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Materialdienst 7/2007
Folkmar Schiek

Das Apostelamt in den Katholisch-apostolischen Gemeinden und in der Neuapostolischen Kirche

Eine Auseinandersetzung

Ende 2006 veröffentlichte die Neuapostolische Kirche International (NAK) im Internet1 eine Untersuchung der „Arbeitsgemeinschaft Geschichte der NAK“ zum Thema „Das Verständnis von Heil und von der Heilsnotwendigkeit des Apostelamtes in der Lehre der Katholisch-apostolischen Kirche“. Das Ergebnis der Untersuchung wird wie folgt zusammengefasst: „Eine Untersuchung relevanter Lehraussagen der Katholisch-apostolischen Kirche zeigt deutlich, dass auch sie in ihrem Selbstverständnis Aposteln eine besondere Bedeutung bei der Bereitung einer Erstlingsschar beimaß und dass das Apostelamt in diesem Sinne heilsnotwendig ist.“

Die Untersuchung enthält zutreffende Aussagen über das Apostolat in den Katholisch-apostolischen Gemeinden (KAG), sie wird jedoch dem Selbstverständnis der katholisch-apostolischen Apostel innerhalb der Christenheit nicht gerecht. So sahen die KAG im Apostolat eine Einrichtung, von Gott gegeben, zur Erneuerung der christlichen Kirche durch Wiederaufnahme der Ordnungen der Alten Kirche. Dieser Auftrag wurde im „Zeugnis der Apostel an die geistlichen und weltlichen Häupter der Christenheit – Aufgestellt im Jahre 1836“2 niedergelegt. Ernst Adolf Roßteuscher3 schreibt in seinem Buch über die Entstehungsgeschichte der KAG: „Was hier geschah, war nichts Geringeres, als die Auferstehung der Urkirche aus dem Grabe, in dem sie durch menschliche Satzungen so lange verschüttet gelegen. Die edle Gestalt, deren Formen in den geschichtlichen Konfessionen nur noch zerteilt und verstreut sich fanden, erschien wieder in ihrer Ganzheit: hierarchische Ordnung mit geistlicher Lebendigkeit: christliche Freiheit, aber in gefestigter Einheit ... Der fernere Aufbau der Gemeinden vollzog sich auf Grund weiterer Weissagungen: „Der Geist verkündigte aber, daß sieben unterschiedene Gemeinden unter sieben Engeln (Bischöfen, vgl. Offb. 3) in London aufgebaut werden müßten ... So sollten sie dem Herrn einen Mittelpunkt und Stätte Seiner Offenbarungen an die Gesamtheit liefern, den Aposteln und Mitarbeitern zu einem Modell des überall gültigen göttlichen Bauplanes dienen und der Christenheit durch heilige Ordnung und katholische Fürbitte ein Schutz und Schirm wider den Feind und Verstörer sein ... Also zunächst eine vorläufige Ausführung des himmlischen Bauplanes im kleinen, ein Modell für die zukünftige Durchführung im großen ...“4

Zusammenfassende und aufschlussreiche Gedanken über den „Geist“ in diesen Gemeinden äußerte der lutherische Professor der Philologie und Theologie Heinrich W. J. Thiersch5: „Nach jahrelanger Prüfung, nach persönlicher Anschauung und allseitiger Bekanntschaft mit der Sache, darf ich und muß ich aussprechen, was mir zur Gewißheit geworden ist. Die Früchte des Werkes im umfassenden Sinn haben in mir eine Überzeugung von der Göttlichkeit des Ursprungs geweckt, für welche ich alles aufzuopfern bereit stehe. Diese Gaben, die sich in den apostolischen Gemeinden in England, Irland und anderwärts in Weissagen, Reden mit Zungen und wunderbaren Heilungen geäußert haben und noch äußern, bewähren sich wirklich als Gaben des Heiligen Geistes und als Beweise Seiner Gegenwart ... Und auch, was der menschlichen Erwartung und Vorstellung als das Befremdendste erscheint, die Wiederherstellung des apostolischen Amts, gewinnt im Licht und Zusammenhang des Ganzen betrachtet ihre Beglaubigung. Die Gemeinden sind wirklich das bestätigende Siegel dieses Amtes und der Erweis dessen, was die Güte Gottes an der ganzen christlichen Kirche zu tun bereit ist.“6

Als die Apostel realisieren mussten, dass ihr Apostolat von der Christenheit nicht angenommen werden würde, unternahmen sie keine eigenmächtigen Schritte, das Apostolat länger aufrechtzuerhalten, d. h. die durch Tod frei gewordenen Apostelstellen wieder neu zu besetzen. Sie nahmen in Kauf, dass Gott die von ihm angebotenen Ämter und Ordnungen wieder hinwegnehmen würde. An dieser Stelle entstanden Differenzen und Streitigkeiten, aus denen 1863 die „Allgemeine Apostolische Gemeinde zu Hamburg“7 unter Veranlassung des aufständischen Propheten Heinrich Geyer geboren wurde.

Das Verständnis des Apostolats in der Neuapostolischen Kirche (NAK)

Das Verständnis des Apostolats der NAK ist ein anderes als in den KAG. Einen Auftrag an die ganze Kirche mit allumfassenden Ordnungen finden wir nicht. Die Gründe hierfür liegen in der Entstehungsgeschichte. Als die Apostel der KAG nacheinander starben und die verbliebenen Apostel keine Hinweise von Gott empfingen, dass das mit ihnen begonnene Apostolat weitergeführt werden sollte, wurden durch den Propheten Heinrich Geyer8 1862/1863 „neue“ Apostel gerufen, die jedoch bei den Katholisch-apostolischen Gemeinden auf Ablehnung stießen und mit ihren Anhängern exkommuniziert wurden.9 Es entstand ein „neues“ deutsches Apostolat, welches mit dem Auftrag der Apostel der KAG nichts zu tun hatte.

Als Ergebnis der Spaltung 1863 existiert heute eine große so genannte „Apostolische Familie“, die jedoch mit dem ursprünglich ökumenischen Anliegen der KAG nichts gemeinsam hat. Das Apostolat wird in der NAK als dauerhafte Einrichtung bis zur „Wiederkunft Christi“ angesehen. Ein zentrales Thema der NAK, das sie von den anderen christlichen Kirchen unterscheidet und im Gespräch mit der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen (ACK) Probleme bereitet, ist genau dieses Verständnis des Apostelamtes und dessen (Heils-) Notwendigkeit für die christliche Kirche.

„Heil“ und „Heilsnotwendigkeit“

Eine Definition der Begriffe „Heil“ und „Heilsnotwendigkeit“ ist äußerst schwer. Die Gefahr, dass die Begriffe dazu gebraucht werden, der jeweiligen Konfession einen „Heils“vorteil gegenüber den anderen Konfessionen zu verschaffen, ist groß. Kirchliche Strukturen und Organisationen als „heilsnotwendig“ zu erklären, muss auf Ablehnung stoßen, da allein in Jesus Christus das Heil ist. Petrus und Johannes geben darüber Aufschluss, die vor dem Hohen Rat in Jerusalem mitteilten: „Durch den Namen Jesu Christi von Nazaret, den ihr gekreuzigt habt und den Gott von den Toten auferweckt hat, dadurch steht dieser Mann gesund vor euren Augen da! Dieser Jesus ist der Stein, den ihr Bauleute verworfen habt und der nun zum Eckstein geworden ist. In keinem andern ist das Heil zu finden; denn wahrlich, keinen zweiten Namen gibt’s unter dem Himmel für die Menschen, wodurch wir das Heil erlangen sollen.“ (Apg. 4,10-12)10

Aus diesen Worten wird deutlich, dass die Ämter der Kirche nicht das Heil bedeuten, aber dazu gegeben sind, das Heil in Jesus Christus zu verkündigen!

„Heilsnotwendig“ aus Sicht der NAK

Hat die NAK in früheren Jahren den anderen christlichen Kirchen den „Heiligen Geist“ quasi abgesprochen und seine Mitteilung unmittelbar in Verbindung mit dem Apostelamt gesehen, werden zwischenzeitlich vorsichtigere Töne angeschlagen. Im Verständnis der NAK war nur sie selbst vollgültig „Kirche“, also heilsnotwendige Institution. Seit Januar 2006 wird der Kirchenbegriff weiter gefasst und auch anderen Konfessionen das Kirche-sein zugebilligt; so werden z.B. rite (ordnungsgemäß) vollzogene Taufen anderer christlicher Kirchen als gültig anerkannt. Das Oberhaupt der NAK, Stammapostel Wilhelm Leber, beschreitet hinsichtlich des Kirchenbegriffs einen neuen Weg:

a) „Gemeinschaft der an Christus Glaubenden und ihn Bekennenden“ (bewusst kein „Kirchen“-Begriff) – Hierzu gehören alle, die rite in christlichen Gemeinschaften getauft sind (äußeres Kirchenverständnis).

b) Kirche Christi („Werk des Herrn“) – Kirche Jesu Christi als Synonym für die Neuapostolische Kirche. Innerhalb der „Gemeinschaft der an Christus Glaubenden und ihn Bekennenden“ vollbringt Gott ein besonderes Werk der Erlösung. In dieses Werk sind nur die aus Wasser und Geist Wiedergeborenen, also neuapostolische Christen, einbezogen, die damit Gotteskinder und Glied am Leib Christi werden (inneres Kirchenverständnis).“11

Wofür ist dann das Apostelamt aus Sicht der NAK heilsnotwendig? Die Antwort darauf entnehmen wir einer Aussage der „Einleitung“ der Untersuchung, wo es heißt, dass „Aposteln eine besondere Bedeutung bei der Bereitung einer Erstlingsschar“ beigemessen wird und „dass das Apostelamt in diesem Sinne heilsnotwendig ist“. Das „besondere Werk der Erlösung“ steht begrifflich für Personen, die christlich getauft und durch einen neuapostolischen Apostel das Sakrament der Heiligen Versiegelung empfangen haben. Diese werden als „Gotteskinder und Glieder am Leibe Christi“ bezeichnet. Diese Personen haben alle Voraussetzungen, zu den in der Offenbarung Johannes bezeichneten „144000“ (Erstlinge für Gott und das Lamm) zu gehören. Das Apostelamt ist für die NAK also heilsnotwendig im Bezug auf die Zubereitung der „Erstlingsschar für Gott und das Lamm“ (vgl. Offb. 14,4). Diese Sammlung liegt nach der Vorstellung der NAK in der Vollmacht ihrer Apostel.

Durch die Veränderungen im Sakramentsverständnis und der Neudefinition des Begriffes „Kirche“ ist der Weg zu einem Nebeneinander der Konfessionen offen. Die NAK erlebt in den letzten zehn Jahren wohl den größten Veränderungsprozess seit ihrer Entstehung im Jahre 1878. Dieser Prozess ist schwierig und mutig, da er mit massiven Korrekturen des Selbstverständnisses einhergeht. Die NAK hinterlässt in der Öffentlichkeit derzeit eher ein unklares, uneinheitliches Bild, da die Veränderungsprozesse nicht nur auf Gegenliebe stoßen. Gegner einer Annäherung an die großen Kirchen sind auch im Kreis der Apostel zu finden. Die offiziellen Verlautbarungen der NAK-Leitung12 werden nicht selten durch Aussagen in Vorträgen oder gar Predigten durch den Stammapostel selbst in Frage gestellt. So äußerte Apostel Volker Kühnle sich in einem Vortrag in Halle an der Saale etwa sechs Monate vor Veröffentlichung des neuen Sakraments- und Kirchenverständnisses wie folgt: „Nur dort ist im eigentlichen Sinne Kirche, wo Apostel wirken. Heilsausschluss für alle anderen gibt es jedoch nicht.“13

Der Stammapostel betonte in einem Interview mit „ideaSpektrum“ Mitte 2006 nochmals explizit die Heilsnotwendigkeit des Apostelamtes: „Die besondere Qualität des Apostelamtes liegt eben in unserem Amtsverständnis selbst: Der Apostel spendet den Heiligen Geist, leitet die Gemeinde und bereitet die Braut für die Wiederkunft des Herrn vor. Dafür ist das Apostelamt heilsnotwendig ... Wobei ich mir auch vorstellen kann, daß es für Christen anderer Kirchen Ausnahmen geben kann. Ich leite das grundsätzlich am Beispiel vom Schächer am Kreuz ab, der ohne Taufe und Versiegelung in den letzten Augenblicken seines Lebens bei Jesus Gnade gefunden hat.“14

Diese Ausführungen werden durch Aussagen des Stammapostels in einem Gottesdienst am 26. 11. 2006 in Osnabrück untermauert. In der Berichterstattung heißt es: „Ebenso wichtig sei es, von den göttlichen Ordnungen nichts abzutun. Dabei nannte er die Heilsnotwendigkeit des Apostelamtes und die aus ihm gespendeten Sakramente, die Macht der Sündenvergebung sowie die Naherwartung der Wiederkunft Christi.“15 Es wird abzuwarten sein, welche Kräfte sich schließlich durchsetzen werden. Derzeit wird trotz einer positiven Öffnungspolitik an der Heilsnotwendigkeit des Apostelamtes nicht zu rütteln sein. (Vgl. MD 6/2007, 231f)

Abschließende Bemerkungen

Sowohl die Apostel der KAG als auch die Apostel der NAK sahen und sehen ihre bevorzugte Stellung in der Sammlung der „Erstlinge für Gott und das Lamm“ (Offb. 14,4). In der Lehre von den letzten Dingen (Eschatologie) und in der zeitlichen Einordnung der Kirche in der christlichen Haushaltung bestehen Unterschiede. Für die KAG ist nach dem Sterben ihres letzten Apostels Francis V. Woodhouse im Jahre 1901 die sichtbare Sammlung der Erstlinge abgeschlossen, während die Apostel der NAK der Meinung sind, die Sammlung würde durch sie vervollständigt. Nicht außer Acht gelassen werden darf, dass die Begrifflichkeiten „Erstlinge“, „große Ernte“ und „Nachlese“ von den KAG anders eingeordnet werden als von der NAK. Beeindruckend für die Glaubwürdigkeit des Anliegens der Apostel der KAG ist ihr umfassendes Kirchenverständnis und der von ihnen in brüderlicher Liebe durchgeführte Auftrag „innerhalb“ der Kirche und nicht abseits und getrennt von ihr.

Anmerkungen

1 www.nak.org.
2 Die verschiedenen Ausgaben des Testimoniums sind unter www.apostolic.de nachzulesen. Dokument a-0004-a-0007 und c-0001 (Testimoniums-Vergleich).
3 Roßteuscher, Ernst Adolf (1822-1892): Pfarrer und Privatdozent in Marburg und später Geistlicher der KAG.
4 Roßteuscher, Ernst Adolf, Der Aufbau der Kirche Christi auf den ursprünglichen Grundlagen – Eine geschichtliche Darstellung seiner Anfänge, Basel 1886.
5 Thiersch, H. W. J.: 1843 Professor der Philologie und Theologie in Marburg und später Geistlicher der Katholisch-apostolischen Gemeinden.
6 Zitat nach Edel, Reiner-Friedemann, Heinrich Thiersch als oekumenische Gestalt – Ein Beitrag zum oekumenischen Anliegen der katholisch-apostolischen Gemeinden, Marburg 1962, 58f.
7 Später „Allgemeine christliche apostolische Mission“ (AcaM) – 1878 entstand daraus aufgrund von erneuten Streitigkeiten im Zusammenhang mit dem Apostelamt die „Apostolische Gemeinde“, die seit 1930 „Neuapostolische Kirche“ heißt.
8 Ehemals Prophet der Katholisch-apostolischen Gemeinden und 1863 exkommuniziert, aufgrund seiner abweichenden theologischen Ansichten bezüglich des Fortbestehens des Apostolats.
9 Über die Entstehung eines Apostolats außerhalb der Katholisch-apostolischen Gemeinden siehe Dokument a-0018 auf www.apostolic.de.
10 Bibelzitate nach der Bibelübersetzung von Ludwig Albrecht, Das Neue Testament und die Psalmen, 14. Auflage, Gießen 1988.
11 Dokument ad-079 „Verständnisänderung der Taufe und Versiegelung in der Neuapostolischen Kirche vom 24. Januar 2006 – Eine Analyse“, unter www.adfontes.apostolic.de, Seite 35f.
12 Verlautbarungen können unter www.nak.org, „Offizielle Verlautbarungen“, nachgelesen werden.
13 Siehe www.nak.de/download/vortrag-selbstverstaendnis-nak-20050625.pdf.
14 ideaSpektrum 25/2006, auch in: MD 9/2006 (336).
15 Siehe www.nak-nrw.de – Bericht „Festgottesdienst für NRW, Berlin-Brandenburg u. betreute Gebiete“.

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