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Materialdienst 3/2007
Psychoszene/Psychotraining

Die Hellinger-Szene driftet auseinander: Streit um Methode und Ausbildung

(Letzter Bericht: 5/2006, 177ff) Um das Familienstellen nach Hellinger ist es vergleichsweise ruhig geworden. Nach einem rasanten Start hatte diese alternative therapeutische Behandlungsmethode viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen und sofort polarisierend gewirkt: Begeisterte Anhänger, die bei einer Aufstellung etwas gespürt und erlebt hatten, wollten am liebsten gleich selbst in dieser Weise tätig werden. Bei anderen hingegen stieß das autoritäre und dogmatische Vorgehen sofort auf Widerwillen und Ablehnung. Allerdings dauerte es einige Jahre, bis sich die beiden großen Fachverbände systemischer Familientherapeuten von Hellingers Aufstellungsmethode distanzierten.1 Mittlerweile hat sich die Aufsteller-Szene in verschiedenen Bereichen gut etabliert. Dort entfaltet sich die Aufstellungsarbeit in sehr unterschiedliche Richtungen weiter.2 Dabei kristallisieren sich zwei dominante Linien heraus, die man als Professionalisierung und als Spiritualisierung charakterisieren kann. Während ein Fachverband professionellen Standards genügen möchte, hat Hellinger selbst – mittlerweile im 82. Lebensjahr – sein Verfahren zum „geistigen Familienstellen“ weiterentwickelt und sich mit seinen um wissenschaftliche Anerkennung ringenden Schülern überworfen.

Professionalisierung durch einen eigenen Verband

Die „Deutsche Gesellschaft für Systemaufstellungen“ präsentiert sich professionell und ist primär an wissenschaftlichen Kriterien orientiert.3 Mitglieder müssen bestimmte Qualitätskriterien der Gesellschaft erfüllen und werden dann als zertifizierte Berater oder Psychotherapeuten in Listen geführt. Ein Vorstand wird von Sprechern der Regionalgruppen gewählt, und es gibt einen Ombudsmann für Beschwerden über Aufstellungen. Zweimal jährlich erscheint die Zeitschrift „Praxis der Systemaufstellung“ (Auflage 4000), und große internationale Kongresse werden durchgeführt – der nächste im Mai 2007 in Köln.4

Der Verein will darüber hinaus die empirische Forschung über die phänomenologisch-systemische Aufstellungsarbeit vorantreiben. Primär soll dazu auf Feldtheorien der Biologie und der Quantenphysik Bezug genommen werden. Eine Wissenschaft kollektiver Phänomene, die diesen Aufstellern vorschwebt, komme in ihren Befunden denen der Spiritualität nahe. Spiritualität wird in einer Selbstvorstellung aufgefasst „als Erfahrung einer grundlegenden Verbundenheit und Nichtgetrenntheit aller Lebensformen ..., als die begründete Erfahrung vom Bewußtsein, das als … Polaritäten und begrenzendes Urteilen überschreitend und in seiner Ursprungsqualität als liebend wahrgenommen wird. Systemaufstellungen sind in dieser spirituellen Ausrichtung nicht religiös gebunden.“5 Dem Schwerpunkt Organisations¬aufstellungen widmet sich die eng verbundene Firma Infosyon6. Eine „Europäische Akademie für Systemaufstellungen“ bietet mehrjährige Aus- und Weiterbildungen an.7

In der akademischen Psychologie stoßen Hellingers Systemaufstellungen bisher auf keinerlei Resonanz. Ein derart schwammig definiertes Spiritualitäts-Konzept dürfte auch weiterhin der sozialwissenschaftlichen Akzeptanz im Wege stehen. Im beraterischen und therapeutischen Bereich sieht es anders aus. Hier gibt es einige Fachleute, die das Hellingersche Familienstellen ergänzend in ihre Behandlung mit einbeziehen. Dabei kommt es entscheidend darauf an, mit welchem Anspruch und zu welchem Zweck diese Methode eingesetzt wird. Als diagnostisches Hilfsmittel kann sie in erfahrenen Händen hilfreich sein, als rigoroses Deutungsinstrument hingegen auch gefährlich werden.8

Hellingers neue Methode: geistiges Familienstellen

Schon vor einigen Jahren hat sich Bert Hellinger selbst von der wissenschaftlichen Variante des von ihm begründeten Verfahrens verabschiedet. Heute betreibt er mit seiner Frau Maria Sophie Hellinger-Erdödy eine „Hellingerschule“.9 Ihr Schwerpunkt liegt auf der neu entwickelten Form eines „geistigen Familienstellens“. Durch ein „Gehen mit dem Geist“ soll es möglich sein, sich jener Bewegung anzuschließen, die hinter allen Bewegungen wirkt. Dadurch „können wir uns allem in gleicher Weise zuwenden, so wie es ist“.10

Was ist das Neue der geistigen Aufstellungsarbeit? Am auffälligsten ist die veränderte Ausgangslage: Es wird kein System mit Stellvertretern mehr räumlich aufgestellt, sondern ein Klient schildert nur noch kurz ein Anliegen. Aufgestellt wird nur noch virtuell – im Geist. Ein Klient präsentiert also ein Problem und nennt die betroffenen Personen. Hellinger schildert sein weiteres Vorgehen so: „... ich stelle mir die Menschen vor, die dazugehören, und bin ihnen allen gleichermaßen zugewandt. Ich setze mich ihnen aus auf Abstand, ohne etwas Bestimmtes zu wollen und ohne etwas zu fürchten. Dann warte ich auf den Hinweis. Dieser Hinweis hilft allen gleichermaßen. Er ist also nicht allein auf das ausgerichtet, was dem Klienten hilft. Er hilft allen gleichermaßen. Das zeigt, dass es ein Satz ist, der aus einer geistigen Bewegung kommt. Wenn dieser Satz gefunden und gesagt wird, ist alles vorbei. Kein zusätzliches Wort! Jedes zusätzliche Wort würde die Kraft dieses Satzes verderben.“11 Fallbeispiele auf Hellingers Internet-Seite dokumentieren eindrücklich die magische Aura, die den Meister umgibt. Es reicht ihm, in nur einem Satz das Problem angedeutet zu bekommen. Dann schließt er die Augen, geht „in tiefe Sammlung“ und „wartet, ob vielleicht das entscheidende Wort oder der entscheidende Satz kommt“. Die Sätze haben prophetischen Charakter – einmal soll das betroffene Kind seinen Eltern sagen „Vergesst mich auch!“, ein anderes Mal soll eine Frau ihrem Vater sagen „bitte bleib“.12

Das geistige Familienstellen ist in seiner aktuellen Variante in gefährliche Nähe zum Channeling und zur Wahrsagerei geraten. Das Feld weltanschaulicher Anknüpfungspunkte zu spirituellen Aufstellungen ist unermesslich und reicht von Schamanismus über die Bhagwan-Bewegung bis hin zu charismatisch geprägten Seelsorge-Weiterbildungen. Schon seit Jahren ist Marie Sophie Hellinger in kirchlichen Bildungshäusern häufig als Gastdozentin aktiv.

Seit 2005 gibt das Ehepaar Hellinger das Journal „HellingerZeitschrift“ heraus. Es zielt eindeutig auf den Beratungs- und Selbsthilfemarkt. Mit einprägsamen Sprüchen, Ermutigungen und poetischen Sinndeutungen will es Menschen bei der Alltagsbewältigung unterstützen. In diesem Milieu ist auch Bert Hellingers „Aktionsgemeinschaft Lebenshilfe“ entstanden. Hellinger bittet Menschen, die durch das Familienstellen Hilfe erfahren haben, um ehrenamtliche Unterstützung, besonders in der Öffentlichkeitsarbeit. Im Gegenzug erhalten die Mitglieder der Aktionsgemeinschaft 10 % Nachlass auf Veranstaltungen mit Hellinger, und die „HellingerZeitschrift“ wird kostenlos zugesandt.

Obwohl keine charismatische Ausstrahlung von ihm ausgeht, fasziniert Hellinger – vermutlich wegen der aufwühlenden Erfahrungen, die man im Rahmen einer Aufstellung machen kann. Hellinger hat nun durch die Gründung eines „Freundeskreises“ die formale Struktur geschaffen, die es seinen Anhängern ermöglichen soll, „dieses Feld und diese Kraft, die vielen Teilnehmenden an einem Wochenende zugeflossen sind, länger zu erhalten bzw. regelmäßig Kraft für das tägliche Leben zu schöpfen und dieses Feld kontinuierlich zu erneuern“.13 Auf Hellingers Internet-Seite gibt es präzise Angaben über Gruppenstruktur und Ablauf eines monatlichen Treffens eines lokalen Freundeskreises. Und siehe da – laut eigenen Angaben existieren im deutschsprachigen Europa bereits fast 20 Hellinger-„Hauskreise“, in denen gemeinsam seine Texte gelesen werden, Erfahrungen ausgetauscht und in denen meditiert wird.

Hellinger scheint auch mit seiner Schwerpunktverlagerung ins Spirituelle genügend Anhänger zu finden. Mitte Dezember 2006 fand anlässlich seines 81. Geburtstags ein Kongress zum geistigen Familienstellen statt, den nach Veranstalterangaben über 400 Teilnehmer besuchten. Mitwirkende waren neben Hellinger der Hypnotherapeut W. Meinhold, die Schamanin Hi-ah Park, der Spielforscher F. Donaldson und der Energy-Coach H. Benesch (Klopfakupressur). Nach Teilnehmerangaben war auf dem Kongress eine geistige Kraft und Bewegung spürbar, durch die sich alle auf tiefe Weise miteinander verbunden fühlten.

Der Kampf um eine universitäre Anerkennung der Ausbildung zum Familiensteller hat eine interessante Wendung genommen. Nachdem zunächst die „Europäische Akademie für Systemaufstellungen“ – d.h. die professionelle Fraktion der Aufsteller – mit akkreditierten Weiterbildungen und sogar einem Diplom an einer belgischen Universität geworben hatte, bietet genau das nun einzig und allein die Hellingerschule an: Nach einem dreijährigen Studium kann ein angeblich europaweit gültiges „Diplome Professionel en Constellations Familiales et Systemiques – méthode Bert Hellinger“ erworben werden, erteilt von der Brüsseler Jean-Monnet-Universität. Die „Europäische Akademie“ hat dagegen eigenen Angaben zufolge zu viele Fragezeichen an diesem Projekt entdeckt und deshalb offiziell die Zusammenarbeit mit der belgischen Universität beendet.14

Was immer im Hintergrund eine Rolle gespielt haben mag – der Streit zwischen Hellinger und manchem seiner Schüler spitzt sich zu. So begrüßt Hellinger die Gäste seiner Internet-Seite mit klaren Worten zum kommenden internationalen Treffen: „Am Kongress in Köln vom 25.-28. Mai, 2007 nehme ich nicht teil! Für diesen Kongress hatte ich meine Teilnahme zugesagt, um auch meinen Teil zu seinem Gelingen beizutragen. Doch dann habe ich meine Teilnahme wieder zurückgezogen. Aus den Reaktionen der Veranstalter habe ich gesehen, dass ich in Zukunft konsequent meinen eigenen Weggehen muss und ihn auch gehen werde. Aus diesem Grunde biete ich für alle Interessierte ein komplett neues intensives, umfassendes Ausbildungsprogramm welches in das neue Familienstellen einführt im Inland und Ausland an.“15 Der Bruch zwischen einer professionellen und einer spirituellen Ausrichtung des Familienstellens ist nun offensichtlich.

Eine unreflektierte Verbindung zwischen psychologischer Beratung/Therapie und weltanschaulich geprägten Konzepten der Spiritualität ist problematisch. Ohne die Transparenz und das Mitteilen der jeweiligen Voraussetzungen können spirituelle Verfahren vereinnahmend wirken oder sogar missbräuchlich eingesetzt werden – das lässt sich am Beispiel des Familienstellens anschaulich demonstrieren.

Michael Utsch

1 Vgl. MD 4/2003, 149f; MD 1/2005, 27.
2 Vgl. MD 8/2005, 308ff.
3
www.familienaufstellung.org.
4
www.iag-kongress.com.
5
www.e-r-langlotz.de/public_spiritualitaet.php.
6
www.infosyon.de.
7
www.eurasys.de.
8 Vgl. dazu Hans Krech / Matthias Kleiminger (Hg.), Handbuch Religiöse Gemeinschaften und Weltanschauungen, Gütersloh 62006, 991-999.
9
www.hellingerschule.com.
10
www.hellinger.com.
11
www.hellinger.com/deutsch/virtuelles_institut/das_geistige_familienstellen/index.shtml.
12 Ebd.
13
www.hellinger.com/deutsch/mitglieder/freundeskreis/freundeskreis.shtml.
14 Vgl. Praxis der Systemaufstellung 1/2006, 102.
15
www.hellinger.com. Die Rechtschreibung der Internet-Seite wurde beibehalten.

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