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Materialdienst 7/2007
Werner Thiede

Die Bibel in selbstgerechter Sprache

Protestantische Kritik einer Übersetzung zwischen Ideologie und Spiritualität

Hermeneutische Vorüberlegungen

Die Bibel ist für viele Menschen maßgeblicher Zugang zum Glauben an Jesus Christus. Sie ist aber als Heilige Schrift vor allem auch ein zentrales Element im Vollzug des Gottesdienstes: Die Liturgie ist gesättigt von biblischen Zitaten, Lesungen oder Anspielungen; die Auslegung eines biblischen Textes steht meist im Zentrum. Nicht zuletzt in Gemeindegruppen, an Bibelabenden, auf christlichen Kalendern, in den beliebten Losungsbüchern und auf Evangelisationsveranstaltungen – immer wieder dreht sich fast alles um Texte aus der Heiligen Schrift. Für all die hier angesprochenen Vollzüge gilt: Sie haben mit direktem Kontakt zum Heiligen zu tun. Es geht um gelebte Spiritualität, die in der Regel ja nichts Freischwebendes und Geschichtsloses ist, sondern sich tradierter Frömmigkeit verdankt und mit entsprechenden Denkmustern und Inhalten auch vielfach auf geprägte und bewährte Sprachformen abhebt. Solch überkommene Sprachformen zu überdenken und zu überarbeiten, ist im Interesse der Zeitgemäßheit selbstverständlich erlaubt, ja ein Stück weit geboten, doch sollte sich entsprechendes Vorgehen neben dem Bemühen um wissenschaftliche Korrektheit gerade aus spirituellen Gründen im Rahmen angemessener Rücksichtnahme bewegen.

Aus diesen Gründen ist die jeweilige Verwendung einer bestimmten Bibelübersetzung eine keineswegs zweit- oder drittrangige Frage. Das wird allein schon daran deutlich, dass es ökumenisch bis heute nicht gelungen ist, eine allseits akzeptierte Übersetzung zu finden oder zu erarbeiten. In den jeweiligen Übersetzungen innerhalb der verschiedenen Konfessionskirchen drücken sich international1 und national sprachlich inhaltliche Deutungen und Festlegungen aus, wie sie der jeweiligen Kirche dogmatisch bzw. „ideologisch“ entsprechen. Kein Wunder, dass auch manche der sogenannten Sekten2 ihre je eigene Übersetzung haben – man denke etwa an die „Neue-Welt-Übersetzung“ der Zeugen Jehovas, die stringent und flächig deren Ideologie widerspiegelt. Eine Bibelübersetzung ist Ausdruck einer bestimmten Theologie3 oder Spiritualität und ebenso ihres Prägewillens. Über diesen hermeneutischen Sachverhalt muss man sich in jedem Fall im Klaren sein.

Hinzu kommt, dass eine Bibelübersetzung grundsätzlich von ganz unterschiedlicher Qualität sein kann – je nachdem, ob sie sich mit seriösem wissenschaftlichem Anspruch verbindet oder eher doktrinären Impetus hat, ob sie von Könnern gemacht ist oder von Sektierern, ja ob sie überhaupt „Übersetzung“ sein möchte oder nicht viel eher „Übertragung“ oder dergleichen. Und der jeweilige Anspruch sagt ja noch keineswegs etwas darüber aus, ob er auch im Urteil anderer als eingelöst gelten kann. Solches Urteilen wiederum ist seinerseits bedingt durch unterschiedliche theologische oder ideologische Standpunkte.

Von welch hoher Relevanz diese grundsätzlichen Überlegungen sind, wird deutlich, wenn man sich vergegenwärtigt, dass sich der Protestantismus auf das Prinzip „Allein die Schrift – sola scriptura“ gründet. Nach den Worten der Konkordienformel aus den Bekenntnisschriften der Evangelisch-Lutherischen Kirche „bleibt allein die Heilige Schrift der einig Richter, Regel und Richtschnur, nach welcher als dem einigen Probierstein sollen und müssen alle Lehren erkannt und beurteilt werden, ob sie gut oder bös, recht oder unrecht sein“4. Demnach muss die Bibel gerade auch Maßstab sein für jede Lehre, die mitverantwortlich für die Ausrichtung ihrer Übersetzung zeichnet. Welche Bibel aber soll das sein – und in welcher Übersetzung bitte? Hier scheint sich die Katze in den Schwanz zu beißen. Wo das protestantische Schrift-Prinzip ernst genommen und gewahrt werden soll, dort muss sich deshalb jede Übersetzung streng am hebräischen bzw. griechischen Urtext messen lassen. Die jeweilige Sprachgestalt sucht schließlich Anteil an der Heiligkeit und Autorität des biblischen Kanons (noch jenseits der Frage einer Verbalinspiration)5; verpflichtet ist sie also dem ursprünglichen Wortgehalt und geistigen Sinn, hingegen nur gänzlich sekundär dem eigenen theologischen Urteil oder dem Zeitgeist, sowenig dergleichen außen vor bleiben kann. Verpflichtet ist sie freilich auch der Sprache und dem Denken der jeweiligen Adressatenschaft in der Gegenwart, damit die biblische Botschaft hinreichend Chancen hat, gehört und verstanden zu werden. Aber diese selbstverständliche Bemühung des Übersetzens darf nicht auf Kosten des ursprünglichen Wort- und Sinngehaltes gehen. Wer hier ein Mehr an Vermittlung leisten will, sollte das nicht im Rahmen einer Übersetzung versuchen, sondern muss zu diesem Zweck den Möglichkeitsbereich von beigefügten Erklärungen, exegetischen Erläuterungen oder spirituellen Auslegungen wählen.

Wie ist nun die „Bibel in gerechter Sprache“ von diesen hermeneutischen Grundüberlegungen her zu beurteilen? Ich muss gestehen: Als ich zum ersten Mal jenen selbstgewählten Titel hörte, war ich – noch jenseits irgendwelcher inhaltlichen Kenntnisse – unangenehm berührt von der Attitüde der Selbstgerechtigkeit6, die aus der steilen Formulierung spricht. In der Einleitung wird zwar eingeräumt, man wolle andere Übersetzungen damit nicht schon als „ungerecht“ abstempeln. Aber der eigene Besitz von „Gerechtigkeit“ bzw. wirklich gerechten Kriterien wird jedenfalls ohne nähere Diskussion vorausgesetzt. Dass damit auch eine bestimmte schultheologische Ausrichtung exklusivistisch zum Zuge kommen werde, steht schon von der Titelwahl her zu erwarten.

Tatsächlich nennt die Einleitung drei maßgebliche Leitkriterien für die beteiligten Übersetzerinnen und Übersetzer: die feministische Theologie, die Befreiungstheologie und den jüdisch-christlichen Dialog.7

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Anmerkungen

1 Vgl. Freddy Dutz: Wo das Gefühl im Bauch sitzt. Von den Herausforderungen der Bibelübersetzungen, in: Mission EineWelt 18, 3/2007, 10f.
2 Zum Begriff vgl. Werner Thiede: Sektierertum – Unkraut unter dem Weizen? Neukirchen-Vluyn 1999, 17-54.
3 Das räumt auch Frank Crüsemann als Übersetzer der „Bibel in gerechter Sprache“ ein, in: Jenseits der Gemütlichkeit, in: zeitzeichen 5/2007, 39-41, hier 39.
4 BSLK 769, 22-26.
5 Vgl. dazu Ernst Koch: Die Lehre von der Heiligen Schrift in der lutherischen Orthodoxie, in: Lutherische Kirche in der Welt 51/2004, 31-41.
6 Besser solle die „Bibel in gerechter Sprache“ heißen „Bibel in selbstgerechter Sprache“, urteilte bereits am 11.11.2006 das gemäßigt konservative „Forum Lebendige Kirche“ in der hessen-nassauischen Kirche. Inzwischen titelt auch Jürgen Albert: „Ein Flop der Ewigen. Die Bibel in selbstgerechter Sprache“, in: CA 1/2007, 88-90.
7 Insofern ist das Projekt insgesamt durchaus als „Einheit“ zu betrachten, auch wenn das Crüsemann unter Hinweis auf die vielen beteiligten Übersetzer(-innen) bestreitet (a.a.O. 40).

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