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Materialdienst 2/2007
Heiner Ullrich

Die freie Waldorfschule

Ein anthroposophisches Schulmodell aus erziehungswissenschaftlicher Sicht

Ein anthroposophisches Schulmodell aus erziehungswissenschaftlicher Sicht1

1. Die Organisationsform der Waldorfschulen und die Leitlinien ihrer pädagogischen Arbeit

• Freie Waldorfschulen sind rechtlich und finanziell autonome Schulen mit einer besonderen pädagogischen Prägung. Waldorfschulen werden in der Regel von einem Schulverein getragen, durch einen gewählten Vorstand wirtschaftlich geleitet und mit Hilfe eines Schulgeldes von den Eltern (mit-)finanziert. Statt einer direktorialen gibt es eine kollegiale Schulleitung.

• Waldorfschulen sind koedukative Einheits- bzw. Gesamtschulen, in denen die Schüler ohne Zensuren und Sitzenbleiben in stabilen, leistungsheterogenen Jahrgangsklassen in der Regel vom ersten bis zum zwölften Schuljahr – also während ihrer gesamten Schulzeit – gemeinsam lernen. Statt der amtlichen Noten- oder Punktezeugnisse erstellen die Waldorflehrer jährliche Schülercharakteristiken bzw. Lernberichte in freiem Wortlaut.

• Der Lehrplan, der Stundenplan und der Aufbau des Unterrichts sollen sich in erster Linie am jeweiligen Stand der Entwicklung des Kindes bzw. des Jugendlichen orientieren und sich ganzheitlich auf die verschiedenen Bereiche seiner Persönlichkeit („Kopf, Herz und Hand“) beziehen. Die Schüler benutzen in der Waldorfschule keine fachspezifischen Lehrbücher; statt ihrer halten sie die von ihren Lehrern im Unterricht behandelten Themen und Aufgaben handschriftlich in je individuell ausgestalteten Epochenheften fest.

• Durch die tendenzielle Gleichgewichtung von kognitiven, musisch-künstlerischen, handwerklich-praktischen und sozialen Lernbereichen im Unterricht und im Schulleben soll die Persönlichkeit des Schülers vielseitig gebildet werden.

• An der Freien Waldorfschule werden schon von der ersten Klasse an zwei moderne Fremdsprachen gelehrt. Eine weitere Besonderheit der Waldorfschulen ist der Unterricht in dem von Rudolf Steiner neu geschaffenen Schulfach Eurythmie. In vielen Ländern gibt es an Waldorfschulen christlichen Religionsunterricht in kirchlich-konfessioneller und in freier, an Steiners Christenlehre orientierter Form; denn Waldorfschulen verstehen sich als Schulen aus christlichem Geist.

• Die tägliche Unterrichtszeit gliedert sich in den allmorgendlichen zweistündigen „Hauptunterricht“, in welchem jedes der traditionellen Hauptfächer nur ein- bis zweimal pro Jahr in „Epochen“ von drei bis vier Wochen täglich gelehrt wird, und in den einstündigen „Fachunterricht“, der sich auf die Fremdsprachen, die künstlerisch-handwerklichen Fächer und Religion erstreckt.

• Der Klassenlehrer erteilt in den ersten acht Schuljahren der Unterstufe den täglichen Hauptunterricht in allen Fächern. Für die Tätigkeit eines Klassenlehrers wird der Abschluss einer spezifischen Waldorflehrer-Ausbildung vorausgesetzt.

Auf Grund der strukturellen Ähnlichkeiten mit den kindorientierten „Lebensgemeinschaftsschulen“ der klassischen Reformpädagogik (vgl. Skiera 2003) – den Montessori-, Jena-Plan- und Freinet-Schulen – und der zeitlichen Parallele ihrer Gründung im Jahre 1919 wird die Freie Waldorfschule in der Öffentlichkeit zumeist als reformpädagogisches Schulmodell diskutiert.

Ich möchte im Folgenden zeigen, dass diese Art der Rezeption viel zu kurz greift und die tiefgründige weltanschauliche Prägung dieser Schulkultur konzeptionell verfehlt.

2. Die Freie Waldorfschule – eine Schule aus dem Geist der Anthroposophie

Die Waldorfschule versteht sich offiziell als eine Schule mit einer besonderen pädagogischen Prägung, nicht als eine Weltanschauungsschule, in welcher den Schülern eine religiöse oder wissenschaftliche Doktrin gelehrt wird. Obwohl der größte Teil der Lehrerschaft sich innerlich der Anthroposophie Rudolf Steiners verpflichtet fühlt, wird Anthroposophie als Schulfach bzw. als Inhalt eines Faches offiziell nicht gelehrt. Lesen Sie weiter im Materialdienst.

Anmerkung

1 Dieser Beitrag entstand auf der Grundlage eines Vortrags, den der Verfasser auf einer Tagung der EZW zum Thema „Anthroposophie und christlicher Glaube“ (13.-15.11.2006) gehalten hat (vgl. MD 1/2007, 10ff).

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