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Materialdienst 10/2005
Georg Schmid

Buddhismus - Von der Idealreligion zur paradoxen Normalität

1. Wunschbilder als Perspektiven?

1.1. Der Buddhismus als ideale Religion

Der Buddhismus gilt in der westlichen Welt weithin als Idealreligion. Nie habe er Gewalt angewendet. Nie seien in seinem Namen Kriege geführt worden. Nie habe er mit Gewalt missioniert oder sich in gewaltsame Konfessionskriege verwickelt. Dieses ideale Buddhismusbild wurzelt einerseits im alten westlichen Traum von der perfekten harmonischen Spiritualität und der vollkommen friedlichen menschlichen Gemeinschaft, ein Traum, immer wieder neu genährt durch leidvolle Erfahrungen mit der eigenen seelenlosen und konfliktreichen westlichen Welt. Andererseits zeugen alle Überlieferungen aus dem Leben des historischen Buddha von einer den ganzen Menschen verwandelnden Kraft der buddhistischen Erleuchtungserfahrung. Der Buddha war nach seiner Erleuchtung ein von innen heraus transformierter Mensch. Gelassenheit war seine neue Natur. Keine Beleidigung und kein Lob konnte ihn noch verunsichern oder auch nur berühren. Es war, wie wenn das alte Ich sich in der Erleuchtungserfahrung aufgelöst hätte, wie wenn an die Stelle des Ichs ein einziges Ruhen im Unbeschreiblichen getreten wäre. Dass diese neue Weise des Menschseins den Buddha zum Modell eines friedlichen Menschen werden ließ, verwundert niemanden, der sich mit den ältesten Überlieferungen über den Buddha im sog. Palikanon beschäftigt. Schon im Blick auf diesen vollkommen friedlichen Buddha der frühesten Zeugnisse gelten allerdings bereits zwei Vorbehalte:

1. In seiner Gelassenheit hat sich der Buddha, wo immer möglich, in Konflikte seiner Umgebung gar nicht erst eingemischt. Wenn Gier, Hass und Verblendung die Menschen in immer schlimmere Aporien treiben, und wenn das Beispiel des Buddha sie nicht zum Umdenken anregen kann, dann lässt der Buddha Gier, Hass und Verblendung tun, was sie nicht lassen können. Er fällt dem, der das Schwert gegen einen Mitmenschen zückt, nicht in den Arm.

2. Wahrscheinlich ist das Bild des in perfekter Gelassenheit ruhenden, völlig ichfreien Buddha, das uns die Palischriften zeigen, trotz allem Anhalt in konkreten Begegnungen mit einer einzigartig eindrücklichen historischen Gestalt, nachträglich noch schematisiert und zum Idealbild ausgeweitet worden. An manchen Stellen lässt der Text uns noch ein wenig unter die Decke späterer Idealisierung blicken, so etwa im Gespräch des soeben Erleuchteten mit Upaka auf dem Weg vom Baum der Erleuchtung nach Sarnath. Upaka zeigt sich vom gewaltigen Anspruch des Buddha, der höchste Meiser zu sein, „voll erwacht, im Frieden ewiglich“1 sichtlich irritiert. Er verlässt kopfschüttelnd den perfekt erleuchteten Meister. Falls der historische Buddha sich nicht nur Erleuchtung, sondern vollkommene Erleuchtung zugesprochen hat – Erleuchtung ist eine Erfahrung, vollkommene Erleuchtung ist ein Konzept –, so zeigt diese Passage doch, wie realistisch schon in der ersten Begegnung des soeben Erleuchteten die unerleuchtete Umgebung auf diesen Anspruch reagiert. Buddha kann die Zweifel des Upaka nicht ausräumen. Der Zweifler hat in dieser Szene das letzte Wort. 

1.2. Das Dekadenzmodell

Noch größere Vorbehalte gelten gegenüber dem nur allzu beliebten Dekadenzmodell. Der Anfang des Buddhismus, so lautet hier die These, war umhüllt von uneingeschränkter, vollkommener Menschlichkeit. Friedensliebe glänzt über den ersten Jahren des Buddhismus wie die Sonne über den schneebedeckten Bergen, reines Licht so weit das Auge reicht. Erst später zogen Wolken auf und verdüsterten das soeben noch sonnenüberflutete Gebirge. Diese Schatten, die sich jetzt hie und da über der buddhistischen Welt ausbreiteten, sind aber selbstverständlich Dekadenzerscheinungen. Die späte Verirrung darf nicht mit dem perfekten Anfang verwechselt werden. Im Gegenteil – es gilt, zu den reinen Idealen des Anfangs zurückzukehren und im Nu ist Buddhismus wieder reine Friedensliebe und Humanität.
 
Diese Rückkehr zu den perfekten Anfängen erweist sich in der Praxis aber weit schwerer als zumeist angenommen. Denn zum einen lässt sich reine Humanität nicht durch irgendwelche Maximen erzwingen. Die Erleuchtungserfahrung machte den Buddha zum Modell eines friedlichen Menschen. Wo die Erleuchtung ausbleibt, tragen Maximen und moralische Appelle nicht weit. Sie führen im besten Fall in eine ausgedachte und angelernte Friedensliebe, in ein nach außen hin sanftes Menschsein, das sich um allseits friedliches Verhalten und Freundlichkeit bemüht. Aber dieses Bemühen greift nicht unter die Oberfläche der menschlichen Person. Sie führt nur zutiefst immer noch friedlose, spannungsgeladene Menschen in ein äußerlich angepasstes und friedliches Verhalten. Auch der Buddha rechnete nicht nach Zeiten der Dekadenz mit einfacher Rückkehr zu den reinen Anfängen. Er war überzeugt, dass sich seine Lehre schon nach Jahrhunderten erschöpft und dass ein anderer
Buddha den Spätgeborenen auf seine Weise wieder neu den Erleuchtungsweg zeigen muss.
 
Zudem ist kaum zu verkennen, dass der Buddhismus als Gruppenerfahrung nie eine nur friedliche Gemeinschaft war. Perfekter Friede in der frühbuddhistischen Mönchsgemeinschaft ist – wie das Beispiel des Devadatta, des eifersüchtigen Vetters des Buddha, zur Genüge zeigt – eine gutgemeinte Fiktion. Wie kann ich aber zu einem Ideal zurückkehren, das es nie gab? Ich kann, wenn ich mich um von innen heraus friedlichen Buddhismus bemühe, nur nach dem Erleuchtungsweg des Buddha fragen und meinen eigenen Erleuchtungsweg suchen. Auf diesem Weg allein ist verwandeltes, überzeugend friedliches Menschsein vorstellbar. Reine Appelle an Moral und buddhistische Maximen sind Flickwerk und führen nie zum überzeugend friedlichen Menschen.

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Anmerkung

1 Majjhima-Nikaya, 26, K. Schmidt, Buddhas Reden, Berlin 1978, 90.

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