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Materialdienst 5/2017
Matthias Pöhlmann

Natürliches Lernen?

Zum esoterischen Hintergrund von "Laising" und "Lais-Schulen"

Esoterische Offerten durchdringen zunehmend den Alltag von Menschen: Ratgeberliteratur, Heilungs- und Gesundheitsratgeber, übersinnliche Beratungsangebote am Telefon, Aura-Soma und Bachblüten. Über Bücher, Zeitschriften, Internet, Spartensender wie AstroTV und sogar einschlägige Apps für das Smartphone ist der Zugang zu Angeboten jederzeit möglich und nahezu spielerisch geworden.

Die moderne Esoterik hat schon seit Ende der 1990er Jahre die Erziehung von Kindern und Jugendlichen für sich entdeckt. Darauf deutet die in diesem Bereich anwachsende Ratgeberliteratur hin. Besonders sind dabei Eltern und das pädagogische Personal im Blick. Esoterische Anbieter profitieren von dem wachsenden Unbehagen mancher Eltern gegenüber dem herkömmlichen Schulsystem. Mit ihrem speziellen Sensorium für Krisenherde unserer Gesellschaft haben Esoterikautoren auch die Pädagogik entdeckt und eigene Zauberworte wie „Indigokind“ oder „Kristallkind“ entwickelt.1 Damit reagieren sie auf gängige Ressentiments gegenüber der herkömmlichen Medizin und dem Bildungssystem insgesamt. Kinder mit einer ADHS- oder einer Autismus-Diagnose seien in Wahrheit „Kinder der neuen Zeit“. Für den rechten Umgang mit ihnen offerieren esoterische Verlage entsprechende Ratgeberliteratur für betroffene Eltern und Pädagogen.

So macht derzeit „Laising“ von sich reden, eine Lernmethode, die den „Kindern der neuen Zeit“ großartige Zukunftsmöglichkeiten verheißt: „Die neue Zeit bringt bei allen Modellen mit sich, dass der einzelne immer mehr zu seinen eigenen Fähigkeiten findet und in Form der Gruppenarbeit die Gemeinschaft stärkt. Außerdem Prinzipien der Belohnung, statt Bestrafung, als sowohl kurz- wie auch langfristig förderlich erkannt werden. Eine starke Bewegung mit Zukunftscharakter. Auf die Kinder der neuen Zeit wartet damit eine großartige Welt … ermöglichen wir es ihnen ...“2

Lais-Schulen als Alternative?

Neuerdings gibt es den Versuch, sog. Lais-Schulen als Alternative zu herkömmlichen Bildungseinrichtungen für Kinder in Südwestdeutschland3 und Bayern zu etablieren. Doch nicht nur dort: Im deutschsprachigen Raum soll es 30 Schulgründungsprojekte geben. Zur Vernetzung für diese angeblich „revolutionäre Lernmethode“ werden mittlerweile 22 Kontaktpersonen in Deutschland genannt.4 Interessenten können sich auf einer weiteren Netzwerkkarte eintragen.5 So wird in Bremen bereits intensiv an einer Lais-Schulgründung gearbeitet und ein Schulgründer gesucht.6 Die dortige Initiatorin ist Martina Rautenhaus. Sie ist eigenen Angaben zufolge „Dipl. Betriebswirtin“ und ausgebildet als „Kinder u. Jugend Coach/Potenzialtrainerin“, „ADHS-Trainerin/-Elterntrainerin“, „LRS- u. Dyskalkulie Trainerin“, „Access Bars® Bodywork Practitioner Ausbilderin“, „Energetikerin“ sowie „Psychologische Beraterin“. Darüber hinaus betreibt Rautenhaus „MaRa Life – Praxis & Zentrum für Potenzialentfaltung“. Dort kann der Kunde ein sog. Erfolgs-Coaching buchen, „um Befreiung von Geld-, Gesundheits- und Erfolgsblockaden“ zu erleben. Er könne „Potenziale entdecken u. leben“ sowie „Mentalkraft u. Bewusstsein entfalten“.7 Speziell für Kinder und Jugendliche bietet sie ein eigenes Coaching an. Im Mai 2015 gab es den Versuch, in Mupferting (Chiemgau) eine Privatschule nach der Lais-Methode zu errichten. Der Antrag wurde vom Bauausschuss der Gemeinde aus baurechtlichen Gründen abgelehnt. Immerhin hielt er die Art der Schule nach Presseinformationen für fragwürdig.
 
Mittlerweile verbreiten Anhänger im Umfeld der spirituellen Lebensgemeinschaft Breitbrunn am Chiemsee einen Flyer zum „Natürlichen Lernen“ sowie zur Schulgründung für eine Grund- und Mittelschule im Chiemgau nach der Lais-Methode.8 Auch die Lebensgemeinschaft Nature Community im bayerischen Schönsee zeigt sich an Laising interessiert. Darüber hinaus wurde das „LAIS Institut Bayern – Natürlich lernen“ gegründet.9 Die ehrenamtlichen Mitarbeiter bezeichnen sich als „frei bzw. unabhängig von: Ideologien, Religionen, Sekten, Politik“. Sie wollen für „Meinungsfreiheit, Menschenrechte, Selbstbestimmtheit, Menschenwürde“ einstehen.10 Eine der Informationsveranstaltungen fand 2015 im Maitri Yoga Zentrum in Breitbrunn/Chiemsee statt11, dessen Inhaber – Sophia und Winfried Ruhs – auch zu den Unterstützern der Laising-Idee zählen. Beide lehren Yoga und Thaimassage. Eigenen Angaben zufolge sind sie „zertifizierte Level 2 AcroYoga Lehrer von Jason Nemer und Jenny Sauerklein“. Wie sie schreiben, leben sie auf dem Höllbachhof, „einer Gemeinschaft, die sich der Nachhaltigkeit und der spirituellen Entwicklung widmet“. Sie möchten „Vision, Frieden und Liebe in den Herzen der Menschen … wecken“.12 Die Initiatoren sind derzeit auf der Suche nach einem geeigneten Ort, um eine solche Schule gründen zu können.

Zur Entstehung

Als „Begründer und Entwickler“ von Laising gilt Dieter Graf-Neureiter (Jg. 1965) im österreichischen Klagenfurt. Eine besondere pädagogische Qualifikation kann er nicht vorweisen. Als Stationen seines Ausbildungsweges nennt er: Operations- und Stationsgehilfe (1988), Konzessionsprüfung Gastgewerbe (1991), Studium Philosophie (1996 – 1997), NLP Practicioner (2000 – 2001), Männerinitiation und Ausbildung zum Mentor (2006 – 2009). Er war 20 Jahre als Unternehmer tätig. Als Tätigkeiten gibt er u. a. an: Seminarleiter und Vortragender, Mentor und Mentalcoach, Karrierebegleitung von Tennisspielern.13

Am 14. Oktober 2014 wurde von Dieter Graf-Neureiter, Ingeborg Schober und Martina Graf in Klagenfurt das „LAIS.Institut“ gegründet. Es soll das „natürliche Lernen“ verbreiten. Dazu zählt auch das sog. „LAIS.Friends Projekt“, das das pädagogische Anliegen in nicht-deutschsprachigen Ländern verbreiten möchte. Zur finanziellen Unterstützung wurde das LAIS.Friends „Crowdfunding“-Projekt ins Leben gerufen. Inzwischen gibt es mehrere „Ausbildungen“ innerhalb des Laising-Systems. Angeboten werden vom Laising-Institut in Klagenfurt Kurse für LAIS.Lernbegleiter, LAIS.Lern-Elder, LAIS.Lehrer, LAIS.Mentoren sowie eine LAIS.Modul Anleiter-Ausbildung.14 In Österreich existieren derzeit sechs „LAIS.Institute“. In Zürich wurde das „LAIS.Institut Schweiz“ gegründet.

Kurze Zeit nach der Gründung des österreichischen Lais-Instituts gab es auch in Deutschland die ersten Informationsveranstaltungen. Bereits Ende 2014 fand in Germering bei München der erste Lais-Gründer- und Schulkongress statt. Initiatoren waren Amir Nasser vom Verein Altruismus e. V. und Richard Kandlin, ein engagierter ehemaliger Schüler der russischen Schetinin-Schule (s. u.), dessen Vorträge auf YouTube zu finden sind.

Natürliches Lernen als „altes Wissen“

Die Bezeichnung Lais bzw. Laising soll auf das Gotische zurückgehen. Offensichtlich wollen die Verbreiter des Laising an einem angeblich alten Wissen anknüpfen. Im Gotischen heißt lais „ich weiß“, „ich habe nachgespürt“, laists bedeutet „Spur“.

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Anmerkungen

1 Vgl. hierzu meinen Beitrag über Indigo- und Kristallkinder, www.sektenwatch.de/drupal/sites/default/files/files/indigo_kinder.pdf (die in diesem Beitrag angegebenen Internetseiten wurden zuletzt abgerufen am 9.12.2016, falls nicht anders angegeben); vgl. auch Kai Funkschmidt, Stichwort: Indigokinder, in: MD 7/2016, 271-274.
2 www.horizonworld.de/laising-eine-neue-form-um-das-natuerliche-lernen-wieder-zu-entdecken.
3 So etwa das Laising Institut Südwestdeutschland im rheinland-pfälzischen Bann: www.laising-swd.de.
4 www.laising-swd.de/vernetzung.html.
5 Vgl. www.n2l2.de/netzwerk.html.
6 Vgl. www.laising-bremen.de.
7 www.maralife.de.
8 Vgl. www.flying-yogis.de/news/pdf/lais/Schulgruendung-Faltflyer.pdf (Abruf: 12.3.2016).
9 Vgl. http://laising-chiemgau.weebly.com.
10 Ebd.
11 Vgl. http://maitri-yoga-chiemsee.de/wp-content/uploads/2015/09/Workshop-Bedürfnisse-1.pdf.
12 www.flying-yogis.de/index.php?loc=yogalehrer (Abruf: 12.3.2016).
13 Vgl. www.tennis-academy.at/data/lebenslauf_grafneureiter.pdf.
14 Vgl. www.lais-institut.net/lais-termine-Übersicht (Abruf: 13.3.2016).

 

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