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Materialdienst 10/2005
Michael Utsch

Fragwürdige Großgruppentrainings

Durch die „Human Potential“-Bewegung der 1970er Jahre kamen Selbsterfahrungsgruppen in Mode. In „Sensitivity“- und „Encounter“-Gruppen sollten Menschen durch massive Konfrontationen vor der Gruppe aus ihren gewohnten Denk- und Verhaltensmustern gerissen werden und schneller und nachhaltiger Veränderung erfahren. Obwohl die aus Amerika stammenden Großgruppentrainings („Large Group Awareness Trainings“) vielfach Kritik erfuhren, kommen ihre Prinzipien bis heute in kommerziellen Angeboten zum Einsatz – auch in Deutschland.1 Während früher die Selbsterfahrung im Mittelpunkt stand, sind heute entsprechende Seminare eher im Rahmen von Führungstrainings verbreitet. Hier wird das Erlernen bestimmter Techniken versprochen, die dazu befähigen sollen, eigene Ziele durchzusetzen und Glück, Erfolg und Reichtum zu erwerben.

Derartige Seminare entfalten ihre Wirksamkeit durch eine Mischung aus Gruppendynamik und gängigen Parolen des Positiven Denkens. Viele wissen nicht, dass ein soziales System durch die Anwendung weniger Methoden beeinflusst werden kann und der oder die Einzelne unter einen hohen Konformitätsdruck geraten kann.2 Auf dem florierenden Coaching-Markt werden darüber hinaus zahlreiche Versprechen des Positiven Denkens verbreitet, die sich in ihrer Umsetzung als problematisch erweisen können. Unter den Angeboten sind immer häufiger solche zu finden, die weitreichende Erwartungen wecken. Diverse Broschüren und Internetseiten werben etwa mit folgenden Formulierungen:

• „Sie erreichen Ihre Ergebnisse in 3 – 5 Sitzungen.“ – „Coaching hilft Ihnen dabei, Spitzenleistung zu entfalten.“
• „Unser Anspruch ist, Sie erfolgreich zu machen.“
• „Wir begleiten Sie bis zum Erfolg.“
• „Als Coach helfe ich Ihnen, Ihre Wunschziele zu erreichen.“
• „Was Sie im Coaching erreichen, hängt alleine von Ihrer Disziplin ab.“
• „Ab heute erfolgreich.“

Christopher Rauen, ein kritischer Beobachter der Szene, stellt sich angesichts solcher Aussagen die Frage, welches „Menschenbild derartige Coaching-Anbieter eigentlich vertreten, wenn Erfolg in nahezu beliebiger Größenordnung in Aussicht gestellt wird“.3 Er stellt fest, dass „nicht nur manche Coachs Wunschvorstellungen propagieren, sondern dass diese auch von einigen Klienten erhofft werden, bzw. entsprechende Wünsche an Coachs herangetragen werden“.

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Anmerkungen

1 M. Singer, J. Lalich, Sekten, Heidelberg 1997, 71ff; M. Lell, Das Forum, München 1997; B. Schwertfeger, Der Griff nach der Psyche, Frankfurt a.M. 1998, 79ff; F. Nordhausen, L. v. Billerbeck, Psycho-Sekten, Frankfurt a.M. 1999, 307ff; H. Hemminger, Persönlichkeitsentwicklung und Managertraining, in: Panorama der neuen Religiosität, hg. von R. Hempelmann u.a., Gütersloh 22005, 146 – 154; H. Gasper, F. Valentin, Landmark Education. Lexikon neureligiöser Gruppen, Szenen und Weltanschauungen, Freiburg 2005, 733-736.
2 H. Hemminger, Psychotechniken. Lexikon neureligiöser Gruppen, Szenen und Weltanschauungen, Freiburg 2005, 1029-1031; ausführlicher: H. Hemminger, Religionspsychologie, Freiburg 2003, Kap. 6.
3 Coachin-Newsletter vom 26.4.2005, der an knapp 30.000 Bezieher versendet wurde (
www.coaching-newsletter.de).

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