerkungen

1 Nach Khoury „entweder eine Täufergemeinde wie die Mandäer oder eine syrische Gemeinde von Sternanbetern mit hellenistischen Tendenzen“ (Der Koran. Arabisch-Deutsch, übersetzt und kommentiert von Adel Theodor Khoury, Gütersloh 2004, 67).
2 Vgl. Monika & Udo Tworuschka, Der Koran und seine umstrittenen Aussagen, Düsseldorf 2002, 114ff; Rüdiger Braun, Mohammed und die Christen im Islambild zeitgenössischer christlicher und muslimischer Apologeten, Neuendettelsau 2004.
3 Vgl. Christine Schirrmacher, Christen im Urteil von Muslimen – Kritische Positionen aus der Frühzeit des Islam und aus der Sicht heutiger Theologen, in: Ursula Spuler-Stegemann (Hg.), Feindbild Christentum im Islam, Freiburg i. Br. 2004, 12-34, 15; auch Günter Riße, „Gott ist Christus, der Sohn der Maria“. Eine Studie zum Christusbild im Koran, Bonn 1989.
4 Vgl. hierzu das klassische Werk Hans-Joachim Schoeps, Theologie und Geschichte des Judenchristentums, Tübingen 1949; zuletzt zu diesem Thema: Braun, Mohammed und die Christen, bes. 97-127, der sich allerdings eines neuen Beitrags zur Kontroverse enthalten will.
5 „Und als Gott sprach: ‚O Jesus, Sohn Marias, warst du es, der zu den Menschen sagte: Nehmt euch neben Gott mich und meine Mutter zu Göttern?’“
6 Vgl. u.a. Peter Heine, Abgabe (gesetzliche), in: Adel Th. Khoury / Ludwig Hagemann / Peter Heine, Islam-Lexikon, Freiburg i. Br. 1991, 25-32, 27f.

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