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Materialdienst 2/2005
Gerd Aldinger

Warum nicht Feng Shui?

Der Verfasser dieses Artikels hat die undankbare Aufgabe übernommen, etwas Wasser in den Wein zu schütten:

- Ist Feng Shui nicht eine neue, positive Erfahrung von der alle, die es ausprobiert haben, schwärmen?

- Warum soll man nicht nach den alten Regeln dieser chinesischen Kunst bauen und einrichten?

- Wird nicht unsere heutige architektonisch geplante Umwelt oft als reizlos, monoton, unangenehm, ja sogar als gesundheitlich belastend empfunden?

- Und kann vielleicht mit Hilfe von Feng Shui eine freundliche, emotional befriedigende und gesunde Architektur zum Nutzen der Bewohner entstehen?

Dazu einige kritische Überlegungen zum Gebrauch beziehungsweise Missbrauch des Feng Shui in Deutschland.

Feng Shui in China

Der erste Europäer, der sich mit Feng Shui beschäftigte, war ein britischer Missionar namens Ernest J. Eitel, der im 19. Jahrhundert in Hongkong diese asiatische Lehre zu ihrer Blütezeit studierte. Denn häufig stießen europäische Siedler auf Schwierigkeiten, die von den Einheimischen üblicherweise mit "Feng Shui" begründet wurden. Wenn zum Beispiel Telegraphenmasten errichtet oder Eisenbahnbrücken gebaut werden sollten, verbeugten sich die chinesischen Beamten höflich und erklärten, das Vorhaben sei leider nicht durchführbar - wegen "Feng Shui".

Doch auf die Frage, was Feng Shui denn genau sei, bekam Eitel stets die unbefriedigende Antwort: "Wind und Wasser". Was das zu bedeuten habe, wollte Eitel weiter wissen. Antwort: "Weil es wie der Wind ist, den du nicht fassen kannst, und weil es wie das Wasser ist, das du nicht greifen kannst."
 
Schließlich kam Eitel zu der Überzeugung, dass "Feng Shui" eigentlich ein anderer Name für Naturwissenschaft war - jedenfalls so, wie dieser Begriff in China verstanden wurde. Eitel schrieb dazu: "Naturwissenschaft wurde in China nie in dieser technischen, auf Fakten bezogenen Weise kultiviert, die für uns untrennbar von einer echten Wissenschaft erscheint. (...) Chinesische Naturalisten erfanden keine Instrumente, die ihnen bei der Betrachtung der Himmelskörper helfen, sie befassten sich nie mit der Jagd nach Käfern und dem Präparieren von Vögeln, sie schreckten davor zurück, Tierkadaver zu sezieren und führten auch keine chemischen Analysen anorganischer Substanzen durch. (...) Aber mit sehr wenig tatsächlichem Wissen entwickelten sie ein ganzes System der Naturwissenschaft aus ihrem eigenen inneren Bewusstsein heraus und erläuterten es nach den dogmatischen Formeln uralter Traditionen. So bedauerlich dieses Fehlen von praktischer sowie experimenteller Forschung auch ist, was das Tor für alle möglichen Vermutungstheorien öffnete, so bewahrte es in Chinas Naturwissenschaft einen Geist sakraler Ehrfurcht gegenüber den himmlischen Kräften der Natur."

Das Grundprinzip des Feng Shui: "Chi"

Das bedeutet: Feng Shui ist kein kohärentes System, sondern weist nur folgende Grundüberzeugung auf: Zusätzlich zu den sichtbaren und/oder körperlich spürbaren Elementen der Materie und den uns bekannten Energieformen existiert ein unsichtbarer Einfluss auf unser Leben, genannt "Chi ("kosmischer Atem des Drachens"). Der Einfluss des "Chi" ist durch praktische Anwendung der Regeln des Feng Shui steuerbar und nutzbar. Feng Shui bedeutet also, das Wirken des "Chi" an einem konkreten Ort zu analysieren und positiv zu beeinflussen.

Leicht zu verstehen, dass viele Feng Shui-Regeln sich widersprechen; welche konkreten Ratschläge ein Feng Shui-Meister zu einer bestimmten räumlichen Situation gibt, hängt von seiner jeweiligen "Schule" ab.
Nach unseren europäischen Kriterien ist es nicht ganz leicht zu beantworten, ob es sich beim Feng Shui nun um eine religiöse Angelegenheit handelt oder um einen frühen Versuch wissenschaftlicher Systematik. In China selbst ist diese Unterscheidung ohne Bedeutung. Man könnte das Feng Shui-Gewerbe daher wohl am ehesten als eine Art Religionshandwerk bezeichnen, vergleichbar mit Astrologie. So wie ein Stern-Deuter versucht, aus der Konstellation der Sterne Schlüsse auf das Schicksal seiner Klienten zu ziehen, untersucht der Feng Shui-Meister die Situation am Boden. Die Profession des Feng Shui-Meisters ist in China hoch angesehen. In der Regel wird sie nur innerhalb der eigenen Familie weitergegeben. Eine Einweisungszeit von zehn bis 20 Jahren gilt als angemessen.

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