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Materialdienst 2/2018
Ulrich H. J. Körtner

Zur Freiheit berufen

Potenziale der Reformation

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Die Neuentdeckung des biblischen Evangeliums der Freiheit in der Reformation war heilsam und befreiend. Wie alle von Menschen gestaltete Geschichte ist auch diejenige der Reformation nicht frei von Schattenseiten, von menschlichem Versagen und menschlicher Schuld. Über dieser Einsicht darf aber doch nicht das Befreiungspotenzial aus dem Blick geraten, das im Erbe der Reformation bis heute liegt.

Evangelische Freiheit und moderne Freiheitsdiskurse

Die bleibende Bedeutung der Reformation besteht darin, die Freiheit als Inbegriff des Evangeliums von Jesus Christus neu entdeckt und zur Geltung gebracht zu haben, zugleich aber auch die Gleichheit im Sinne des Priestertums aller Gläubigen. Und tatsächlich hat die Reformation nicht nur religiöse, sondern auch politische und gesellschaftliche Umbrüche hervorgerufen, die bis heute nachwirken. Tatsächlich war die Reformation in vielfältiger Hinsicht eine Befreiungsbewegung, in der es um die Freiheit von klerikaler Bevormundung ebenso ging wie um politische und soziale Freiheiten. Die Aufklärung wertete die Reformation trotz aller Kritik als eine Entwicklungsstufe auf dem Weg zur Freiheit des Geistes und aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit des Menschen. Der linke Flügel der Hegelschule deutete die Reformation als Vorstufe der bürgerlichen und dann der kommunistischen Revolution, deren Ziel ein utopisches Reich der Freiheit war. Auch die Befreiungstheologie des 20. und 21. Jahrhunderts begreift die Reformation und ihre Theologie als eine Form der politischen Theologie.

Die Pointe von Luthers Freiheitsverständnis liegt freilich darin, dass der Mensch nicht etwa zu sich selbst, sondern von sich selbst befreit werden muss. Nicht in kirchlichen oder politischen Freiheitsforderungen, sondern in der Rechtfertigungslehre liegt das Zentrum der Freiheitslehre Luthers. Man missversteht diese jedoch, wenn man seine Botschaft von der Rechtfertigung des Sünders auf die Formel verkürzt: Gott nimmt jeden Menschen so an, wie er ist, und gibt uns die Kraft, mit uns Freundschaft zu schließen. Vielmehr wird Luther nicht müde zu erklären, dass uns Gott bedingungslos annimmt, obwohl wir so sind, wie wir sind, damit wir um Christi willen gerade nicht dieselben bleiben, sondern neu werden.

Von Hause aus ist der Mensch stets um sich selbst besorgt. Er kreist um sich und neigt dazu, auch die übrigen Menschen seinen eigenen Zwecken und Wünschen dienstbar zu machen. Das Gleiche geschieht in der Religion, wenn der Mensch versucht, auch Gott seinen eigenen Vorstellungen und Bedürfnissen zu unterwerfen. Auf uns selbst zurückgeworfen und fixiert, sind wir im Grunde einsame Wesen, die einander die Liebe schuldig bleiben und Gott als den Grund unseres Daseins verleugnen. Aus dieser Einsamkeit und Selbstfixiertheit werden wir nach Luther durch Jesus Christus befreit. Wo das einsame und um sich selbst besorgte Ich ist, soll Christus werden, der uns für Gott und den Mitmenschen öffnet. Durch Christus, so Luther, werden die Menschen zu einem Glauben befreit, der Gott bedingungslos im Leben und im Sterben vertraut, weil er sich von Gott bedingungslos angenommen weiß. Gott, so Luther, liebt uns Menschen ohne Vorleistungen und senkt die Liebe zu ihm und unseren Mitmenschen in unser Herz.

Im Vergleich mit heutigen Freiheitsdiskursen fällt auf, dass für Luther die Frage, ob der Mensch frei oder unfrei ist, zu kurz greift, sofern sie Freiheit einfach mit Willensfreiheit gleichsetzt. Im Gegenteil hat die Freiheitserfahrung eines Christenmenschen die Unfreiheit des menschlichen Willens zur Voraussetzung. Diese aber ist nicht im Sinne eines metaphysischen oder naturwissenschaftlichen Determinismus zu verstehen, sondern als Ergebnis eines Freiheitsverlustes, der als Folge der Sünde gedeutet wird. Es sind konkrete Erfahrungen des Verlustes und der Gefährdung menschlicher Freiheit, die das theologische Nachdenken über das Wesen menschlicher Freiheit motivieren. Luther geht es nicht um eine formale Freiheitsbehauptung, sondern um existenziellen Freiheitsgewinn durch Glauben.

Freiheit und Verantwortung

Die Reformation kann uns den Blick schärfen für die Ambivalenzen und Gefährdungen der Freiheit in der heutigen Gesellschaft. Einerseits herrscht heute ein Maß an individueller Freiheit und Vielfalt der Lebensweisen, wie dies noch vor 50, 60 Jahren kaum denkbar erschien. Die bürgerliche Freiheit oder auch die Freiheit des Konsumenten erzeugt freilich nur zu oft einen Schein von Freiheit. Die Freiheit ist nicht nur durch äußere Zwänge, sondern auch durch innere Unfreiheit bedroht. Und der Zuwachs an Freiheit und Eigenverantwortung wird von vielen Menschen als Last, wenn nicht gar als Überforderung empfunden.

Die evangelischen Kirchen in Österreich haben das Reformationsjubiläum unter das Motto „Freiheit und Verantwortung“ gestellt. Interessanterweise war dies auch das Motto einer Partei im hinter uns liegenden Wahlkampf. Aber der Liberalismus hat weithin keine gute Presse. Mancher denkt bei „Freiheit und Verantwortung“ an das Schreckgespenst des Neoliberalismus. In der Politik stehen gegenwärtig Gerechtigkeit und Sicherheit ganz oben auf der Agenda. Doch die einseitige Forderung nach mehr Sicherheit und Gerechtigkeit kann das kostbare Gut der Freiheit gefährden. Und eine liberale Gesinnung, die christlich motiviert sein kann, sollte nicht einfach als Neoliberalismus verunglimpft werden.

Zu den Impulsen der Reformation gehört ein Verständnis von Freiheit und Verantwortung, das sich vom Neoliberalismus durchaus abhebt, weil die Reformatoren von einer Freiheit gesprochen haben, die sich nur in der Gemeinschaft mit Gott und den Menschen verwirklichen lässt. Die reformatorische Botschaft der Freiheit ist freilich auch von nationalistischen Freiheitsparolen scharf zu unterscheiden. Der Gott, der in Jesus Christus Mensch geworden ist, ist kein Nationalgott und seine Gemeinschaft keine auf Ausgrenzung bedachte Volksgemeinschaft. Die nationalistische Vereinnahmung der Freiheitspredigt Luthers in der deutschen Geschichte wie auch in deutschnationalen Kreisen Österreichs gehört vielmehr zu den historischen Verirrungen des Protestantismus.

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Anmerkung

1 Teile dieses Beitrags wurden beim Festakt „500 Jahre Reformation“ der Evangelischen Kirche A.B. im Burgenland am 28.10.2017 in Eisenstadt vorgetragen. Zum Ganzen siehe auch Ulrich H. J. Körtner, Das Evangelium der Freiheit. Potentiale der Reformation, Wien 2017.

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