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Materialdienst 7/2007
Gesellschaft

Atheisten gegen Kreationisten - ein neuer Kulturkampf?

(Letzter Bericht: 5/2007, 163ff) Erstaunlich: Fast zwei Drittel der US-Bürger können nicht einmal die Hälfte der Zehn Gebote nennen, kaum 50 Prozent auch nur einen der vier Evangelisten.1 Einerseits legen viele Amerikaner bestimmte Bibelverse wortwörtlich aus, andererseits bestehen dort offenbar fundamentale religiöse Bildungslücken. In den USA versucht fast ein Dutzend Museen zu beweisen, dass die Evolutionstheorie lücken- und fehlerhaft ist und Gott die Welt vor 6000 Jahren geschaffen habe. Ende Mai öffnete das weltweit größte „Creation Museum“ im Bundesstaat Kentucky seine Türen, wo auf 5000 Quadratmetern Details der biblischen Schöpfungserzählung nachgestellt wurden – wie etwa Adam und Eva zusammen mit den Dinosauriern.

In den USA ist die Skepsis gegenüber der Evolutionstheorie weit verbreitet. Nach einer Untersuchung des Wochenmagazins „Newsweek“ akzeptiert die Hälfte der Bevölkerung die Evolutionstheorie nicht. Doch auch für Deutschland gibt es erstaunliche Befunde: Einer Umfrage der Gesellschaft für Konsumforschung zufolge halten nur 46 Prozent der Deutschen die Evolutionstheorie für richtig. Und das Institut Infratest fand heraus, dass fast ein Drittel der Bevölkerung nicht glaubt, dass Menschen und Affen gemeinsame Vorfahren haben.

Auseinandersetzungen zwischen Anhängern des Kreationismus und der Evolutionstheorie gehören zum amerikanischen Alltag, haben aber an Schärfe zugenommen. Zwei neue Internetplattformen wollen dem Informationsportal Wikipedia Paroli bieten, indem sie ihre Darstellungen theologisch streng konservativ filtern und deuten. Neben www.conservapedia.com stellt das Portal www.creationwiki.org den Versuch dar, durch wissenschaftlich anmutende Einträge eine „Schöpfungswissenschaft“ zu begründen und auszubauen.

Gegenwärtig haben die Polemik und gegenseitige Missionierungsversuche von fundamentalistischen Naturwissenschaftlern und Christen Konjunktur. Amerikanische Wissenschaftler haben der Religion den Kampf angesagt. Der amerikanische Philosoph Daniel Dennett will mit seinem neuen Buch den „Bann“ einer gläubigen, transzendenten Weltdeutung brechen und Religion als reines Naturprodukt entlarven.2 Seit über einem halben Jahr steht das atheistische Manifest „Der Gotteswahn“ des renommierten britischen Evolutionsbiologen Richard Dawkins auf den US-amerikanischen und britischen Bestsellerlisten. Die deutsche Übersetzung erscheint im September. In seinem neuen Buch bläst der Erfolgsautor zum Generalangriff auf den religiösen Glauben. Wer im wissenschaftlichen Zeitalter noch an Gott glaube, leide an einer Art psychotischem Wahn. Religion sei nichts weiter als ein „Virus des Geistes“, gegen den es allerdings eine wirksame Medizin gebe: Wissenschaft und Aufklärung. Befürwortern dieser Sichtweise wird es gefallen, dass der Wissenschaftsverlag Springer ab März 2008 die neue Zeitschrift „Outreach and Education in Evolution“ herausgeben will, die Lehrern helfen soll, die Evolutionslehre im Unterricht zu vermitteln und „Kreationismus zu enttarnen“.

Die zahlreichen ungeklärten Fragen hinsichtlich der Herkunft des Menschen legen verständlicherweise weltanschauliche Deutungen nahe, seien sie nun naturalistisch oder religiös-fundamentalistisch geprägt. Mitte Juni fand an der Universität Trier die Tagung „Evolution und Kreationismus in Wissenschaften“ statt, die u.a. von der Giordano-Bruno Stiftung, dem Bund der Konfessionslosen und der Rosa-Luxemburg-Stiftung veranstaltet wurde. Ihr Ziel war zu untersuchen, inwieweit die Evolutionstheorie-Gegner bereits Einfluss auf das öffentliche Schulwesen genommen haben und mit welchen Strategien sie ihre Ideologie zu verbreiten suchen.3 Um Evolutionstheorie und Bibel geht es auch bei einer Tagung, zu der die Evangelische Akademie Sachsen-Anhalt in die Lutherstadt Wittenberg einlädt (5.-7. Oktober). Unter Beteiligung von EZW-Referenten soll neben der Evolutionstheorie auch der Stellenwert von Religion und Theologie in einer naturwissenschaftlich geprägten Welt ausgelotet werden.4

In seiner Titelgeschichte konstatierte kürzlich ein großes deutsches Wochenmagazin, dass der Kulturkampf zwischen Atheisten und Kreationisten in Europa angekommen sei. Die neue Bewegung nennt sich „Brights“ (für hell, leuchtend, aufgeklärt) und ist einem naturalistischen Weltbild verpflichtet. Die zehn Gebote der „Neuen Atheisten“ sind als ein Frontalangriff gegen den christlichen Glauben zu verstehen und verdeutlichen die Lehre des evolutionären Humanismus: Du sollst nicht glauben. Du sollst keine Götter neben dir haben. Du sollst keinen Schöpfer haben. Du sollst keine anderen Götter neben der Wissenschaft haben usw. Aus den Erkenntnissen der Naturwissenschaften – von der Evolutionstheorie bis zur Hirnforschung – kann nach Überzeugung der Brights ein neues Weltbild erwachsen, das zu einer humaneren Ethik als der traditioneller Religionen führe. Aus Sicht der Brights sind die biblischen Zehn Gebote nicht mehr zeitgemäß, die neue Ethik müsse den Geist der Wissenschaft atmen.

Interessant ist allerdings, dass zu den heftigsten Kritikern der missionarisch aktiven Atheisten renommierte Naturwissenschaftler gehören, für die „Gott“ kein Angriff auf ihr Weltbild darstellt. Mit Recht wird Dawkins Kampagne pseudoreligiöse Wissenschaftsgläubigkeit und mangelnde theologische und religionswissenschaftliche Sachkenntnis vorgeworfen. Was der postsäkularen Gesellschaft fehlt, ist die sachgerechte Zusammenarbeit von gläubiger und vernünftiger Erkenntnis.

1 Nach S. R. Prothero, Religious Literacy, San Francisco 2007.
2 D. C. Dennett, Breaking the Spell. Religion as a Natural Phenomenon, New York 2006.
3 www.evolutionversuskreationismus.de.
4 Nähere Informationen:
www.ezw-berlin.de (unter „Veranstaltungen“). Buchhinweise zum Thema sind unter www.ekd.de/ezw/images/ezw_utsch_literaturliste_kreationismus_5_2007.pdf zu finden.

Michael Utsch

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