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Materialdienst 8/2005
Johannes Kandel

Herausforderung Islamismus

Der Islam ist mit rund 1,2 Milliarden Anhängern die zweitgrößte und weltweit am schnellsten wachsende Weltreligion. Die meisten Muslime leben in Indonesien (196 Millionen), nicht in der arabischen Welt, dem Ursprung des Islam. „Der Islam“ muss stets in seinen politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Kontexten betrachtet werden. Islam ist von „Islamismus“ zu unterscheiden, obwohl es keinen Islamismus ohne Islam geben kann. „Islamismus“ ist eine differenzierte transnationale, nationale und regionale Erscheinung. Dennoch gibt es ideologisch-politische Gemeinsamkeiten, die in den nachstehenden Thesen zugespitzt dargestellt werden.


Thesen

1. Islamismus (arabisch: „al-Islamiyya“) ist eine politische Protest- und Oppositionsbewegung und eine politische Ideologie mit totalitären Tendenzen im zeitgenössischen Islam. Islamismus politisiert Religion und Kultur. Der frühe Islam des 7. Jahrhunderts (zur Zeit Mohammeds und der ersten vier „rechtgeleiteten“ Kalifen), insbesondere die sogenannte „Verfassung von Medina“, ist für Islamisten das als „goldene Ära“ verklärte Idealmodell eines islamischen Staates und islamischer Lebensweise. Die zu jener Zeit vollzogene „siegreiche“ Verbindung von Religion und politischer Führung soll auch für die Gegenwart gelten und weltweit eine neue „islamische Identität“ schaffen. Islamismus erhebt einen universalen Herrschaftsanspruch. Mohammed wird der Ausspruch „Der Islam herrscht, er wird nicht beherrscht“ zugeschrieben. Erst wenn die ganze Welt zum „dar-al-islam“, das heißt zum „Haus des Islam“, gehört, werden Kriege und Konflikte aufhören. Islamismus ist insofern eine rückwärts gewandte Utopie.

2. Islamismus ist „Integrismus“. Er erstrebt eine „Reform“ des Islam, die alle Lebensbereiche (Staat, Gesellschaft, Wirtschaft, Kultur, Alltagswelt) einschließt. Eine Trennung von Staat und Religion wird abgelehnt. Es gilt die Formel: Islam ist Religion und politische Macht: „al-Islam din wa daula.“ Islamisten sind der Überzeugung, dass Muslime ihren religiösen Pflichten nur in einem „islamischen Staat“ nachkommen können. Wo sie in der Minderheit sind, sollten sie sich für die Islamisierung des nicht-muslimischen Staates einsetzen. Islamisten lehnen universale Menschenrechte und die pluralistische Demokratie als Produkte „westlichen“ Denkens ab. Nur Gott, nicht das Volk, soll der Souverän im Staat sein und insofern ist der Legitimationsanspruch der Demokratie („Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus“, Art. 20, Absatz 2 GG) Blasphemie. Der Staat ist das Instrument zur Umsetzung des Willens Gottes. Islamisten bejahen aber politisch-pragmatisch formaldemokratische Verfahren, z.B. im Sinne des „Schura“-Prinzips (Beratung, Suren 3,159 und 42,38), unter der Voraussetzung, dass das göttliche Gesetz (in islamistischer Auslegung) oberste Priorität behält.

3. Islamismus ist religiöser Fundamentalismus. Er versteht sich als die Anti-These zu geistigen und politischen Prinzipien der Moderne. Islamismus verwirft Aufklärung, Säkularisierung, Säkularität (als das Religionsfrieden verbürgende Rechtsprinzip der Trennung von Staat und Religion), Säkularismus (als anti-religiöse Ideologie) und die „westliche“ Kultur. Islamismus folgt einem literalistischen Verständnis des Koran (das unerschaffene, unveränderbare, zeitlos geltende Wort Gottes) und wendet sich gegen Ansätze historisch-kritischer Hermeneutik. Islamismus ist einem einfachen „Schwarz-Weiß“-Denken verhaftet und erhebt einen religiösen Absolutheitsanspruch: Hier die „wahre Religion“ und „beste Gemeinschaft“ (Sure 3, 110) in Gestalt des „Haus des Islam“ („dar-al-islam“), dort die dekadente, korrupte, materialistische und imperialistische Welt der „Ungläubigen“ im „Westen“ (das „Haus des Krieges“ = „dar-al-harb“). Von dieser Welt müssen sich die „wahren Gläubigen“ abwenden und sie bekämpfen. Extremistische Islamisten, d.h. die „djihadistischen“, terroristischen Gruppen, dramatisieren den Konflikt mit „dem Westen“ als heilsgeschichtlichen Endkampf und kosmologischen Krieg zwischen dem „Guten“ und dem „Bösen“. Islamisten sind gleichwohl keine puren „Anti-Modernisten“, sowohl im Blick auf die Zusammensetzung ihrer Eliten (auffallend viele Intellektuelle) als auch hinsichtlich der Bejahung und aktiven Nutzung wissenschaftlicher Errungenschaften des „Westens“, insbesondere auf den Gebieten von Medizin, Informations- und Kommunikationstechnologien und Wirtschaftswissenschaften („Modernistischer Antimodernismus“, „halbierte Moderne“).

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