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Materialdienst 4/2007

Missionsverzicht - keine Voraussetzung für den Dialog!

Ein für den 6. Februar 2007 vereinbartes Treffen mit Vertretern des Rates der EKD wurde von Seiten islamischer Spitzenverbände abgesagt. Sie begründeten ihren Schritt mit aus ihrer Sicht irritierenden Aussagen der EKD-Handreichung „Klarheit und gute Nachbarschaft“, in der darauf hingewiesen wird, dass der Dialog mit Muslimen die Mission unter ihnen nicht ausschließe. Anstoß nahm man vor allem am missionarischen Selbstverständnis der evangelischen Kirche. Offensichtlich erwarten Vertreter muslimischer Spitzenverbände vom Dialog mit Christen eine Verzichtserklärung in Sachen Mission. „Dialog und Mission schließen sich aus“, so stand es als Motto in der letzten Ausgabe der Islamischen Zeitung, die über den empfindlichen Dämpfer berichtete, den der christlich-islamische Dialog bekommen habe. Der Dialogbeauftragte der DITIB, Bekir Alboga, meinte im Blick auf den Orientierungstext der EKD: „Man kann die Handreichung als eine Aufforderung zur Mission lesen“. Er fügte hinzu: „Mir scheint, dass unsere Beziehung zur EKD von einer partnerschaftlichen Zusammenarbeit in ein Konkurrenzverhältnis umgeschlagen ist.“

Plausibel ist die muslimische Irritation nicht. Denn Muslime nehmen für sich selbstverständlich in Anspruch, dass Religionsfreiheit auch Missionsfreiheit bedeutet. Sie werben für ihre Religion. Sie weisen mit Nachdruck darauf hin, dass Muslim-Sein nicht nur eine Sache nationaler oder kultureller Zugehörigkeit ist, sondern dass jeder und jede eingeladen ist, den muslimischen Glauben anzunehmen. Erst kürzlich hatte das Soester Zentralinstitut Islam-Archiv darauf hingewiesen, dass im Jahre 2006 ca. 4000 Menschen zum Islam konvertierten, entschieden mehr als in den Jahren zuvor. Sofern die Einladung zu einer Religion im unbedingten Respekt gegenüber der Würde und Freiheit des anderen geschieht, ist daran nichts zu beanstanden. Man misst jedoch mit zweierlei Maß, wenn von Christen erwartet wird, auf die christliche Einladung zum Glauben an den dreieinigen Gott zu verzichten. Beide, Christentum wie Islam sind missionarische Religionen, in ihrer Begegnung treffen „Endgültigkeitsansprüche“ aufeinander. Die Begegnung der christlichen Kirchen mit dem Islam lässt sich nicht auf den Dialog und die gute Nachbarschaft reduzieren. Zu ihr gehört unverzichtbar das christliche Zeugnis, das auf die göttliche Selbstmitteilung in Jesus Christus und im Wirken des Geistes verweist. Eine unklare und zaghafte evangelische Identität, die darauf verzichtet, die missionarische Dimension des eigenen Selbstverständnisses auszusprechen, hilft niemandem. Differenzen zwischen Christentum und Islam dürfen weder heruntergespielt werden noch das Ende der Kommunikation bedeuten. Wir brauchen vielmehr eine Neuorientierung des Dialoges im Sinne einer respektvollen Streitkultur und eines interreligiösen Realismus. Selbstrelativierung stellt keine überzeugende Strategie dar, Differenzen auszuhalten und Toleranz einzuüben. Die Religionsbegegnung hat unterschiedliche Ebenen, die zusammengehören: Zusammenleben, Dialog, Mission. Eine erkennbare christliche Identität ist nicht Störung, sondern Voraussetzung für eine weiterführende Begegnung mit Vertretern einer Weltreligion, die mit klaren dogmatischen Aussagen und konkreten pragmatischen Erwartungen auf Unterstützung ihrer Rechtspositionen in den Dialog eintreten. Dieser Linie folgt auch die vom Rat der EKD herausgegebene Handreichung.

Reinhard Hempelmann

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