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Materialdienst 2/2018
Mechthild Klein

Buddhisten und das Thema "Machtmissbrauch"

Eine Podiumsdiskussion in Hamburg

Zum Thema „Machtmissbrauch im Buddhismus“ fand am 19. November 2017 in Hamburg im Kulturzentrum der „Soka Gakkai International Deutschland“ eine Podiumsdiskussion statt. Eingeladen hatte zu der öffentlichen Veranstaltung eine Initiative namens „Buddha Talk“ in Kooperation mit der Buddhistischen Religionsgemeinschaft Hamburg und Instituten der Universität Hamburg, darunter die Akademie der Weltreligionen und das Numata Zentrum für Buddhismuskunde. Der Veranstalter „Buddha Talk“ versteht sich als eine traditionsübergreifende Initiative von Buddhisten, die zu öffentlichen Vorträgen einladen. Podiumsgäste waren Steffen Döll (Numata Zentrum für Buddhismuskunde, Universität Hamburg), Ursula Richard („Buddhismus Aktuell“), Gabriele Maass (Rigpa Deutschland), Wolfgang Krohn (Buddhistische Gesellschaft Hamburg), Corinne Frottier (Zen-Gemeinschaft „GenjoAn“, Hamburg), Carola Roloff (Akademie der Weltreligionen, Universität Hamburg), Verena Förderer (Daishin Zen) und Felix Baritsch (Deutsche Buddhistische Union). Moderiert wurde die Veranstaltung von Jinavaro R. Hopf (Buddha-Talk).


Erstmals haben deutsche Buddhisten über Machtmissbrauch in ihren Gruppen diskutiert. Es war ein erster, mutiger Versuch, sich dem Thema vor Publikum in einer öffentlichen Veranstaltung zu stellen. Auf dem Podium in Hamburg saßen acht Teilnehmerinnen und Teilnehmer: eine Wissenschaftlerin und ein Wissenschaftler sowie Vertreter und Vertreterinnen aller buddhistischen Schulen vom Theravada, der ältesten Richtung, bis zum Tibetischen Buddhismus und dem Zen.

Vorfälle von Machtmissbrauch sind zuletzt häufiger publik geworden. Im August 2017 trat Sogyal Rinpoche als spiritueller Leiter von Rigpa zurück, einer weltweit agierenden tibetisch-buddhistischen Organisation. Sogyal Lakar, wie der Meister weltlich heißt, werfen Ex-Schüler jahrzehntelangen sexuellen und psychischen Machtmissbrauch vor.1 Und im Juli 2017 verurteilte ein Augsburger Gericht den Zen-Priester Genpo Döring zu einer fast achtjährigen Haftstrafe wegen vielfachen sexuellen Kindesmissbrauchs. Pikanterweise war Döring bis zur U-Haft langjähriger Ehrenrat des Dachverbands der Deutschen Buddhistischen Union (DBU) und davor einige Jahre im Vorstand. Die DBU hat sich in einer Stellungnahme nach dem Gerichtsprozess geäußert.2 Auf dem Hamburger Podium berichteten im Laufe des Abends einige Teilnehmer von Fällen sexuellen Machtmissbrauchs aus der eigenen Tradition (s. u.).

Der ehemalige Theravada-Mönch Jinavaro Raimund Hopf (Waldklostertradition, jetzt Suttana Gemeinschaft Hamburg) stellte manch provozierende Frage. Doch für eine Diskussion blieb wenig Platz. Und wer von der Direktorin von Rigpa Deutschland, Gabriele Maass, klärende Worte erwartet hatte, wurde enttäuscht.

Machtfülle des Meisters

Zum Auftakt erläuterte der Japanologe Steffen Döll in einem Vortrag, wie sich im Chan und Zen das Verhältnis von Text-Autorität zur Lehr-Autorität verhält. Hier nur angerissen: Aufgrund der herausragenden Stellung der Zen-Meister in der Tradition – sie führen sich in direkter Übertragungslinie zurück bis auf den Buddha – stand die Lehr-Autorität immer über der Autorität der Texte. Jeder Zen-Schüler kennt wohl die Legende von Buddha und seinem Schüler Kashyapa. Der Buddha hob eine Blume hoch, und Kashyapa lächelte als Einziger in der Gruppe. Die Erzählung wird so gedeutet, dass die Lehre Buddhas ohne Worte übertragen wird (mind to mind). Nur der Erwachte hat dabei die Erkenntnis, ob die Buddhaschaft als solche weitergegeben wurde. Auf dieser Grundlage ist im Chan/Zen die Auffassung entstanden, dass Zen „nicht auf Schriftzeichen“ beruhe und „jenseits der Dogmatik“ weitergegeben werde. Döll umriss, wie im Chan/Zen eine Lehrer-Schüler-Beziehung wachsen konnte, die dem Lehrer eine große Machtfülle übereignete. Der Lehrer überwachte den geistlichen Fortschritt seines Schülers auf dem Weg zum Erwachen, bestrafte ihn und gab ihm Aufgaben, die er zu lösen hatte. Weil im Zen alle Erfahrung, Dogmatik und Beziehungsmuster infrage gestellt wurden, gab es zu allen Zeiten auch starke Ansätze im Zen, die die Nutzlosigkeit moralischer Gesetze betonten (antinomistischer Ansatz). Insofern sieht sich die Zen-Gemeinschaft immer wieder mit der Frage konfrontiert, ob ein erleuchteter Meister über der Moral stehe und wer ihm Einhalt gebieten könne.

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Anmerkungen

1 Dokumentation und Stellungnahmen auf der Website Buddhismus aktuell: https://buddhismus-aktuell.de/diskussionen/debatte-um-sogyal-rinpoche/dokument-12-stellungnahme-des-rates-der-dbu-zu-den-anschuldigungen-gegen-sogyal-rinpoche.html.
2 Dokumentation und Stellungnahmen: BA:https://buddhismus-aktuell.de/diskussionen/der-fall-genpo-d/zen-priester-8-jahre-haft-fuer-kindesmissbrauch.html.

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