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Materialdienst 9/2007
Helmut Zander

Frauen um Rudolf Steiner

Peter Selg als Historiograph der Anthroposophie

Frauen in einem Männerleben: welch spannendes Kapitel! Nicht nur, weil damit Rudolf Steiners private Lebensführung in den Blick kommt, sondern zuerst einmal, weil dadurch ein wichtiges emanzipatorisches Element der theosophischen und später anthroposophischen Bewegung sichtbar wird. Denn in der Theosophischen Gesellschaft, deren Generalsekretär Rudolf Steiner (1861-1925) in der deutschen Sektion seit 1902 war und aus der 1912 die Anthroposophische Gesellschaft entstand, spielten Frauen eine wichtige Rolle: Sie bildeten vor dem Ersten Weltkrieg in manchen Jahren mehr als die Hälfte der Neueintretenden, in vielen Zweigen stellten sie das Leitungspersonal. Dahinter stand eine wichtige sozialhistorische Funktion der Theosophie für Frauen: Hier fanden sie Leitungsaufgaben, für die es im Wilhelminischen Deutschland sonst kaum Parallelen gab, auch nicht in den Kirchen. Die Theosophie und die Anthroposophie waren zu Steiners Lebzeiten ein Eldorado für gebildete, religiös „musikalische“, selbstbewusste Frauen – darunter übrigens überproportional viele unverheiratete.

Jedoch stand im Fokus des historischen Interesses an der Anthroposophie bislang Rudolf Steiner als die unumstrittene Führungsfigur. Aber in den letzten Jahren hat das Interesse an Steiners Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zugenommen.1

Peter Selg, Arzt und Leiter des Ita Wegman-Archivs an der anthroposophischen Ita Wegman-Klinik in Arlesheim, hat sich nun mit denjenigen Frauen beschäftigt, mit denen Steiner persönlich enge Beziehungen unterhielt. Selg hat seine historischen Veröffentlichungen mit Arbeiten zur Geschichte der anthroposophischen Medizin begonnen und in den letzten Jahren seine Interessen auf andere Biographien in Steiners Umfeld ausgedehnt. Diese Publikationen erscheinen in sehr schneller Folge, fast wie am Fließband.

Marie Steiner, geb. von Sivers

Unter den Frauen in Steiners Umfeld steht an erster Stelle natürlich Steiners zweite Frau, Marie von Sivers (1867-1948). Er hatte sie 1900 kennengelernt, und im Rahmen dieser neuen Freundschaft kühlte die Beziehung zu seiner ersten Ehefrau ab, der einige Jahre älteren Anna Eunike (1853-1911).

Marie von Sivers wurde seine Partnerin und engste Mitarbeiterin beim Aufbau der deutschen Sektion der Adyar-Theosophie; sie überlebte ihren Mann um fast ein Vierteljahrhundert. Eine wichtige Rolle spielte sie bei der Etablierung der Tanzform der Eurythmie oder für die künstlerische Deklamation von Texten; sie hat in vielen Konflikten in der Anthroposophischen Gesellschaft streitbar Partei ergriffen, und nicht zuletzt war sie über lange Jahre wohl der Steiner vertrauteste Mensch. Steiner hat sie in allen Testamenten schließlich zu seiner Nachlassverwalterin eingesetzt.

Eine solide Biographie dieser zentralen Person ist ein großes Desiderat der anthroposophischen Geschichtsschreibung, und deshalb nimmt man jedes Buch zu diesem Thema neugierig zur Hand. Aber Selg enttäuscht.

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Anmerkung

1 Anthroposophie im 20. Jahrhundert. Ein Kulturimpuls in biographischen Portraits, hg. v. B. von Plato, Dornach 2003.

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