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Materialdienst 8/2005
Matthias Pöhlmann

Neuer Gott, neue Offenbarungen, neue Spiritualität

Neale Donald Walsch und sein "Humanity´s Team"

Auch wenn der Begriff des New Age deutlich an Popularität verloren und im Kontext neuer Religiosität weitgehend verschwunden ist – die optimistische Zukunftsschau hat in der gegenwärtigen Esoterik-Szene keineswegs an Attraktivität verloren. Die spirituell motivierte Erlösungshoffnung gewinnt wieder an Aktualität. Neuerdings zeichnen sich Versuche ab, durch spirituelles und gesellschaftliches Engagement aktiv an der Herbeiführung einer besseren Welt mitzuwirken.

Esoterische Zukunftshoffnung

In aktuellen esoterischen Buchpublikationen lässt sich insbesondere ein Grundmotiv entdecken, das in immer neuen Farben gezeichnet wird. Es handelt sich um die Vision einer spirituellen Vereinheitlichung der Menschheit auf der Grundlage eines esoterischen Überwissens, das insbesondere durch „neue Offenbarungen“ über sog. Channeling vermittelt wird. Kennzeichnend für diese Botschaften ist insbesondere ein spirituell-evolutionistischer Grundzug. Im Jahre 2002 erschien in deutscher Übersetzung ein Buch mit dem symptomatischen Titel „Gott und die Evolution des Universums. Der nächste Entwicklungsschritt für die Menschheit“. Einer der Mitautoren ist der US-Amerikaner James Redfield, der vor einigen Jahren mit dem Buch „Die Prophezeiungen von Celestine“ von sich reden machte. In seiner neuesten Publikation werden noch einmal zentrale Aspekte einer religionsübergreifenden Perspektive unterstrichen: „Im Grunde wollen alle Religionen uns zu dem Höheren in uns hinwenden, zu dem größeren Leben, das sich auf der Erde durchsetzen möchte. Und das Wissen darum breitet sich im ‚globalen Dorf’ langsam aus. Mehr und mehr Menschen erkennen die Entwicklungsmöglichkeiten, von denen wir sprechen, und werden von ihrer Religionsgemeinschaft verlangen, dass sie immer mehr Wert auf unmittelbare Erfahrung legt und sich weniger um Dogmen oder die Abgrenzung von anderen Religionen kümmert.“1

Teilweise zeichnen sich in verschiedenen esoterischen Beiträgen zunehmend Tendenzen ab, die sich dezidiert gegen die großen Religionen wenden und sie unter Generalverdacht stellen. An die Stelle der traditionellen Religion soll eine ausschließlich erfahrungsbezogene neue und freie Spiritualität treten. Einer der maßgeblichen Vertreter dieser Richtung ist der US-amerikanische Bestseller-Autor Neale Donald Walsch, der inzwischen über ein Dutzend angeblich medial – über sog. automatisches Schreiben – empfangene Kundgaben von Gott niedergeschrieben hat.2 Zeitweilig arbeitete Walsch als Reporter und Programmdirektor eines Radiosenders und war auch Inhaber einer Werbeagentur.3 1979 kam er mit der Sterbeforscherin Elisabeth Kübler-Ross in Kontakt und war nach eigenen Angaben in ihrem Mitarbeiterstab tätig. Von ihr will er wichtige Impulse erhalten haben. Er betrachtet sie als seine Lehrerin. Rückblickend beschreibt sich Walsch als religiösen Sucher: „Ich wollte mehr von diesem Gott und beschloss darauf, wieder zur Kirche zu gehen. Vielleicht suchte ich auf die falsche Weise an den falschen Orten. Ich ging zu den Lutheranern, dann zu den Methodisten. Ich versuchte es mit den Baptisten und den Kongregationalisten. Aber ich war wieder in die auf Angst gegründete Theologie hineingeraten. Ich lief davon. Ich erforschte den Judaismus. Den Buddhismus. Jeden ‚ismus’, den ich ausfindig machen konnte.“4 Inmitten einer beruflichen und persönlichen Krise kam es zum Phänomen des „automatischen Schreibens“. Nach Walsch soll es sich über sechs Jahre hinweg ereignet haben. Dabei entstand die Trilogie „Gespräche mit Gott“, mit der Walsch in der Esoterik-Szene bekannt wurde. Angeblich sind die im weitesten Sinne durch Channeling empfangenen Texte nicht nur persönliche Mitteilungen Gottes an den „Übermittler“ Walsch. Die unmittelbar von Gott inspirierten Botschaften hätten Bedeutung für alle Menschen und seien wichtig für deren „persönliche Erfahrung“. Sie seien eine Art neue Offenbarung, die sich „selten so direkt wie hier“ in den Büchern Walschs ereigne.5 Die Titel seiner jüngsten Bücher, ebenfalls wieder überwiegend als Zwiegespräche mit Gott abgefasst, geben ihren Anspruch denn auch deutlich zu erkennen: „Neue Offenbarungen“ (2003) sowie „Gott Heute. Gespräche mit Gott über die Spiritualität der Zukunft“(2004).

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Anmerkungen

1 James Redfield / Michael Murphy / Sylvia Timbers, Gott und die Evolution des Universums. Der nächste Entwicklungsschritt für die Menschheit, München 2002, 220.
2 S. hierzu meinen Beitrag Kommunikation mit dem Göttlichen? Zum Phänomen „Channeling“, in: MD 10/2000, 339-354.
3 Neale Donald Walsch, Freundschaft mit Gott. Ein ungewöhnlicher Dialog, München 2000, 14.
4 Ebd., 296.
5 Walsch, Gemeinschaft mit Gott, München 2002, 19.

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