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Materialdienst 2/2007
Hansjörg Hemminger

"Kirche der Freiheit" und Kirche im Kopf

Zum "Impulspapier des Rates der EKD"

Was die Öffentlichkeitsarbeit angeht, backt die Evangelische Kirche in Deutschland seit Jahren kleine Brötchen. Daran gemessen fand das 106 Seiten starke Impulspapier „Kirche der Freiheit“ vom 6. Juli 2006 viel Beachtung und wurde überwiegend positiv aufgenommen. Sein Optimismus und sein pathetisches „Jetzt oder Nie“ wurden als ein neuer evangelischer Stil registriert. Eines von vielen Beispielen war die Frankfurter Allgemeine Zeitung dieses Datums mit gleich drei Beiträgen. Ganz anders in der evangelischen Kirche: Dort wird das Papier von einer Welle der Ablehnung überrollt. Nur wenige positive Stimmen (außer von der EKD-Spitze selbst) relativieren die Kritik. „Fusion von EKD-Kirchen bis 2008 – nicht mit uns!“ „Belebung des Sonntagsgottesdiensts – ja, aber doch nicht so!“ Die Kritik war nicht immer, aber oft destruktiv, weil sie das Anliegen des Impulspapiers überging. Dieses lässt sich so zusammenfassen:

• Der Mitgliederbestand der evangelischen Kirche, ihre finanzielle Basis und ihre öffentliche Geltung entwickeln sich seit Jahrzehnten negativ.

• Die Bedingungen dafür, diese Entwicklung durch „Wachstum gegen den Trend“ in eine bessere Richtung zu steuern, sind derzeit günstig.

• Die Aufgabe muss angepackt werden, solange es für Reformen noch genügend Ressourcen gibt. Das wird noch zehn bis dreißig Jahre lang der Fall sein.

• Die Ziele der Reformen ergeben sich aus einer Besinnung auf das Wesen der evangelischen Kirche und ihren zentralen Auftrag.

• Die Umsetzung der Reformen erfordert einen Paradigmen- und Mentalitätswandel, der Veränderungen bei der Organisation kirchlicher Arbeit und bei ihren inhaltlichen Schwerpunkten ermöglicht.

• Durch Reformen wird die evangelische Kirche zwei unterschiedlichen, jedoch miteinander verbundenen Herausforderungen gerecht: Öffentliche Geltung zu behalten, obwohl Religion und Sinnangebote vielen Menschen individualisiert und marktförmig begegnen; ihr Erbe als Überzeugungs- und Traditionsgemeinschaft aus eigener Kraft weiterzugeben, obwohl institutionalisierte Vermittlungswege verschwinden.

Das Ziel der Reformen wird bereits auf Seite 8 in vier Punkten beschrieben. Als weitere Orientierung dienen ab Seite 48 „zwölf Leuchtfeuer“. Aber stimmt die gesellschaftliche und wirtschaftliche Situationsanalyse? Die weitere Diskussion hängt von der Antwort ab – sollte man zumindest meinen. Sowohl Wilfried Härle1 als auch Michael Welker2 reagieren jedoch auf das Papier, ohne sich zur Richtigkeit von Analyse und Prognose zu äußern.

Härle lässt allerdings indirekt Zustimmung zur Beschreibung der materiellen und sozialen Lage erkennen, aber er bemängelt, dass das „Verständnis der Kirche als Werk Gottes und Geschöpf des Evangeliums keine grundlegende und orientierende Bedeutung gewonnen hat“. Als Leser hätte man gerne ein Beispiel dafür, welchen praktischen Unterschied diese Kritik ausmacht. Solche Beispiele gibt es nicht. Stattdessen setzt sich die Kritik an der Wahl von Begriffen und Metaphern, am Umgang mit biblischen Texten und so weiter fort. Eine derartige Kritik muss sich trotz lobender Einschübe das Etikett „destruktiv“ gefallen lassen.

Michael Welker bezieht, was Analyse und Prognose der Analyse der kirchlichen Situation angeht, ebenfalls keine Position. Er lässt aber ein negatives Urteil anklingen. Dass er das Kirchenbild des Papiers als unsoziale Klassenkirche beschreibt, ist nicht nachvollziehbar, auch weil er nicht sagt, wo sich dieses kirchliche Monster im Text verbirgt (vielleicht auf den Seiten 54 bis 61?). Wenn die kirchliche Arbeit – wie das Papier vorschlägt – in Form eines Netzwerks organisiert wird, in dem es herausgehobene Mittelpunktsaktivitäten gibt und in dem regionale Zentren besser ausgestattet sind und mehr Aufgaben übernehmen als kleine Außenstellen, heißt das nicht, dass Gemeindeglieder, die im Bereich von Außenstellen leben, von den Angeboten der Zentren ausgeschlossen werden. Das Gegenteil ist der Fall: Nur wenn man aufwendige bzw. seltener benötigte Leistungen zentralisiert, können ihre Produkte trotz schwindender Ressourcen weiter in der Fläche bereitgestellt werden. Das mag im Einzelfall funktionieren oder nicht. Aber man sollte das Ziel verstanden haben, bevor man politische Unkorrektheit wittert. Bezeichnenderweise stehen die „zehn kleinen evangelischen Hoffnungsfackeln“, die Welker den „zwölf Leuchtfeuern“ entgegensetzt, weder für ein anderes Kirchenbild noch für andere Schwerpunkte kirchlicher Arbeit. Sie beschränken sich auf Gemeindeentwicklung, die von Patenarbeit über Kirchenmusik und Bibelkreise bis zur Ökumene vor Ort reicht. Selbst mit der Lupe ist in „Kirche der Freiheit“ kein Widerspruch dagegen zu finden. Aber wie kann die Qualität der Kirchenmusik gesichert werden, wenn es weniger Stellen dafür in einer Region gibt? Wer macht die Patenarbeit, wenn die Pfarrstelle halbiert wird? Diese Fragen müssen gestellt und beantwortet werden, denn weder Hoffnungsfackeln noch Leuchtfeuer werden von alleine brennen.

Konstruktive Kritik zielt darauf, Analyse und Prognose des EKD-Impulses zu überprüfen und die Vision einer künftigen Kirchengestalt zu entwickeln und praktisch auszugestalten. Zum Beispiel fehlt bisher ein Blick auf die Konkurrenz der unabhängigen, pfingstlerischen und fundamentalistischen Gemeinden, die bei der Gestaltung von Gottesdienst und Gemeindearbeit zu bedenken wäre. Aber dafür ist Zeit, sobald man sich auf einen Wandel einlässt. Zum Beispiel könnte man sich an Wolfgang Lücks3 „Organisationsstrukturen des Protestantismus“ orientieren. Auch Dieter Becker4 bejaht die Forderung nach Reformen, aber er wirft dem Papier vor, seine Perspektive mit drei Jahrzehnten zu weit zu wählen. Er will kürzere Zeiträume haben, in denen gängige Managementmethoden greifen. Die strategischen Zielvorgaben in Nahziele zu übersetzen, wäre allerdings der nächste Schritt im Reformprozess. Die EKD hat dafür nicht die Gestaltungsmöglichkeiten. Die liegen großenteils bei den Landeskirchen. Deshalb stimmt die Kritik des Braunschweiger Bischofs Friedrich Weber5 hoffnungsfroher als die akademische Schelte. Dass er den Wert kleiner Landeskirchen gegen das Votum der EKD vertritt, war zu erwarten. Aber der Bischof denkt über anstehende „Produktionsfragen“ nach und sucht Lösungen, die den Braunschweigern ihre sympathische Kleinkirche lassen. Ob selbst Schaumburg-Lippe künftig sein muss, kann ja trotzdem diskutiert werden.

Die Weigerung, sich mit Reformen konstruktiv zu befassen, ist also glücklicherweise nicht einhellig. Aber sie ist so verbreitet und lautstark, dass es für sie nur eine Erklärung gibt, und die heißt Verdrängung. Denn Veränderung beginnt gemäß einem August Bebel zugeschriebenen Wort bei der Wahrnehmung dessen, was ist. Sich der Wahrnehmung des Ist-Stands zu entziehen, verhindert Veränderungen schon im Ansatz. Ist die Kirche im Kopf schon fertig und nicht mehr veränderungsbedürftig? Sind diejenigen, die für die Kirche arbeiten, bereits angekommen und nicht mehr unterwegs? Die Forderung nach einem „Paradigmen- und Mentalitätswandel“ läuft lediglich darauf hinaus, sich und anderen Unfertigkeit zuzugestehen und sich gemeinsam nach dem weiteren Weg umzusehen. Wenn diese Forderung jedoch von der Leitungsebene der evangelischen Kirche kommt, wird sie, so scheint es, zum Angriff auf die Identität von Theologen und Funktionären. Aber um deren Selbstverständnis geht es letztlich nicht. Denn sowohl die mehr oder weniger säkulare Öffentlichkeit als auch die Mehrheit der kritischen und nachdenklichen Kirchenmitglieder teilen die Auffassung, dass Reformen nötig sind und dass für sie ein Bewusstseinswandel nötig ist. Sonst werden die vorhandenen Ressourcen zur Sicherung des noch Bestehenden verbraucht werden. Nachhaltige Entwicklungen wird es dann nicht geben. Eine Politik des Verdrängens und Aussitzens wird immer weniger akzeptiert.

Stellvertretend für viele jüngst publizierte Reformanstöße wurde das neue Buch von Wolfgang Lück erwähnt. Die bisherigen Rückmeldungen auf unser eigenes Buch „Wachsen mit weniger“6 sprechen eine deutliche Sprache, eine Sprache, die im Vergleich zur Kritik am Impulspapier der EKD aus einer anderen Welt kommt. Zum Beispiel setzten wir die Anzahl von Gemeinden, in denen der Pfarrdienst in unbefriedigender Qualität getan wird, mangels konkreter Daten grob mit 20 bis 30% an. Von Personalverantwortlichen aus Kirchenleitungen kam darauf die Rückmeldung, dass die Schätzung zu niedrig liegt. Führungsprobleme in der Kirche waren ein weiteres Thema dieser Rückmeldungen, sowohl bei Kirchenleitungen als auch in der Gemeindearbeit. Dass die Missstände größer seien als von uns geschildert, wurde anhand deprimierender Erfahrungsberichte dargelegt. Immer wieder wurde uns die Frage gestellt, ob nicht Qualität und Zielsetzung akademischer Theologie in alle Reformüberlegungen einbezogen werden müssten, ob sie nicht eine Schlüsselrolle spielten. Die Frage wäre an EKD und Landeskirchen weiterzureichen.

Es bleibt zu wünschen, dass sie und viele andere Fragen so hartnäckig vorgebracht werden, dass sie Gehör finden. Sie kommen von denen, die Kirche sind, von den Gottesdienstbesuchern, Synodalen, Presbyterinnen, Telefonseelsorgerinnen, Jugendarbeitern und so weiter und so fort. Sie alle werden nicht endlos auf eine Modernisierung der evangelischen Kirche warten. Weshalb sollten fromme Ruheständler oder eifrige junge Leute Überzeugungsarbeit an unwilligen und intellektuell hoch gerüsteten Funktionären leisten, wenn die Freikirchen sie mit offenen Armen empfangen? Warum sollte eine eher unkirchliche Frau, die trotzdem evangelisch bleibt, von sich aus das Gespräch mit denen suchen, die sowieso alles besser wissen? Sie kann austreten und im amerikanischen Schmetterlingsstil zu einer unabhängigen Gemeinde flattern, sobald sie kirchliche Leistungen benötigt. Sie kann (ist sie jung und gesund) hoffen, dass das nicht so bald der Fall sein wird. Die schließliche Berührung mit den Grenzen des Alltags und des Lebens lässt sich außerhalb der Landeskirche ebenso abwarten wie innerhalb.

Die Fragen sind gestellt, wenn man sie hören will. Die Fähigkeit der evangelischen Kirche, Antworten zu finden, stand auf dem Prüfstand, als sich Befürworter und Kritiker einer Reform vom 25. bis 27. Januar 2007 in Wittenberg zu einem Zukunftskongress trafen. Auf die Folgen darf man gespannt sein.

Anmerkungen

1 Wilfried Härle, Als ob alles Beten nichts nützt. Das EKD-Papier zur Reform des deutschen Protestantismus hat theologische Schwächen, in: Zeitzeichen 10/2006, 22-25.
2 Michael Welker, Freiheit oder Klassenkirche. Mut und Blindheit im Impulspapier des Rates der EKD, in: Zeitzeichen 12/2006, 8-11.
3 Wolfgang Lück, Die Zukunft der Kirche, Darmstadt 2006, 6. Kapitel, 129ff.
4 Dieter Becker, Die Kirche ist kein Supertanker. Das Impulspapier verordnet der Kirche eine falsche Strategie, in: Zeitzeichen 12/2006, 12-14.
5 Friedrich Weber, Seele der Region. Die EKD verkennt die Bedeutung und die Chancen kleinerer Landeskirchen, in: Zeitzeichen 9/2006, 48-51.
6 Wolfgang Hemminger / Hansjörg Hemminger, Wachsen mit weniger. Konzepte für die Evangelische Kirche von morgen, Gießen 2006.

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