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Materialdienst 7/2005
Bernhard Grom SJ

Anthroposophie und christlicher Glaube

Im folgenden Beitrag geht es um die Frage, wie sich das Menschen- und Weltbild der Anthroposophie Rudolf Steiners (1861-1925) zum christlichen Glauben verhält, so wie ihn die beiden großen Kirchen in unserem Land verstehen. Thema sind also nicht Steiners Reformideen und auch nicht die von der Anthroposophie inspirierte Christengemeinschaft; denn dies würde eine eigene umfangreiche Erörterung erfordern. Thema ist der „Erkenntnisweg“, den Steiner dem modernen Menschen zeigen möchte. Diesen Menschen will die Anthroposophie über das „gewöhnliche Bewusstsein“ hinausführen zu „übersinnlicher Erkenntnis“. Anthroposophische Meditationsschulung soll ihn befähigen, mehr zu erfahren, als eine bloß materialistische Naturerkenntnis, ein abstraktes Philosophieren und ein nur kirchlich-dogmatischer Glaube ermöglichen – nämlich letztlich das Einswerden mit dem All-Einen.

Dabei geht Steiner von einem Erkenntnisoptimismus aus, den er in seiner noch überwiegend philosophischen Frühphase grundgelegt und einmal als „Gedanken-Monismus“ (GA 4, 266) bezeichnet hat.1 Ihm zufolge gewinnt der Mensch Begriffe wie Dreieck, Pferd oder Rose nicht durch das Abstrahieren von sinnlich Wahrgenommenem; vielmehr würden die Begriffe von der Menschenseele „selbstschöpferisch“ erzeugt und von der sinnlichen Beobachtung lediglich herausgefordert. Wenn wir beispielsweise den Zusammenprall von zwei Billardkugeln verstehen, komme der Wahrnehmungsinhalt zwar von außen – der Gedankeninhalt mit den Begriffen Bewegung, Geschwindigkeit usw. erscheine jedoch „im Innern“ als „Intuition“ (GA 4, 95). Diese Intuitionen – meint Steiner – schöpfe der Mensch aus der „Ideenwelt“, die er auch den „Weltprozess“, den „Kosmos“ und das „all-eine Wesen“ nennt. Weil wir alle die gleichen Begriffe verwenden, sei unser Denken überindividuell, ja das menschliche Denken sei ein Teil des All-Einen. Einen qualitativen Unterschied zwischen menschlichem und göttlichem Denken und damit auch den Schöpfungsglauben lehnt er als dualistisch ab.
 
Dies ist für ihn spirituell bedeutsam. Denn die geistige Wirklichkeit soll – so sein Anliegen – nicht abstrakt erschlossen, sondern erlebt werden. Erlebbar sei sie aber nur in unserem Denken, sofern man es monistisch als Teil der all-einen Ideenwelt auffasse. Wir finden, meint er, den Grund der Welt nicht in jenseitigen Prinzipien, sondern nur im eigenen Denken: „So wie der Monismus zur Erklärung des Lebewesens keinen übernatürlichen Schöpfungsgedanken brauchen kann, so ist es ihm auch unmöglich, die sittliche Weltordnung von Ursachen abzuleiten, die nicht innerhalb der erlebbaren Welt liegen“ (GA 4, 199). Spirituell und ethisch ergibt sich daraus, dass wir die Einheit mit dem All-Einen erleben und auf jene „moralischen Intuitionen“ achten sollen, die uns befähigen, das Gute von innen heraus frei und nicht bloß aufgrund einer Autoritäts- und Pflichtenmoral zu tun – in einem „ethischen Individualismus“.

Emanations-Pantheismus

In seiner Hauptphase (ab 1900) lehrt Steiner eine Spiritualität des Einswerdens mit dem All-Einen, die vom geistig Strebenden, dem „Geistesschüler“, eine Meditation verlangt, zu der er sich täglich fünf bis 15 Minuten zurückziehen soll. Diesen Weg verbindet er zunehmend mit esoterisch-okkulten Vorstellungen, mit denen er sich als langjähriger Generalsekretär des deutschen Zweiges der Theosophischen Gesellschaft (1902-1912/13) befasste.

Auf einer ersten Stufe, der Imagination, soll sich der Übende in Sinnbilder des Geistigen, in Wahrspruchworte (Mantren) oder in die allgemeine Idee der Herzensgüte versenken. Auf einer zweiten Stufe, der Inspiration, soll er lernen, seelisch-geistige Tätigkeit aus tiefstem Schweigen aufsteigen zu lassen als „lebendige Einsprechung“, Inspiration und „Offenbarung“ aus dem eigenen bzw. all-einen Wollen und Denken – so wie der österreichische Neuoffenbarer Jakob Lorber auf das „innere Wort“ hörte. Nach Steiner erfährt man darin das „Erfülltsein von Wesen“, d.h. von übermenschlichen Wesenheiten, die uns Anweisungen geben, damit wir „von der höheren Welt aus“ als Helfer der Menschheit wirken – entsprechend den „moralischen Intuitionen“, von denen er früher sprach. Statt vom „all-einen Denken“ geht Steiner jetzt in theosophischer Tradition von einer Vielzahl von höheren Wesen aus. Die höchste Stufe erreicht der Meditationsweg, wenn der Übende auf der dritten Stufe, der Intuition, eins werde mit den höchsten welterschaffenden Wesenheiten der All-Liebe. Eins geworden mit ihnen könne er nun als „Mitschöpfer“ die Verwandlung der Pflanzenwelt mitwollen und auch dem Tierreich, das noch im grausamen Kampf ums Dasein befangen ist, Impulse der Erlösung zusenden.

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Anmerkung

1 Steiners Werke bzw. Vorträge werden nach der sog. Bibliographie-Nummer der in Dornach (Schweiz) erschienenen Gesamtausgabe (GA) zitiert. Zur Jahreszahl der verwendeten Ausgaben siehe B. Grom, Anthroposophie und Christentum, München 1989, 183-185.

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