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Materialdienst 6/2007

Neue Gemeinden sprießen wie Pilze aus dem Boden

Sie versammeln sich in nichtsakralen Gebäuden, z.B. in angemieteten Fabrikhallen oder Einkaufsläden, die als Gottesdienstraum umgestaltet worden sind, vereinzelt auch in selbst erbauten Zentren der ersten charismatischen Mega-Churches in Deutschland. Ihr Liedgut ist alternativ. Ihre theologischen Orientierungen sind meist antimodernistisch und konservativ, der Stil ihrer Präsentationen häufig modernitätskonform geprägt. Sie nennen sich Christliches Zentrum Frankfurt, Ichthys Gemeinde, Calvary Chapel, Vineyard Nürnberg …  Es sind vor allem junge Erwachsene und junge Familien, die nach neuen Formen und neuen Orten suchen, in denen sie ihrem Glauben Ausdruck verleihen. Ein geographischer Schwerpunkt liegt in (groß)städtischen Kontexten, wo die Lockerung der Kirchenbindung am weitesten fortgeschritten ist und sich nicht nur vielfältige religiöse, sondern auch sehr verschiedene christliche Optionen auftun.

Ein ganz anderes Beispiel für Prozesse einer fortschreitenden innerchristlichen Pluralisierung ist die der kontinuierlich wachsenden Zahl von Migranten- bzw. Einwandererkirchen mit Menschen asiatischer und afrikanischer Herkunft. Auswanderung und Flucht sind in der Religionsgeschichte immer schon wichtige Faktoren der Ausbreitung religiöser Traditionen gewesen. Der Zusammenhang von Religion, Migration und kultureller Identität verdeutlicht sich darüber hinaus auch in eigenständigen Aussiedlergemeinden, die in den letzten Jahrzehnten in Deutschland zahlreiche Kirchen (Bethäuser) neu erbaut haben und deren Gottesdienste zu den bestbesuchten im deutschsprachigen Raum gehören.

Die etablierten Kirchen und christlichen Gemeinschaften sind mit einer neuen stilistischen Vielfalt der Ausdrucksformen des Glaubens und der Frömmigkeit konfrontiert, die eng verknüpft ist mit kulturellen Prägungen. Heute bezeichnen sich beispielsweise als Freikirchen nicht nur Gemeindeverbände, die in der Vereinigung Evangelischer Freikirchen (VEF) zusammengeschlossen sind, wie die Evangelisch-methodistische Kirche, der Bund Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden, der Bund Freier evangelischer Gemeinden, der Bund Freikirchlicher Pfingstgemeinden (BFP, seit 2001 Vollmitglied), die Gemeinschaft der Siebenten-Tags-Adventisten (im Gaststatus) etc. Vielmehr kann beobachtet werden, dass sich immer mehr neue Gruppen unter der Selbstbezeichnung „evangelische (!) Freikirche“ etablieren, die weder eine organisatorische Beziehung zu den evangelischen Landeskirchen noch zu den klassischen Freikirchen haben und in ihrem Selbstverständnis teilweise hervorheben, dass sie konfessionsunabhängig (nondenominational) sind.

Die skizzierten Entwicklungen sind Indikatoren für Wandlungsprozesse der konfessionellen Landschaft. Die vergleichsweise hohe Anzahl von Informationsanfragen bei evangelischen und katholischen Weltanschauungsbeauftragten zu neuen christlichen Gemeinschaftsbildungen, ein oberflächlicher Blick in das Internet wie auch einzelne regionale Studien belegen, dass es sich um ein wachsendes Phänomen handelt. Die Mitgliedszahlen der klassischen Freikirchen haben sich in den letzten Jahrzehnten nicht gravierend verändert. Neue christliche Gemeinschaftsbildungen sprießen dagegen in manchen Regionen wie Pilze aus dem Boden. Die christliche Landschaft wird so zunehmend vielfältiger und unübersichtlicher.

In der Taufpraxis ist die Mehrheit der neuen Gemeinden baptistisch orientiert. Christsein aufgrund von persönlicher Entscheidung gewinnt an Bedeutung. Auch wenn zahlreiche Gemeindeneubildungen ihre Zukunftsfähigkeit noch unter Beweis stellen müssen, hat das freikirchliche Spektrum des Protestantismus in den letzten Jahrzehnten zahlenmäßig an Gewicht gewonnen. Präzise statistische Daten liegen nicht vor, es wird jedoch deutlich, dass sich vor allem ein evangelikaler und pfingstlich-charismatischer Frömmigkeitstyp ausbreitet, dessen weltweite Erfolgsstory auch in Europa zunehmend erkennbar wird.

Ob und in welcher Weise neue christliche Gemeinschaftsbildungen ökumenefähig sind, kann nicht pauschal gesagt werden und bedarf der präzisen Prüfung. In neuen Gemeinschaftsbildungen zeigen sich auch die dunklen Seiten der Ausbreitung pentekostal-charismatischer und bibelfundamentalistischer Frömmigkeit: Religiöse Hingabebereitschaft kann missbraucht werden. Die Orientierung an charismatischen Führerpersönlichkeiten kann das Mündig- und Erwachsenwerden im christlichen Glauben verhindern. Das gesteigerte Sendungsbewusstsein einer Gruppe kann umschlagen in ein elitäres Selbstverständnis, das im Wesentlichen von Feindbildern lebt und Gottes Geist nur in den eigenen Reihen wirken sieht.

Die Reaktionen der Kirchen auf neue Gemeinden müssen und können jedoch keineswegs nur abwehrend und ablehnend sein. In einer durch Individualisierungsprozesse geprägten Kultur gibt es neue Sammlungsbewegungen, Gemeinschaftsbildungen und Gemeindegründungen – übrigens nicht nur außerhalb der bestehenden Kirchen, auch in ihnen. Die gegenwärtige Diskussion über die Kirche der Zukunft wird die zunehmende Ausdifferenzierung des Protestantismus als Rahmenbedingung kirchlicher Arbeit ernst nehmen müssen. Wir müssen wahrnehmungsfähiger werden für die Sehnsucht nach intensiv gelebter Gemeinschaft in überschaubaren Gruppen, in denen die Vermittlung christlichen Glaubens biographienah und alltagsbezogen geschieht.

Reinhard Hempelmann

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